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Plattform CouchsurfingIst die Sofa-Utopie am Ende?

Unsere Autorin loggt sich nach vielen Jahren wieder bei Couchsurfing ein – und fragt sich, was aus dem Konzept des kostenlosen Schlafplatzes wurde.

Couchsurfing war mal ein Versprechen Foto: imago

M ein Profil wirkt wie eine Zeitkapsel. Ein Foto vor der zugefrorenen Newa aus meinem Auslandssemester 2012 in Sankt Petersburg, meine Lieblingsfilme von vor 15 Jahren, Rezensionen von Gästen und Gastgeber:innen, an die ich mich erst jetzt wieder erinnere. Ich bin zurück bei Couchsurfing, dieser Plattform, auf der man sich kostenlose Übernachtungen weltweit organisieren konnte. Extrem beliebt – bevor sie von Airbnb überrollt wurde. Wohin ist das freie Sofa verschwunden? Heute muss man für die Plattform zahlen, und anscheinend hat sich auch das Reisen an sich geändert, denn aus meinem Bekanntenkreis macht fast niemand mehr Couchsurfing. Auch ich bin bloß pragmatisch hier: Ich will für einen Workshop nach Rom, die Übernachtungspreise sind absurd, warum also nicht mal wieder eine Couch?

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Ich scrolle durch die Profile. Beamte, Anwälte, DJs und alle lieben kulturelle Begegnungen und sind super spontan. Mich befällt eine gewisse Lustlosigkeit. Vor 15 Jahren war Couchsurfing ein Versprechen. Die Sharing-Economy würde groß werden, Grenzen fallen, die Vereinigten Staaten von Europa zum Greifen nah. Natürlich war die Klientel elitär: das Bett zwar umsonst, aber eben nicht das Flugticket, der richtige Pass oder der richtige Habitus.

Und doch war die geldfreie Gastfreundschaft gelebte Utopie, und viele Abende habe ich nie vergessen. Heute geht es beim Reisen weniger ums Zusammenkommen und mehr ums Abschalten: Batterien aufladen, Erholen für den Job. Die Aussicht, nach neun Stunden Gruppenworkshop in Rom noch den Abend mit Fremden zu verbringen, erschöpft mich. Couchsurfing ist für unsere vereinsamte und zugleich sozial ermüdete Gesellschaft vielleicht einfach nicht mehr Zeitgeist.

Und da ist noch was. Denn ein sicherer Ort für alle war die Plattform nie. Die aktiven Gastgeber in Rom sind fast nur Männer. Und ich erinnere mich: Männer, die als Gegenleistung für das kostenlose Bett Sex erwarteten oder aufdringlich wurden, habe ich oft erlebt – und nicht nur ich. In Rezensionen schrieb ich nichts davon. Denn waren wir nicht eine große Community? Kostenlose Gastfreundschaft schlechtreden, das war wie ein Tabu. Heute scheinen die Nutzerinnen selbstbewusster, ich lese mehrere Klagen über übergriffige Gastgeber. Wie ein sicheres Konzept für Frauen wirkt es weiterhin nicht. Will ich das echt wieder? Ich buche stattdessen ein Airbnb.

Dann aktualisiere ich doch mein Profil. Füge neue Reiseerinnerungen und eine neue Couch hinzu. Schalte mich als Gastgeberin wieder aktiv. Mit weniger Illusionen, einfach auf der Suche nach den Momenten, die ich daran liebte. Eine Utopie ist so schnell nicht tot.

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Alina Schwermer
freie Autorin
Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen und übers Reisen. Autorin mehrerer Bücher, zuletzt "Futopia - Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
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