Pflegeschüler in der Pandemie: „In manchen Bereichen Seelsorger“

Die Belastung im Krankenhaus war auch schon vor Corona hoch, sagt Pflegeschüler Leo Endlich. Er wünscht sich den Präsenzunterricht zurück.

Alexander Plessow, Leitender Krankenpfleger auf der Viszeralchirurgie-Station, spritzt bei einem Patientenrundgang auf der Viszeralchirurgie-Station des Krankenhauses Havelhöhe Natriumchloridlösung

Hat viel zu tun: Krankenpfleger beim Patientenrundgang Foto: Leonhard Simon/imago

taz: Herr Endlich, fühlen Sie sich als Auszubildender in der Pflege überlastet?

Leo Endlich: Überlastet nicht zu hundert Prozent. Der Schichtdienst tut eigentlich am meisten weh, weil es dauerhaft von Früh- zu Spät- zu Nachtschicht wechselt und man dann kaum schlafen kann. Die meiste Arbeitsbelastung sind dann also die Aufstehzeiten und der Schlafentzug.

21, ist im dritten Jahr seiner Ausbildung zum Krankenpfleger. Dafür arbeitet er gerade in der Station für Psychiatrie an einem Hamburger Krankenhaus.

Welche Situationen sind besonders schwierig?

Wenn sich Kollegen krank melden, ist man manchmal nur zu zweit oder zu dritt auf der Station und man hat mehrere Patientenzimmer, auf die man aufpassen muss. Und dann passiert was und im anderen Zimmer klingelt es auch schon und du hast das Gefühl, dass du gar nicht richtig pflegen kannst, weil das in der Praxis nicht umsetzbar ist. Man lernt eigentlich genau, wie man einen Menschen bei einer Krankheit bestmöglich pflegen soll, aber wenn man das macht, schafft man es nicht, zu den anderen Patienten zu gehen. Da ist eine hohe Belastung da. Man muss jetzt oft auch mehr Gespräche mit den Patienten führen, weil die keine Angehörigen mehr empfangen dürfen. Da ist man in manchen Bereichen ein Seelsorger geworden. Für viele ist das eine sehr schwierige und belastende Situation, sehr krank und dabei komplett isoliert zu sein. Ich würde sagen, dass es die Patienten deshalb fast am schlimmsten getroffen hat.

Mehr Pfle­ge­schü­le­r*in­nen Im Jahr 2019 haben 71.300 Menschen eine Ausbildung als Alten-, Kranken- oder Kin­der­kran­ken­pfle­ge­r*in begonnen. Das sind 8,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders hoch war der Anstieg mit 9,2 Prozent mehr An­fän­ge­r*in­nen in der Altenpflege.

Männer gesucht Nur 25 Prozent der An­fän­ge­r*in­nen waren 2019 männlich. Das sind immerhin schon 6 Prozent mehr als 2009.

Mehr Ab­bre­che­r*in­nen Statistiken zur Zahl der Ab­bre­che­r*in­nen während der Pandemie liegen noch nicht vor. Laut Deutschem Pflegerat wird sie aber wohl höher ausfallen als in den Jahren zuvor. Ausschlaggebend hierfür seien auch die extrem herausfordernden Erfahrungen während der praktischen Einsätze.

Einheitliche Ausbildung Mit dem neuen Pflegeberufegesetz gibt es seit 1. Januar 2020 die generalistische Pflegeausbildung. Sie löst die drei bisherigen Pflegeausbildungen ab. (taz)

Sie sind im dritten Lehrjahr, mehr als die Hälfte Ihrer Ausbildung fand während Corona statt. Wie hat die Pandemie Ihre Ausbildung verändert?

Ich hatte auf meiner Station die ganze Zeit eine recht hohe Belastung, die ist durch Corona nicht wirklich höher geworden. Ich denke, in anderen Stationen, wie zum Beispiel der Notaufnahme, ist das aber anders. Meine Arbeitszeiten haben sich auch kaum verändert. Man ist als Auszubildender noch in einem Schutzraum, man darf keine Überstunden machen und auch nicht einspringen. Ich merke die Belastung aber natürlich bei meinen Kollegen extrem. Das war vor allem am Anfang der Pandemie noch stärker.

Sind Sie geimpft?

Ja, ich habe die Erstimpfung AstraZeneca im März bekommen und werde demnächst mit einem mRNA-Impfstoff zweitgeimpft.

Fühlen Sie sich seitdem sicherer bei der Arbeit?

Auf jeden Fall. Weil man mit extrem vielen Menschen in Kontakt ist und die Ergebnisse der Schnelltests nicht immer aussagekräftig sind, fühle ich mich jetzt sicherer. Auf meiner aktuellen Station teste ich auch selbst viel. Ich persönlich habe keine Riesenangst vor der Krankheit, aber möchte meine Mitmenschen nicht anstecken.

Haben Sie Impf­geg­ne­r*in­nen im Kolleg*innenkreis?

Ja, jemand aus meiner Ausbildung ist da zum Beispiel ziemlich kritisch eingestellt, was ein anstrengender Konflikt ist. Die Diskussion kann man mit solchen Menschen nicht wirklich führen, deswegen halte ich mich da mittlerweile raus. Es führt zwar zu einem unangenehmen Klima, aber es wird niemand ausgegrenzt. Alle sind sehr vorsichtig, wenn es um dieses Thema geht. Die Bedenken vieler Kollegen haben sich mittlerweile auch aufgeklärt, sodass sich immer mehr doch impfen lassen.

Was könnte das Lernen während der Pandemie verbessern?

Wir hatten in der letzten Zeit viel Schulausfall, das war natürlich nicht gut für die Ausbildung. Ich würde mir wünschen, dass ich wieder in den Präsenzunterricht kann. Das würde mir helfen, und dann würde ich mehr lernen, weil ich gerade ein echtes Lerndefizit bei mir bemerke. Ich bin ein Mensch, der eine Lernumgebung braucht und das nicht so gut von zu Hause aus kann. Es würde auch helfen, wenn die Patienten die Maßnahmen ernst nehmen und sich daran halten, die Maske aufzusetzen und beim Rauchen nicht zusammenzustehen. Im Großen und Ganzen wäre es auch schön, wenn der Pflegeberuf mehr wertgeschätzt wird, auch durch die Pandemie. Auch wenn Wertschätzung alleine nicht reicht. Es müssen Maßnahmen folgen.

Und welche Maßnahmen wären das?

Pandemie hin oder her, wir brauchen eine dauerhaft höhere Bezahlung für die harte Arbeitsbelastung. Das würde mich auch stolzer machen, meinen Beruf auszuüben, wenn da mehr Anerkennung für wäre. Eine gerechte Bezahlung würde schon viele Mängel beseitigen. Ein Pfleger ist nicht arm, aber für das, was er tut, unterbezahlt.

Woran mangelt es im Pflegeberuf gerade am meisten?

Es mangelt an begeisterten Menschen und positivem Denken innerhalb des Teams. Oft sind alteingesessene Pfleger frustriert von ihrem Beruf und lassen das an anderen aus. Die Pflege hat auch keine richtige politische Vertretung. Das Gemüt eines normalen Krankenpflegers ist es nicht, sich in einem kapitalistischen System durchzusetzen. Da würde ich mir wünschen, dass es mehr öffentliche Unterstützung gibt.

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