Postkolonialer Kunstdiskurs: Traumageplagt in der Postapartheid

In der Ausstellung „Dynamische Räume“ im Museum Ludwig in Köln werden die blinden Flecke der Kunstgeschichte angesteuert.

Blick durch ein Autofenster auf das Gesicht einer jungen Frau, Augen schwarz umrandet.

Filmstill aus „Streetkid“ des Kollektivs CUSS Foto: CUSS & Vukani Nde­bele

Würde sich unser Denken ändern, wenn unsere Bibliotheken anders aufgebaut wären; wenn sich zu jedem Buch sogleich ein Geflecht an Referenzen und Kommentaren ergeben würde, das den Inhalt des Buches (re-)kontextualisiert und verschleierte Verbindungen aufzeigt?

Diese Frage steht im Fokus des C& Center of Unfinished Business, das derzeit im Museum Ludwig in Köln zu Gast ist. Dieses Center kommt als schlichte Bibliothek daher, doch die Bücher auf dem etwa sieben Meter langen Lesetisch und zugehörigen Regal sind keineswegs monothematisch, möchten teilweise gar nicht zusammenpassen: Ernst Gombrichs kunsthistorisches Standardwerk „Geschichte der Kunst“ steht so neben dem Roman der afrobritischen Autorin Zadie Smith, „Swing Time“, eine Monografie über Baselitz („Ekstasen der Figur“) neben dem Bürgerrechtler James Baldwin und dem Werk des russischen Nationaldichters Puschkin.

Dazwischen finden sich gelbe Post-its, denn die Besucher*innen dieser alternativen Bibliothek sind angehalten, Kommentare und Verweise zu hinterlassen. Es haben sich bereits einige angesammelt, so mancher drückt hier seine Sympathie für das Projekt aus, doch eine Aufschrift sticht besonders heraus: George Floyd – 25.05.2020. Ein Museumsgast hat ihn in die Installation geklebt, und so die Linie gezogen von den Zusammenhängen an Ort und Stelle und dem Tod des afroamerikanischen Bürgers Floyd in Minneapolis.


Im „Paket“ mit Kapitalismus und Kolonialismus

Es ist pure Kontingenz, die die Ausstellung „Dynamische Räume“ und das Wiedererstarken der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA und Europa zeitlich so eng zusammenführt. 
Doch recht besehen gehören sie zusammen. Das C& Center of Unfinished Business ist eine journalistisch-künstlerische Intervention, die mit minimalistischen Mitteln die Tiefen und Untiefen, die Schmerz und Trauma produzierende Qualität des Rassismus offenbart. Und gleichzeitig aufzeigt, dass Rassismus kein Einzelphänomen ist, sondern stets „im Paket“ mit Kapitalismus und Kolonialismus aufgetreten ist – und es auch weiterhin tut.

„Dynamische Räume“, Museum Ludwig, Köln, bis 30. August. Ein kurzer Film zur Ausstellung ist unter https://vimeo.com/426296627 zu sehen.

Die Initiatorinnen des Raums sind die beiden Kunsthistorikerinnen Julia Grosse und Yvette Mutumba. Sie sind auch Gründerinnen der Internet-Kultur-Plattform „Contemporary And“ (C&), die seit 2013 vielbeachtet Einblicke in die Kunstszenen abseits der groben Achse „Berlin–Los Angeles“ und anderer althergebrachten Standorte gewährt. Das offene Netzwerk an Kulturakteur*innen pflegt den postkolonialen Diskurs, bietet Reviews von Ausstellungen und Szenen von Kampala bis Medellín und veröffentlicht auch Videoarbeiten.

Der Ansatz von Grosse und Mutumba basiert auf einem konstruktiven Gegendiskurs, der gezielt die blinden Flecke der Kunstszene ansteuert; gleichzeitig stets die Bedingungen (Kolonialismus und Kapitalismus, aber auch Sexismus) mitdenkt und thematisiert. 


Neben dem Leseraum wartet die Ausstellung mit Positionen des kenianischen Nest Collective, der südafrikanischen Künst­le­r*in­nen­grup­pe CUSS sowie mit Arbeiten von Nkiruka Oparah und Frida Orupabo auf. Das Kollektiv CUSS produzierte die Videoarbeit „Streetkid“ als Auftragsarbeit 2017 für die Plattform Contemporary And.

Ein gespaltenes Land

Zusammen mit dem B-Movie-Regisseur Vukani Ndebele realisierte das Kollektiv einen Horrorfilm. Die tief gespaltene Gesellschaft des afrikanischen Landes, zerrissen zwischen europäisch geprägter Bürgerlichkeit und den immer noch slumartigen Townships, wird hier als traumageplagter Post-Apartheid-Staat dekonstruiert.

Frida Orupabo aus Oslo arbeitet abseits großer Narration. Ihre Arbeiten, die alle unbetitelt bleiben, basieren auf Found Footage aus Foto- und Videoarchiven. Vier mittelformatige Fotografien auf Baumwollpapier zeigen je einen Mund in erheblicher Vergrößerung. Dem einen fehlen Zähne, ein anderer streckt die Zunge raus; alle eint, dass sie in Bewegung scheinen. In Kommunikation verwickelt oder gar im Sprechakt befindlich, erinnern die Bilder daran, dass es einen Bund zwischen Sprache und Macht gibt: Wessen Stimmen werden gehört, wer hat die Deutungshoheit? Wer kann wann gehört werden?

Die Bilder erinnern an den Bund, den es zwischen Sprache und Macht gibt

Daneben hängen zwei Collagearbeiten, die Schwarze Frauenfiguren zeigen. Deren Körper sind aus Einzelteilen zusammengesteckt. Fragil und bloß durch Reißzwecke beisammengehalten, drohen die Figuren beinahe auseinanderzufallen; verweisen gleichzeitig auf die mediale Ausbeutung und die Fixierung des weißen Mainstreams auf den Schwarzen Körper als exotisierte Schönheit.


„Dynamische Räume“ ist keine Ausstellung, die auf Antworten baut. Viel mehr werden hier Fragestellungen aufgeworfen, die uns gesellschaftlich, aber eben auch im Museumskontext noch länger beschäftigen werden: Wer darf wann sprechen? Und wem wird wie Gehör geschenkt?


Einmal zahlen
.

Fehler im Text entdeckt? Wir freuen uns über einen Hinweis!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de