Pestizid unter Krebsverdacht: Glyphosat-Klägeranwälte knicken wegen Trump ein
Mehrere Kanzleien einigen sich mit Hersteller Bayer. Sie befürchten eine Niederlage für an Krebs erkrankte Glyphosatnutzer vor dem Supreme Court.
Angesichts einer möglichen Niederlage vor dem Trump-freundlichen Obersten US-Gerichtshof gegen den Glyphosat-Hersteller Bayer/Monsanto haben Anwälte von Krebspatienten einem Sammelvergleich zugestimmt. Sollte das zuständige Bezirksgericht der Stadt St. Louis die Einigung genehmigen, würde der deutsche Konzern binnen 21 Jahren insgesamt bis zu 7,25 Milliarden Dollar an Einwohner der USA zahlen, die Kontakt mit dem Glyphosat-haltigen Pestizid Roundup und die Krebsart Non-Hodgkin-Lymphom nachweisen. Das teilten Bayer und mehrere Klägeranwälte am Dienstagabend mit.
Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Pestizidwirkstoff. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte ihn 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ ein – mit der Chemikalie gefütterte Säugetiere hatten Tumore entwickelt. Mehrere US-Gerichte verurteilten Bayer zu hohen Schadenersatzzahlungen an KlägerInnen, die ihre Krebserkrankung auf den Unkrautvernichter zurückführen. Der Konzern dagegen beruft sich auf Zulassungsbehörden, die Glyphosat als sicher einstufen. Das Gift tötet so gut wie alle Pflanzen und damit auch Nahrung für Vögel und Insekten. Deshalb gilt es Umweltschützern als Gefahr für die Artenvielfalt.
Wie aus dem Vergleichsentwurf hervorgeht, soll die durchschnittliche Entschädigungszahlung zwischen 10.000 und 165.000 Dollar betragen. Das ist weit weniger als die Millionenbeträge, die Gerichte früheren Klägern zugesprochen haben. Die Kanzlei Motley Rice zum Beispiel begründete ihre Zustimmung damit, dass der am Obersten Gerichtshof anhängige Glyphosat-Fall „Durnell“ die Rechte von Klägern einschränken könnte. Vor den überwiegend konservativen, zu einem Drittel von US-Präsident Donald Trump ernannten Richtern argumentiert Bayer, die Opfer dürften nicht auf Basis des Rechts einzelner Bundesstaaten wegen fehlender Warnungen vor Krebs auf den Etiketten des Pestizids klagen. Bundesrecht habe Vorrang, und die US-Umweltbehörde EPA hat Glyphosat unter Trump als nicht krebserregend eingestuft. Im Januar nahm der Oberste Gerichtshof den Fall zur Prüfung an.
Auch sonst baut Bayer auf den industriefreundlichen Kurs der rechtsradikalen Trump-Bewegung. Der Konzern gab in seiner Pressemitteilung zu dem Vergleich unumwunden zu, dass zu seiner Strategie zur Eindämmung der Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten auch die „Unterstützung von Gesetzesinitiativen auf Bundesebene und in einzelnen Staaten der USA“ gehörten. Die Republikaner treiben gerade im US-Kongress ein Gesetz voran, das Klagen wegen fehlender Warnhinweise praktisch verbieten würde.
Vergleich noch nicht genehmigt
Bayer argumentiert dabei auch mit den mutmaßlichen Interessen einer für Trump sehr wichtigen Wählergruppe: der US-Farmer. Die derzeitige Rechtsunsicherheit stelle infrage, ob „innovative Produkte“ – gemeint sind offenbar Pestizide – auch künftig verfügbar sein werden – „was ernsthafte Konsequenzen für Landwirte und die amerikanische Lebensmittelproduktion haben kann“, so der Konzern.
Erste Berichte suggerierten, mit dem Vergleich habe sich Bayer das Glyphosat-Problem vom Hals geschafft. Allerdings ist noch unklar, ob das Gericht in St. Louis überhaupt zustimmt. An den Vergleichsverhandlungen nicht beteiligte Klägeranwälte wollten sich zunächst nicht äußern. Ein anderer Vergleichsvorschlag von 2020 war vor einem Gericht in Kalifornien durchgefallen. Bayer darf den Vergleich kündigen, wenn zu wenige Kläger ihn annehmen. Denn diese Gruppe dürfte weiter gegen den Konzern vorgehen. Auch neue Klagen wären weiterhin möglich – bis der Gesetzgeber dem einen Riegel vorschiebt.
Aktionäre bleiben skeptisch
Diese Risiken scheinen auch die Bayer-Aktionäre zu sehen: Nachdem der Aktienkurs am Dienstagabend den höchsten Stand seit September 2023 erreicht hatte, brach er am Mittwoch um zeitweise mehr als 8 Prozent ein.
Der Leverkusener Konzern hatte den US-Glyphosat-Hersteller Monsanto 2018 für 63 Milliarden Dollar gekauft. Schon damals warnten zum Beispiel Umweltschützer, dass die Fusion Bayer teuer zu stehen kommen könnte wegen der Prozessrisiken im Zusammenhang mit Glyphosat. Der Aktienkurs fiel seit der Übernahme und den Urteilen gegen Bayer immer weiter. Bereits 2020 musste der Konzern rund 10 Milliarden Dollar zahlen, um einen Großteil der bis dahin anhängigen Klagen beizulegen. Glyphosat verkauft er bis heute, wenn auch nicht mehr an private Anwender in den USA.
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