Pfeifkonzert in Karlsruhe: Duplizierter Hass
Ex-Herthaner Fabian Reese wird wegen seines Wechsels zu Wolfsburg in Karlsruhe niedergepfiffen – aus fanfreundschaftlichen Motiven. Was ein Unfug!
Foto: Uli Deck/dpa
Zum Vokabular des deutschen Profifußballs gehört der Begriff „Fanfreundschaft“. Das klingt erst einmal so herzallerliebst und gefühlig, dass man glatt vergessen könnte, was Gefühle anrichten können. Denn Fanfreundschaften eigenen sich bestens, um Hass zu duplizieren. Und von dem können etliche Stadionbesucher einfach nicht genug bekommen.
Zu beobachten war das am Samstag bei den Anhängern des Zweitligisten Karlsruher SC, die eine Fanfreundschaft mit Hertha BSC verbindet. Die Badener pfiffen im Spiel gegen den VfL Wolfsburg (2:5) die ganze Spielzeit über Fabian Reese nieder. Grund dafür war, dass dieser im Sommer der Hertha abtrünnig geworden war – eines besser dotierten Vertrags und sportlicher Perspektiven wegen. Beides hätte man Reese vielleicht noch verziehen. Dass er sich aber von einem Werksverein bezahlen lässt, gilt nicht nur in der Hauptstadt als moralische Straftat, sondern eben auch bei den Freunden in Karlsruhe.
Wolfsburgs Trainer Tobias Strobl wollte sich nicht darüber beklagen: „Das gehört zum Geschäft.“ Reese selbst sah das anders. „Ich bin zwar kein blutjunger Fußballer mehr, sondern 28 Jahre alt – aber ich glaube, jeder sollte sich mal hinterfragen, wenn man von 30.000 Menschen ausgepfiffen wird, was das mit einem macht“, zitiert der NDR den VfL-Profi. „Mir tut es weh, mich verletzt es.“ Reese befand, es sei wohl ein Zeichen der Zeit, „hopp oder top, schwarz oder weiß“.
So etwas gibt es viel zu selten: Ein Fußballprofi, der sich zugleich verletzlich und wehrhaft zeigt und sich mit einer großen Masse von Fußballfans anlegt.
Woher kommt denn die moralische Überheblichkeit? Man kann Investoren- und Werksklubs im Profifußball aus strukturellen Gründen ablehnen. Einzelne Profifußballer aber haftbar für diese Zustände zu machen und abzustrafen, ist naiv bis dümmlich. Zumal sich knapp 80 Prozent der Anteile der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA Hertha in Investorenhand befinden.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert