Vuelta ohne den Topfavoriten: Verkehrte Verhältnisse
Die großen Grand-Tour-Teams gehen in Spanien mangels Klassement-Kapitänen auf Etappenerfolge. Die neuen Teams müssen sich erst noch finden.
Schmetterlingseffekte können auch durch kleine Steine ausgelöst werden: Freunde der nichtlinearen Dynamik sollten interessiert auf die laufende Spanienrundfahrt blicken. Denn dort führte ein kleiner Stein zu mächtigen Verwerfungen im Rundfahrtgeschäft. Der Festkörper jedenfalls, der sich am letzten Samstag auf dunklem Asphalt dem Peloton der Vuelta a España entgegenstellte, brachte nicht nur Superstar Tadej Pogačar zu Fall. Dessen sturzbedingtes Fehlen löste gleich eine ganze Kettenreaktion aus.
Sah man vorher die weißen Trikots seines UAE-Emirates-Teams fein hintereinander aufgereiht an der Spitze des Feldes, um das Rennen zu kontrollieren, so ist das Farbenspiel ganz vorn jetzt bunter. Verschiedene Teams wechseln sich je nach Interessenlage ab. Oft sieht man die von dunkelblau zu mintgrün changierenden Leibchen des Decathlon-Rennstalls vorn. Die Mannschaft um den österreichischen Kapitän Felix Gall ist die stärkste unter den aktuellen Klassement-Anwärtern. Sie lässt auch gern die Muskeln spielen. Das Timing allerdings stimmt nicht immer. „Wir haben es zu sehr mit der Brechstange versucht, und mir ging am Ende etwas die Luft aus“, übte Gall nach Platz 4 und Zeitverlust von 18 Sekunden auf den Spanier Enric Mas bei der Königsetappe am Sonntag Selbstkritik. Mas hingegen, nach Pogačars Ausscheiden ins Rote Trikot geschlüpft, muss mit den begrenzten Kräften seiner Movistar-Mannschaft haushalten.
„Es ist eine offene Situation. Mas war in den letzten Tagen eine Art Ersatzleader. Es ist aber alles andere als sicher, dass er auch am Ende der Rundfahrt vorn sein wird. Das macht es anders, weniger vorhersehbar“, schätzt Maarten Wynants, sportlicher Leiter von Visma – Lease a Bike, die Gesamtlage ein.
Eigentlich sollte diese offene Situation Ausreißer begünstigen. Denn es gibt nicht den großen Kontrolleur, der entscheidet, wem wie viel Vorsprung zugestanden wird. Aber im hochkomplexen Straßenradsport führt mangelnde Dominanz nicht zu mehr Freiheiten. Darüber beklagte sich zuletzt der britische Fluchtgruppenspezialist Ethan Hayther. Über 400 Kilometer legte er bei dieser Vuelta bereits vor dem Feld zurück. Stets war die Leine aber sehr kurz, und er wurde immer wieder eingefangen. „Ich dachte, ich hätte jetzt mehr Zeit zum Atmen und sie werden mich fahren lassen, aber sie haben den Abstand sehr gering gehalten“, meinte er nach seinem letzten missglückten Versuch.
Killerbienen
Das richtete sich vor allem an die Adresse von Visma – Lease a Bike. Die sind zwar ohne eigenen Rundfahrtkapitän angereist. „Es ist wirklich komplett anders für uns. Normalerweise haben wir einen Leader für eine Grand Tour und streben den Sieg an. Hier ist es anders“, bestätigte der sportliche Leiter Maarten Wynants. „Aber das gibt den anderen Fahrern Möglichkeiten, selbst zu glänzen“, fügte er an. Deshalb sieht man die schwarz-gelben „Killerbienen“ selbst in den Fluchtgruppen – und nicht als zweite große Turbine im Kontrollpeloton.
Dieses Szenario gilt allerdings nur bei eher bergigem Profil. Wird es flach und winken Sprintsiege, gruppieren sich die „Killerbienen“ wieder vorn ein. Sie lassen Ausreißern wie Hayter wenig Luft, und garantieren so die Erfolge vom jungen Sprint-Ass Matthew Brennan und Routinier Wout van Aert. Brennan holte drei Etappensiege, van Aert dominiert in Abwesenheit von Pogačar die Punktewertung.
Bei dessen Team ist auch alles anders. „Vorher sind wir immer von vorn gefahren und haben die Fluchtgruppen kontrolliert, jetzt müssen wir gucken, dass wir selbst in die Gruppen kommen“, sagte UAE-Sportdirektor Joxean Fernandez. Was leichter ist, was sich auch als erfolgreicher bewährt hat, ist kein Geheimnis. „Mit Tadej hast du einfach eine Garantie. Du kannst entscheiden, wie stark du die Gruppe kontrollierst, und hast dann weiter deine Siegchancen mit ihm.“ Tja, vieles ist anders bei dieser Vuelta a España. Und gerade das macht sie sehenswert. Diese Ausgabe gleicht inzwischen einem bunten Schmetterling im zuletzt faden, leicht ausrechenbaren Rundfahrtgeschäft.
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