Polizeieinsatz in München-Schwabing: Linke demonstrieren nach Schuss in den Oberkörper
Wegen einer Softair-Pistole schoss die Polizei auf einen 14-Jährigen. Linke sprechen von Rassismus. Grüne und SPD wollen Waffen-Imitate verbieten.
Foto: Michael Faulhaber/dpa
Rund 100 Menschen aus der linken Szene haben am Samstagabend in München gegen Polizeigewalt und ihrer Ansicht nach rassistische Haltungen innerhalb der Polizei demonstriert. Auf der Kundgebung im Stadtteil Schwabing wurden Transparente gezeigt mit Aufschriften wie „Kein Freund, kein Helfer“ und „Dieser Staat tötet“. Die Demonstration verlief friedlich, 50 Polizisten begleiteten das Geschehen.
Auslöser war ein Polizeieinsatz am Dienstagabend in der Belgradstraße, ebenfalls in Schwabing. Dort war ein 14-jähriger Junge durch einen Polizeischuss schwer verletzt worden. Er hatte auf der Straße eine Softair-Pistole getragen, die laut Polizeiangaben wie eine echte Neun-Millimeter-Beretta-92-Pistole aussieht. Ein Passant hatte deswegen den Notruf alarmiert. Eine weitere Frau hatte sich so über die Pistole erschrocken, dass sie zum Schutz in einen Waschsalon geflohen war. Der getroffene 14-jährige Abdulkadir Ö. ist kurdischer Türke.
Die Aussagen, wie es zu dem Schusseinsatz kam, gehen weit auseinander. Nach Angaben des Polizeisprechers Thomas Schelshorn hat der Junge auf der Straße eine Bewegung gemacht, als würde er die Waffe durchladen. Die Beamten in Zivil hätten ihn daraufhin laut angesprochen, die Pistole fallen zu lassen. K. habe sich aber mit der Waffe zu den Polizisten umgedreht. Daraufhin wurde der Schuss abgegeben. Er verletzte den Jungen schwer am Oberkörper. Laut Angaben des Bayerischen Rundfunks (BR) gibt es zwei Videos, auf denen aber die entscheidenden Szenen der Schussabgabe und die Sekunden davor nicht zu sehen sind.
Die Mutter widerspricht
Die Mutter des 14-Jährigen widerspricht den Polizeiangaben nachdrücklich. Sie hat ihren Sohn mittlerweile im Krankenhaus besucht. Dem BR sagte sie, ihr Sohn habe laut seinen Angaben die Hände gehoben, als er die Polizei sah, und gerufen: „Bitte nicht schießen, es ist ein Spielzeug.“ Ihr Sohn sei kindlicher, als er aussehe. Er könne gut Deutsch. Die Softair-Waffe habe er von seinem Taschengeld gekauft, bisher habe er viel mit Wasserpistolen gespielt.
Körperlich sei sein Zustand stabil. Er wurde operiert, weitere Eingriffe seien aber nötig. Psychisch sei er stark angeschlagen. Die Familie ist seit 2023 in Deutschland. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, derzeit läuft eine Klage dagegen. Somit hält sie sich gegenwärtig rechtmäßig in Deutschland auf.
Wie bei jedem Schusswaffeneinsatz durch Polizisten wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dieses wird nicht von der Münchner Polizei, sondern vom Landeskriminalamt durchgeführt. Ein zweites Ermittlungsverfahren wurde gegen den angeschossenen 14-Jährigen eingeleitet – wegen der „vorangegangenen Bedrohung zum Nachteil der einschreitenden Polizeibeamten“.
Verbot gefordert
Software- oder Anscheinswaffen sehen echten Waffen täuschend ähnlich. Das ist auch die Absicht der Hersteller. Sie dürfen ab 14 Jahren gekauft werden. Es ist aber verboten, sie in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zu tragen. Im Internet wird ein solches Imitat einer Beretta 92 etwa für 31,70 Euro angeboten. Geworben wird damit, dass die echte Pistole weltweit im Einsatz ist bei Militär, Polizei und Spezialeinheiten. „Ein ‚Must have‘ für jeden Sammler und Waffenliebhaber“, schreibt ein Händler.
Immer wieder wird verlangt, den Zugang zu diesen Anscheinswaffen strenger zu regeln und sie etwa nicht mehr an Minderjährige zu verkaufen oder sie auch ganz zu verbieten. In München verlangen die Stadtratsfraktionen Grüne/Rosa Liste sowie die SPD, dass die Stadt aktiv wird. Sie solle sich bei Bund, Freistaat Bayern und dem Städtetag für eine Verschärfung einsetzen.
In einer Erklärung heißt es: „Spielzeug-, Softair- und vergleichbare Waffen sollen nicht mehr verkauft werden dürfen, wenn sie aufgrund von Größe, Form und Gestaltung nicht unmittelbar von echten Schusswaffen zu unterscheiden sind.“
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