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Pogačar stürzt bei Spanien-RundfahrtGroßes Rätselraten

Tadej Pogačar, der Favorit und Führende der Vuelta, scheidet wegen eines vermeidbaren Sturzes aus. Die Hitze und Strapazen setzen den Fahrern zu.

Es war der Schock des Sportwochenendes. Im letzten Drittel einer vergleichsweise wenig anspruchsvollen Etappe der Vuelta a España kam Tadej Pogačar zu Fall. Der Mann im Roten Trikot, der Rundfahrten gewöhnlich gewinnt, erreichte nicht den Zielstrich. Vielmehr lag er plötzlich am Straßenrand am Boden. Blut tropfte von seiner Stirn, er hatte eine Platzwunde an einer Augenbraue. Auch die linke Schulter blutete. Er hatte sich, wie später Adrian Rotunno, der Teamarzt von UAE Emirates, bestätigen sollte, das Schlüsselbein gebrochen. Hinzu kommen eine Gehirnerschütterung, der Bruch eines Halswirbels und diverse Abschürfungen.

Unmittelbar nach dem Aufprall versuchte Pogačar sogar noch, wieder aufs Rad zu steigen. Er gab das Vorhaben aber mit schmerzverzerrtem Gesicht und wegen der offensichtlichen Dysfunktionalität des linken Arms schnell wieder auf und nahm, immerhin sicher auf beiden Beinen gehend, im Krankenwagen Platz.

Von den vielen unnötigen Stürzen im Radsport war dies einer der unnötigsten. Denn die Straße war breit, gut asphaltiert, die Sichtverhältnisse exzellent und auch das Ziel war noch mehr als 30 Kilometer entfernt. Kein Grund für wilde Positionskämpfe also. Rätselraten über die unmittelbare Sturzursache gab es daher auch bei Fahrern, die dicht neben dem Slowenen unterwegs waren. „Es war ein harter Sturz, ich war direkt neben ihm und konnte noch ausweichen“, meinte der Belgier Wout van Aert im Ziel. Er mutmaßte: „Er scheint auf eine Unebenheit oder ein Loch gekommen zu sein und hat die Kontrolle über den Lenker verloren.“ Das Rad machte dann einen Schlenker nach rechts und Pogačar kollidierte mit einem „Visma – Lease a Bike“-Teamkollegen von van Aert.

Der Brite Oscar Onley, der an der gleichen Stelle wie Pogačar zu Fall gekommen war, ausgelöst durch das Pech des Slowenen, führte noch einen anderen Faktor an. „Es war sehr chaotisch heute. Wenn der Tag so einfach war, ist jeder etwas schläfrig“, meinte er und konstatierte: „Alle Stürze sind natürlich unnötig. Aber es schien so, als wäre es heute ohne Grund stressig gewesen.“ Bis kurz vor dem Ziel folgten noch weitere Stürze mehrerer anderer Fahrer. Die Hitze in Südspanien und die Anstrengungen des Rennens setzen, so zeigt sich, nicht nur den Athletenkörpern zu. Auch Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen werden beeinträchtigt, gerade dann, wenn es nicht unbedingt gefährlich scheint.

WM-Titelverteidigung unwahrscheinlich

Von Pogačar selbst kam noch keine Erklärung für die Unfallursache. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Die notwendige Schulteroperation wurde allerdings aufgrund der Gehirnerschütterung verschoben, teilte Teamarzt Rotunno mit.

Kein Risiko also für den Posterboy des Straßenradsports. Eine Titelverteidigung bei der WM Ende September in Kanada scheint äußerst unwahrscheinlich. Realistischer ist ein vorgezogenes Saisonende, wie schon bei seinem Dauerrivalen Jonas Vingegaard, der ebenfalls gestürzt war.

Die Häufung dieser Vorfälle macht noch einmal deutlich, welche Risiken diesem Ausdauersport innewohnen. Im Peloton selbst und auch im Tross wird aber schnell auf Normalbetrieb umgeschaltet. „Dieser Tag wird immer mit seinem Crash verbunden sein. Wir werden ihn in diesem Rennen vermissen“, erklärte zwar van Aert. Er stieg dann aber zur Siegerehrung aufs Podest und streifte sich das Grüne Trikot des Punktbesten über, das er sich dank seiner Punkte in den Zwischensprints am Vortag von eben Pogačar geholt hatte.

„Solche Unfälle passieren im Radsport. Es ist auch keiner schuld gewesen“, bilanzierte UAEs Sportdirektor Matxin Fernandes. Und trotz seiner momentanen Betroffenheit und großen Nähe zu seinem Schützling blickte der Baske schon wieder auf die kommenden Tage voraus: „Es ist natürlich ein schwerer Moment, aber es sollte auch Motivation für das Team geben. Tadej hat natürlich viele Siege geholt. Aber das Team kann auch ohne ihn viele Siege holen.“

Etappenjagd für UAE lautet nun das Motto. Und der Kampf um das Rote Trikot ist auf einmal wieder offen. Beste Aussichten haben der ewige Zweite Enric Mas (2018, 2021 und 2022 jeweils Zweiter, 2024 Dritter) und der diesjährige Giro-Zweite Felix Gall aus Österreich. Aber auch für Routinier Primoz Roglic ist trotz Trainingsunfall kurz vor der Vuelta die Tür plötzlich wieder ein ganzes Stück weiter geöffnet für den fünften Rundfahrtsieg in Spanien. Das hat es bislang noch nie gegeben.

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