Pflegerin über Pflegenotstand und Corona: „Der Markt wird es nicht richten“

Silvia Habekost arbeitet als Pflegerin in der Anästhesie. Sie kämpft für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Gespräch zum „Tag der Pflege“.

Silvia Habekost lehnt an einem alten Baum fürs Foto, sie entspannt bei ausgedehnten Spaziergängen

„Wir können nur aus einer Position der Stärke Druck ausüben“, sagt Silvia Habekost Foto: Sophie Kirchner

taz: Frau Habekost, Sie haben vor einem Jahr einen Beitrag in der Analyse & Kritik, einer Zeitschrift für Sozialtheorie, geschrieben „Uns wird und wurde nicht zugehört“. Hat sich das geändert?

Silvia Habekost: Eigentlich nicht. Ich merke das auch bei Presseanfragen: Da erwartet man, dass wir schildern, wie schrecklich unsere Situation ist, dass Patienten gefährdet werden, dass Patienten sterben. Aber der Bericht darüber, wie wir uns organisieren und dass wir in dem Fall schon auch handelnde Personen sind und aktiv gegen diese ganzen Zustände ankämpfen … Kann zwar sein, dass wir das erzählen, aber das senden sie dann nicht.

Sie meinen, dass das zu sehr Opferinszenierung ist?

Ja, genau. Es gab und gibt viele Aktionen wie „Pflege am Boden“. Wenn wir gewerkschaftlich kämpfen und sagen: Hey, Leute, tretet in die Gewerkschaft ein, organisiert euch, kommt das in einigen Bereichen nicht so gut an.

In welchen?

Vor allem bei so manchen Arbeitgebern. Es gibt sicherlich bessere und gute Beispiele, aber die Erfahrung, die ich mache, da wird das nicht so gerne gesehen.

Können Sie das bitte etwas genauer beschreiben?

Als wenn die Angst vor uns hätten. Kol­le­g:in­nen von mir haben auch tatsächlich Angst. Aber da muss ich auch sagen: Tja, Leute, wir müssen uns unserer Stärke bewusst sein.

Der Werdegang Geboren 1962 im Rheinland, ist Silvia Habekost mit 20 Jahren nach Berlin gekommen, um sich zur Krankenpflegerin ausbilden zu lassen – im Waldkrankenhaus Spandau. Seit 1999 arbeitet sie im Vivantes Klinikum Friedrichshain und ist heute stellvertretende Leiterin in der Anästhesie. Zur Praxis gehört für Habekost immer auch die Theorie: 1998 machte sie ihren Magister an der FU in Nordamerikastudien und Lateinamerikanistik, 2001 ihren Master of Public Health an der TU.

Die Gewerkschaft Seit 1991 ist Habekost bei Verdi, sie ist dort in vier Gremien aktiv, unter anderem im Bezirksvorstand und in der Bundesfachkommission Krankenhäuser. In Berlin initiierte sie mit Verdi die Berliner Krankenhausbewegung. Außerdem ist Habekost im Berliner Bündnis „Gesundheit statt Profite“ und im bundesweiten Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“ aktiv. (nio)

Es ist ja ein Recht, das man hat, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Ja, natürlich. Aber es wird uns teilweise abgesprochen. Auch die Meinungsäußerung. Ich habe doch das Recht, mich gewerkschaftlich zu organisieren. Auch im Betrieb. Reden kann ich auch während meiner Arbeitszeit. Aber ich kann natürlich auch hinterher meine Kol­le­g:in­nen ansprechen oder in der Pause. Ich lass mir doch nicht den Mund verbieten! Jetzt habe ich den Punkt vergessen, den ich nennen wollte …

… viele haben Angst.

Genau, viele haben Angst. Aber wir werden gebraucht! Eigentlich müssten wir doch die Bedingungen diktieren können. Aber da wird nicht drauf gehört. Da habe ich so ein Gefühl, Leute, ihr habt den Schuss nicht gehört. Da redet sich die Politik raus.

Inwiefern?

Leasing im Pflegebereich ist anders als in anderen Bereichen, es ist richtig teuer. Aber die Kolleg:innen, die das machen, die schaffen sich ihre Bedingungen, die sie haben wollen.

Was bedeutet das, „sich Vorteile zu schaffen durch Leasing“?

Sie suchen sich die Schichten aus, machen dann frei, wann sie frei haben wollen. Und verdienen meistens noch mehr.

Und das führt zur Abwehrhaltung.

Von der Politik wird es verteufelt, es wird von den Krankenhausleitungen und von den Geschäftsführungen verteufelt, weil es halt teuer ist. Dann wollen sie es am liebsten verbieten. Dann würden sie die Möglichkeit verbieten, sich bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Leasing ist ein Teufelskreis: Wenn keine Leasingkräfte mehr bestellt werden und gleichzeitig keine Betten gesperrt, keine Operationen abgesagt werden, verschlimmern sich die Arbeitsbedingungen der Stammbelegschaft noch mehr. Und das treibt noch mehr ins Leasing.

Verständlich.

Sie schaffen es nicht, in den Betrieben die Arbeitsbedingungen zu schaffen, wo man Leasing nicht mehr braucht. Die sagen zwar, die wollen sie in den Betrieb zurückholen. Aber schaffen keine Anreize dafür, dass die auch wieder zurückkommen. Sondern verteufeln uns dafür, dass wir das wirklich ändern wollen. Und das verstehen sie nicht. Die Arbeitsbedingungen müssen sich ändern.

Wie reagieren Po­li­ti­ke­r:in­nen auf Ihre Forderungen?

Frau Kalayci hat uns letztes Jahr, als wir in Verhandlungen zum Corona-Krankenhauspakt waren, gefragt und auch vorgeworfen, warum wir das denn nur für Vivantes und die Charité machen. Das muss man sich mal vorstellen. Sie macht nichts. Sie lehnt unseren Volksentscheid ab, wo wir es für alle Krankenhäuser in Berlin regeln wollten, und fragt uns, wieso wir das denn nur für Vivantes und Charité machen.

Wie haben Sie reagiert?

So was macht mich echt sprachlos. Das sind so Ausflüchte, nichts zu machen.

Sie haben es gerade erwähnt, mit dem Volksentscheid Gesunde Krankenhäuser sind Sie gescheitert. Nun ist daraus das Bündnis „Gesundheit statt Profite“ entstanden. Was ist diesmal anders?

Auf der juristischen Ebene sind wir gescheitert. Aber mit dem Volksentscheid sind wir auch breiter geworden. Man sammelt nicht 50.000 Unterschriften einfach mal eben so.

Am 12. Mai wollen Sie mit Ihrer „Berliner Krankenhausbewegung“ am Roten Rathaus eine Petition übergeben, in der Sie einen Tarifvertrag „Entlastung“, also eine Entlastung per Tarifvertrag, und den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) fordern. Was kann man sich darunter vorstellen?

Das ist unser Plan to win. Die Petition ist von den Kol­le­g:in­nen von Charité und Vivantes und Töchter, die machen so ein bisschen mehr als 40 Prozent der Krankenhausversorgung in dieser Stadt aus. Die Beschäftigten in der Pflege und die drumherum arbeiten, sind 12.000 Beschäftigte. Nicht alle werden gleich bezahlt. Ich bin schon lange Verdi-Mitglied und habe gemeinsam mit anderen diese Bewegung initiiert. Wir wollen einen Tarifvertrag für die Entlastung aller Krankenhausangestellten und TVöD für die Töchter für Vivantes.

Was bedeutet das genau?

Das Ziel „Tarifvertrag Entlastung“ fordert verbindliche Vorgaben zur Personalbesetzung. Und es braucht Konsequenzen: Wenn diese Vorgaben nicht eingehalten werden, gibt es einen Tag frei. Das heißt, das Interesse vom Arbeitgeber sinkt, weil er dann freie Tage vergeben muss. Und der TVöD für die Töchter von Vivantes.

Eine Mund-Nase-Maske in Großaufnahme, auf der "Krankenhaus statt Fabrik" steht

Silvia Habekost trägt Mundschutz mit dieser Protestnote Foto: Sophie Kirchner

Also Tochterunternehmen, die eigentlich zum Krankenhaus gehören.

Genau. Angestellte, die in der Reinigung, der Wäscherei, der Essensversorgung arbeiten. Diese ganzen Tätigkeiten haben sie halt entweder fremdvergeben oder Tochterfirmen gegründet. Das macht dann eben auch die gewerkschaftliche Organisierung von den Kol­le­g:in­nen schwieriger. Die CFM, die Tochter der Charité, hat jetzt einen Tarifvertrag.

Warum TVöD?

Das ist halt ein Tarifwerk, was für ganz ganz viele Beschäftigte gilt. Urlaubstage, Zulagen, Eingruppierung, das alles in einem extra Tarifvertrag zu erarbeiten, das ist wirklich viel Arbeit. Deswegen kann man TVöD nehmen. Das ist eine Leitwährung, an der sich viele Tarife orientieren.

Der Tarifvertrag Entlastung fordert auch einen anderen Personalschlüssel. Also mehr Pfleger:innen, die weniger Pa­ti­en­t:in­nen versorgen.

Im Krankenhaus kommt es zu Belastungssituationen, wenn wir nicht genügend Leute sind. Und darauf wird keine Rücksicht genommen wird. Wenn im Kreißsaal ein Notfall ist und man dringend Unterstützung braucht und niemand mehr da ist – da geht es um zwei Menschenleben. Solche Situationen kann man nicht zu oft machen.

Sie arbeiten in der Anästhesie. Was für ein Personalschlüssel ist Ihre Wunschvorstellung?

Meine Wunschvorstellung, ja … Es gibt in diesem Sinne keine Patientenschlüssel. Eigentlich ein Patient pro Pflegekraft. Du leitest die Narkosen in der Einleitung ein, fährst mit den Patienten in den Saal, dann ist die Operation, dann machen wir ihn wieder wach und fahren ihn raus. Teilweise fangen wir schon an mit der Einleitung, wenn die OP im Saal noch gar nicht fertig ist. Dann betreust du aber beide.

Wie kommen Sie damit zurecht?

Das sind die belastenden Situationen. Ich kann nur einen Patienten versorgen. Und wenn es niemand anderes gibt, der das machen kann, liegt es in der Verantwortung der Ärzte. Gerade die Situation des Einleitens und des Ausleitens ist so ähnlich wie Start und Landung bei Flugzeugen (macht Gleitbewegung mit den Armen). Flugzeuge fliegen auch nicht ohne Co-Piloten. Das sind die wichtigsten und die gefährlichsten Aspekte in der Anästhesie. Es kann halt einfach ganz viel passieren.

Eigentlich müssten wir doch die Bedingungen diktieren können. Aber da wird nicht drauf gehört. Da habe ich so ein Gefühl, Leute, ihr habt den Schuss nicht gehört. Da redet sich die Politik raus

Wie wollen Sie ihr Ziel erreichen?

Der erste Stärketest ist, dass die Mehrheiten der Stationen und Bereichen die Petition unterschreiben. Ich zeig ihnen das gleich (Habekost zieht einen Schnellhefter aus ihrem Rucksack, darin sind Zettel mit Namen, neben denen teilweise grüne Punkte kleben). Die Punkte sind die Unterschriften. Es ist eine einzige, die bisher nicht unterschrieben hat. Die gelb Markierten sind die Verdi-Mitglieder.

Warum ist es für die Bewegung wichtig, dass Ihre Kol­le­g:in­nen bei Verdi eintreten?

Damit wir ernstgenommen werden. Da müssen die Hälfte aller Kol­le­g:in­nen bei Verdi organisiert sein. Wir können nur aus einer Position der Stärke Druck ausüben.

Das ist ein großes Ziel dafür, dass Gewerkschaften heute nicht mehr so wichtig sind.

Wir zeigen, dass Gewerkschaften wichtig sind. Ohne unsere eigene gewerkschaftliche Organisierung schaffen wir das nicht.

Wie viele sind in Ihrem Team bei Verdi?

Na ja, bei uns sind es ungefähr 40 Prozent.

Das war noch nicht immer so?

Ja, doch. Aber ich arbeite dran. Ob mein Team die 100 Prozent schafft, weiß ich nicht, aber von 50 Prozent sind wir nicht so weit weg.

Warum ist Ihnen die gewerkschaftliche Arbeit so wichtig?

Viele Dinge – wie Arbeitszeit, Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erscheinen uns heute so selbstverständlich. Die sind aber alle erkämpft worden. Und gerade in den letzten Jahren gibt es Angriffe auf unsere Rechte. Ich will aber auch keine Privilegien, sondern ich will, dass wir solidarisch miteinander umgehen. Dafür steht Gewerkschaft und dafür steht unsere Bewegung – in der Pflege und anderen Bereichen kämpfen wir für Besetzungsregeln und in den Tochterfirmen für faire Löhne – im Endeffekt soll es keine Tochterfirmen mehr geben – Arbeit im Krankenhaus funktioniert nur im Team.

Was ich mich auch frage: Sie schreiben, dass der Markt nichts regelt. Man könnte eigentlich meinen, dass eine linke Politik da gut gegensteuern könnte. Jetzt haben wir einen rot-rot-grünen Senat. Würden Sie sagen, der hat versagt?

Natürlich können sie auf Landesebene, gerade wenn es kommunale Krankenhäuser sind, auch etwas anderes regeln. SPD und Grüne haben ja letztendlich diese Krankenhausfinanzierung auf Bundesebene durchgesetzt. Was heißt denn linke Politik? Und es gibt aber halt auch bisher, wenn man die Bundesebene anguckt, nicht ein richtiges Umdenken in die Richtung. Ich erwarte das nicht von der CDU. Aber es könnte wenigstens mal ein paar mehr Stimmen von SPD und Grünen geben, die da mal klarer werden.

Inwiefern?

Die reden wirklich immer viel, aber es tut sich halt wirklich nichts. Vivantes ist von der Rechtsform her eine GmbH und die sind genau den gleichen Finanzierungsvorgaben untergeordnet wie alle anderen Krankenhäuser dieser Rechtsform. Wenn sie Gewinne machen, müssen sie sie nicht abgeben. Man muss immer im Hinterkopf behalten: Das sind Krankenkassenbeiträge, die da in privaten Konzernen als Gewinne ausgeschüttet werden.

Verwaltung statt Gesundheit.

Betriebswirtschaft statt Medizin. Der Markt wird es nicht richten. Und Profit kann nicht das Ziel von Gesundheitsunternehmen sein. Aber die Politik hat das halt so vorgegeben. Das ist der Punkt, der mich kämpfen lässt. Es geht hier nicht um den Menschen und die Gesundheit. Wie kann man jedes Handeln in diesen Krankenhäusern, nicht nur in den Krankenhäusern, aus dem finanziellen Aspekt betrachten? Das macht einen auf Dauer mürbe.

Inwiefern?

Zum Beispiel: Von der Abrechnungslogik her bekommen die Krankenhäuser mehr Geld für den Kaiserschnitt als für eine „normale“ Entbindung. Aber eine Frau bei der Geburt zu begleiten, ist natürlich zeit- und personalintensiver. Aber das kann es doch nicht sein. Dass das eine Rolle spielt. Das spielt ganz oft eine Rolle. Das erlebe ich jeden Tag.

Haben Sie ein Beispiel? Was hätte gestern nicht passieren dürfen, was passierte?

Ein konkretes Beispiel habe ich nicht, ich will ja meinen Job nicht verlieren. (lacht) Aber ein bisschen allgemeiner: Ich arbeite ja im OP, in der Anästhesie. Es ist ein kostenintensiver Bereich. Natürlich müssen wir sehen, dass wir nicht rumtrödeln. Aber man darf den Patienten nicht aus dem Blick verlieren. Es gibt ja auch genügend Gründe, so invasive Eingriffe durchzuführen. Aber da muss halt vom Patienten her draufgeguckt werden. Und nicht: Brauche ich da so und so viele Operationen, um nachher keine Miesen zu machen? Würden drei Wochen Physiotherapie vielleicht auch helfen? Aber das wird nicht finanziert.

Was treibt Sie denn an, als Pflegerin zu arbeiten? Sie haben ja gerade schon erzählt, wie viele Kol­le­g:in­nen gehen oder reduzieren.

Ich mache diese Arbeit gerne. Die Arbeit mit Pa­ti­en­t:in­nen und meine Leitungsfunktion. Ich bin stellvertretende Leiterin meiner Abteilung und organisiere einfach gerne. Da ist es im Grunde auch fast egal, ob ich das auf der Arbeit mache oder in der Freizeit. Da profitiere ich natürlich auch davon, wenn ich politische Arbeit mache. Das mache ich schon mein Leben lang. Ich war schon immer ein politischer Mensch, habe immer politische Arbeit gemacht.

Sie sagen, Sie haben auch andere politische Arbeit gemacht. Welche?

Ich war nach meiner Ausbildung zwei Jahre in den USA mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und habe dort Zentralamerika-Solidaritätsarbeit gemacht. Als ich wieder in Berlin war, habe ich das weitergemacht.

Wie sah diese Solidaritätsarbeit damals aus?

Na, das war ja in den achtziger Jahren. Wo die Revolution in Nicaragua passiert und dann in El Salvador und Guatemala Bürgerkrieg war – von den USA finanzierte Kämpfe gegen die Bevölkerung dort. Wir haben halt viel Unterstützungsarbeit für die revolutionären Bewegungen gemacht. In meiner Zeit in den USA haben wir die gegen die Politik dort mobilisiert und viel Aufklärungsarbeit gemacht. Hier war ich weiter aktiv in der Solidaritätsbewegung. Die taz war ja auch Teil davon mit der Kampagne „Waffen für El Salvador“.

Und dann?

Dann war ich hier in einer autonomen Frauengruppe. Ich habe nebenher Nordamerikastudien und Politik studiert und viel in Richtung Feministische Theorie gemacht. Es ist ganz wichtig, Theorie zu haben. Das untermauert ja auch die Praxis. Feministisch, antirassistisch, das ist für mich ein Teil von dem, wie ich mich sehe. Dann eben auch eher in eine autonome Ecke und nicht in eine parteipolitische Ecke. Ich bin nicht in einer Partei und werde auch nicht in eine Partei eintreten.

Ich kämpfe jetzt im Grunde nicht mehr für mich, ich kämpfe jetzt für die anderen

Die Revolution von damals tragen Sie also heute ins Krankenhaus?

Jetzt ist eindeutig die Phase der Gesundheitspolitik. Auf einer gewerkschaftlichen, aber auch auf einer theoretischen Ebene. Für die anderen Themen gehe ich halt mit anderen auf die Straße, auf Demos.

Welche Demos?

Ich bin jetzt bei Unteilbar dabei. Halt solche Sachen. Gewerkschaftsgremien, betriebliche Organisierung, Vernetzungsarbeit. Und Theorie. Das braucht man einfach.

Was machen Sie, wenn Lohn- und Gewerkschaftsarbeit vorbei ist?

Wenn es irgendwie geht, gehe ich wandern. Ich gehe gerne schwimmen, spiele auch Volleyball und jogge. Sport ist für mich ein wirklich wichtiger Ausgleich. Ich fahre auch gerne Fahrrad. Das mache ich gerne im Alltag und auch gerne im Urlaub, so Fahrradtouren. Was ich mir jetzt auch schon angewöhnt habe, dass ich mir irgendwelche Podcast anhöre und spazieren gehe. Also ausgedehnte Spaziergänge mache, um auch von diesem Bildschirm wegkomme, das ist ja auch immer ganz wichtig. Und diese Podcasts sind ziemlich gut.

Können Sie einen empfehlen?

Ich höre auf jeden Fall immer dieses Corona-Update. Ich war aber auch schon in ein paar Podcasts drin. Hier habe ich auch ein Buch! Ich habe einen Flyer mitgebracht. (Habekost reicht einen Zettel, auf der ein Buch beworben wird.) So Tage könnten gerne mehr als 24 Stunden haben.

Das klingt so. Ich habe eine Frage, die voyeuristisch klingt, wir hatten vorhin schon über die mediale Opferinszenierung der Pfle­ge­r:in­nen gesprochen. Aber ich fände es falsch, es nicht zu fragen: Wie sah in der Pandemie Ihr Alltag aus?

Zum einen war da natürlich auch sehr viel Verunsicherung. Im Grunde haben wir die Flucht nach vorne angetreten, indem wir es genutzt haben, uns zu organisieren. Dieser anfängliche Mangel an Schutzmaterial, das war schon belastend.

Mit welchem Gefühl kommen Sie im Moment nach Hause?

Das ist ganz unterschiedlich. Das ist letztendlich das Reizvolle in diesem Beruf. Dass jeder Tag anders ist. Dass fast jede Stunde anders ist und dass vor allem jede Schicht anders ist. Manche sind halt total anstrengend. Teilweise weil wir zu wenig sind, teilweise weil es so viel Arbeit ist und so viele Notfälle sind. Langweilig ist mir echt selten. Eigentlich nie. Mir ist eh nie langweilig und auf der Arbeit natürlich gar nicht. Das gehört zu dem Beruf dazu. Natürlich gibt es Situationen, die dich dann nicht loslassen.

Möchten Sie von so einer Situation erzählen?

Na, es gibt so Situationen, die einen ein Leben lang nicht mehr loslassen. Das hängt dann eher von den Dingen ab, die da passieren. Das ist halt auch das Belastende in einer Pandemie. Ich arbeite nicht auf einer Intensivstation. Das sind dann die Beschreibungen, die man inzwischen auch vermehrt sieht. Das ist aber eben unser Beruf. Aber wenn du an den Punkt kommst, wo du merkst: Du kannst diese Arbeit nicht so machen, wie du sie machen musst, um den Pa­ti­en­t:in­nen gerecht zu werden, das sind dann die Punkte, die einen wirklich zweifeln lassen. Wo man nach einer Schicht merkt: Nee, so will ich eigentlich nicht mehr arbeiten.

Was merken Sie in der Anästhesie davon?

Die Schichten, wo ich dann merke: Ich habe Sachen gemacht, von denen ich nicht weiß, wieso wir das mit dem Patienten so gemacht haben? Oder wo wir halt zu viele Pa­ti­en­t:in­nen gleichzeitig hatten. Du rennst und rennst und kommst nicht dahin, wo du eigentlich hinwillst.

Was ist besonders belastend?

Wenn man davon zu viele hat und wirklich in so Grenzsituationen kommt und merkt, der ist jetzt vielleicht nicht mehr geworden, weil zu wenig Hände da waren. Natürlich gibt es auch Sachen, wo man im Nachhinein merkt: Da hätte man nichts machen können. Aber so ein Gefühl zu haben, hier, ich hätte was machen können, wenn wir mehr Leute gewesen wären, das ist halt, was einen immer richtig beschäftigt. Und umtreibt. Was wir nicht haben wollen.

Gibt es denn Tage, an denen Sie zweifeln? Es gibt ja sehr viele Pflegekräfte, die überlegen, nach der Pandemie den Job zu beenden.

Na, ich bin jetzt ja schon zu lange dabei. Ich will noch vier Jahre arbeiten, dann ist Schluss. Was mich aber auch dabei hält, ist der Versuch, gegen diese Bedingungen und gegen die Politik anzukämpfen. Ich will Bedingungen schaffen, die dafür sorgen, dass es Nachwuchs gibt. Ich kämpfe jetzt im Grunde nicht mehr für mich, ich kämpfe jetzt für die anderen.

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