Porträt neuer Hamas-Spitze: Neuer Hamas-Anführer Chalil al-Haja
Knapp war die Wahl des neuen Hamas-Anführers Chalil al-Haja. Er triumphiert über pragmatischere Stimmen in der radikalislamischen Palästinensergruppe.
Denkbar knapp soll die Entscheidung über den neuen Hamas-Anführer ausgefallen sein: mit nur 35 zu 34 Stimmen habe sich der im Gazastreifen geborene Chalil al-Haja durchgesetzt, berichtete der katarische Sender „Al Arabi“ Anfang der Woche. Beobachter sehen in der Wahl des 65-Jährigen eine Richtungsentscheidung gegen pragmatischere Stimmen innerhalb der radikalislamischen Palästinensergruppe, die von zahlreichen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird.
Nachdem die israelische Armee vor knapp zwei Jahren al-Hajas Vorgänger Jahia Sinwar in Südgaza getötet hatte, übernimmt damit ein enger Vertrauter des Drahtziehers hinter dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 die Führung. Über die Massaker, bei denen rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 entführt worden waren, sagte al-Haja der New York Times: „Wir haben es geschafft, die Palästinafrage wieder in den Fokus zu rücken.“ Seither hat Israel einen Großteil des Gazastreifens zerstört, mindestens 73.000 Menschen getötet und die rund zwei Millionen Bewohner auf 30 bis 40 Prozent des Gebietes zusammengedrängt. Der neue Hamas-Chef lebt seit einigen Jahren im Exil, vor allem in Katar.
Trotzdem verfügt der breitschultrige al-Haja, der öffentlich meist in Anzug und Hemd auftritt, über gute Verbindungen vor Ort. Er wurde 1960 in Gaza-Stadt geboren, studierte Islamwissenschaften und islamisches Recht in Gaza, Jordanien und im Sudan. 1987 trat er als Mitglied der ersten Stunde der Hamas bei.
Glaubwürdigkeit für al-Haja
Glaubwürdigkeit innerhalb der Organisation und in Teilen der Bevölkerung im Gazastreifen genießt al-Haja auch, weil er zahlreiche israelische Attentatsversuche überlebt und dabei insgesamt 17 Angehörige verloren hat. 2006 wurde er als Abgeordneter ins palästinensische Parlament gewählt. 2007 tötete Israels Militär zwei seiner Brüder und fünf weitere Verwandte im Haus seiner Eltern. 2008 starb sein Sohn Hamza bei einem Drohnenangriff, 2014 sein ältester Sohn Osama mitsamt seiner Familie.
Al-Haja machte trotzdem weiter. Als Vizechef der Hamas in Gaza nahm er immer wieder eine wichtige Rolle bei Kontakten der Organisation zu arabischen und islamischen Staaten ein. In den Gazakriegen mit Israel in den Jahren 2012 und 2014 spielte er als Verhandler eine Schlüsselrolle. Im vergangenen Jahr verfehlte ihn ein israelischer Luftangriff im katarischen Doha und tötete einen weiteren Sohn, Humam.
Bei der Wahl des Schura-Rates setzte sich al-Haja gegen Chaled Maschal durch. Der langjährige Leiter des Hamas-Politbüros aus dem Westjordanland gilt als pragmatischer.
Dennoch könnte sich al-Haja als guter Gesprächskanal zur US-Regierung erweisen. Im Rahmen der Verhandlungen waren sich al-Haja und Trumps Sondergesandter Steve Witkoff in Ägypten begegnet. Dabei hätten sie sich laut Witkoff über ihre verstorbenen Söhne ausgetauscht. Witkoffs Sohn starb 2011 an einer Überdosis Drogen. Zudem verfügt al-Haja über gute Kontakte nach Katar, Ägypten und in die Türkei, in der die Organisation wirtschaftlich sehr aktiv ist.
Kaum erwartbarer ideologischer Wandel
Derzeit steckt die Umsetzung des 20-Punkte-Plans von US-Präsident Donald Trump für den Gazastreifen fest. Die Hamas lehnt ihre Entwaffnung ab, Israel bombardiert das Gebiet fast täglich und weitet stetig seine Kontrolle aus.
Ideologisch ist mit al-Haja hingegen kaum Wandel zu erwarten. Er steht den Qassam-Brigaden – dem bewaffneten Arm der Hamas im Gazastreifen – nahe und dürfte am bewaffneten Kampf festhalten und die Nähe zum Iran stärken.
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