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Politik in den Öffentlich-RechtlichenWie unabhängig sind eigentlich die Rundfunkräte?

Eine neue Studie zeigt, wie eng die Rundfunkgremien mit der Politik verflochten sind – und warum sich die Gesellschaft oft nicht vertreten fühlt.

Bei der Wahl ZDF-Fernsehrats spielen die Parteibücher ein wichtige Rolle Foto: Kristina Schaefer/imago

D er Deutsche Bundestag gilt als wichtigste Instanz in der Bundesrepublik. Seine 630 gewählten Abgeordneten vertreten die Interessen aller Bürger*innen. Er wählt die Regierung und guckt ihr kritisch auf die Finger.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) ist ein ungleich komplexeres Gebilde als die Bundesrepublik. Deshalb braucht es hier 651 Gremienvertreter*innen, die die Geschicke der zwölf Anstalten begleiten und den In­ten­dan­t*in­nen kritisch auf die Finger gucken. 529 Menschen sind für die neun ARD-Ableger zuständig, dazu kommen noch mal 60 beim ZDF, 45 beim Deutschlandradio und 17 beim Auslandssender Deutsche Welle.

Wie eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) nahelegt, gibt es zwischen den Gremien und dem Bundestag keinen großen Unterschied. Hier wie dort sitzen Menschen von Format und Partei. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts dürfen in den ÖRR-Gremien nur ein Drittel zur sogenannten „Staatsbank“ gehören. OBS-Studienautor Peter Stawowy hat sich jetzt allerdings nicht an die enge Politsitzmöbel-Definition aus Karlsruhe gehalten, bei der ein politisches Amt dazugehört.

Er hat einfach geguckt, wer ein Parteibuch hat. Beim ZDF-Fernsehrat sind das 60 Prozent, auch der Hörfunkrat des Deutschlandradios und die Räte beim BR und SWR liegen über der 50-Prozent-Marke. Am wenigsten haben sie mit 23 beziehungsweise 15 Prozent im Saarland und in Bremen. Bei den Verwaltungsräten liegen die Quoten mit wenigen Ausnahmen deutlich höher.

Sehr gestrige Haltung

Nun bestimmt die Parteizugehörigkeit zum Glück nicht mehr wie früher die Entscheidungen in den Sendern, auch das zeigt die OBS-Studie. „Oh, das sollte stärker betont und ausgearbeitet werden, wie staatsfern der ÖRR ist“, meint die Mitbewohnerin. Trotzdem geben viele Gremien nach wie vor nicht an, ob ihre Mitglieder ein Parteibuch haben.

In der Kurzbiografie der ZDF-Fernsehratsvorsitzenden Gerda Hasselfeldt ist auf der ZDF-Website brav aufgeführt, dass sie 30 Jahre im Bundestag saß und von 1989 bis 1992 Mi­nis­te­r*in war. Bloß die Partei muss gegoogelt werden. CSU. Das zeugt neben einem massiven Mangel an Transparenz von einer sehr gestrigen Haltung.

Vor zehn Jahren hatte die OBS schon mal eine solche Gremien-Untersuchung gemacht. Die Räte seien zu unbekannt und zu wenig kommunikativ nach außen wie in die Anstalten hinein, lautete das Fazit. Nach der aktuellen Neuauflage hat sich leider daran nicht viel geändert. Immerhin bei der Transparenz gibt es Fortschritte, von der Parteikiste mal abgesehen.

So tagen die Rundfunkräte mit Ausnahme der Deutschen Welle heute öffentlich. „Und doch“, schreibt Stawowy, „bleibt der Eindruck, dass den Gremien der Kontakt mit der Öffentlichkeit, die sie repräsentieren sollen, unangenehm ist.“ Solange das so ist, fühlt sich die Gesellschaft in ihrem Rundfunk weiter nicht vertreten.

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Steffen Grimberg
Medienjournalist
2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
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4 Kommentare

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  • Während der ÖRR über neue Technologien wie Internet und Social Media als Herausforderung redet und seinen steigenden Finanzbedarf betont, sollte sich die Gesellschaft mehr Gedanken über die teils offensichtlichen, teils verborgenen Fehlentwicklungen beim ÖRR machen.

    Offensichtlich ist, dass der ÖRR seit der Zulassung privaten Rundfunks und Fersehens sein Programmangebot kontinuierlich ausgeweitet hat. 7/24-Vollprogramme auf immer mehr Kanälen und immer mehr Distributionswegen, plus Zusatzangeboten in Mediatheken, Apps usw. Dass die inhaltliche Qualität des ÖRR im Sinn von Aufklärung, Bildung und Demokratieförderung mitgewachsen wäre, kann man nicht behaupten. Im Gegenteil; es überwiegt Infotainment und gleiche Inhalte werden über Sendungen, Programme und Kanäle hinweg wiederholt.

    Weniger offensichtlich ist, dass die Sendeanstalten sich gleichzeitig zu Konzernen entwickelt mit zahlreichen Unterfirmen, Beteiligungen und Kooperationsverträgen haben. Ein kaum mehr durchschaubares Flechtwerk, das Kontrolleure kaum mehr durchschauen können und in und mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Der ÖRR gibt sich dabei alle Mühe, seine Intransparenz zu wahren.

  • Je transparenter und vielfältiger die Gremien, umso besser, gerne dürfen da dann auch mal Leute ohne Parteibuch sitzen.



    Natürlich ist das Gerede der AfD (und teilweise BSW) vom Staatsfunk Unsinn, trotzdem muss auch der nur entfernte Anschein vermieden werden.

  • Ohh. Sehr überraschend.

  • Öffentliches Tagen ist selten eine Lösung, dann wird halt im Vorfeld telefoniert, um Dinge im geschützten Raum auszuloten (ja, das muss auch geschehen).



    Wichtiger ist zu argumentieren, zu begründen und gemeinsame universale Prinzipien zu finden, die als Richtschnur dienen können.



    Beim ÖR könnte das sein, verschiedene Meinungen und Haltungen einzubringen, Wahrheit und Korrektheit dabei sehr hoch zu stellen - ein möglichst guter Filter gegen immer ausgefuchstere Manipulation zu sein, Menschen von jung bis alt zu bilden und so politische und gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern.



    Dass da verschiedene Gruppen sitzen und mit einander reden, ist gut - ein Parlament ist es dabei nicht, die Öffentlichkeit könnte nur Theateraufführung, Positionen statt Interessen, ... hervorbringen. Die bitte hier nicht dogmatisch.