Performance-Festival „Never Work“: Die destruktive Kraft von Heldenerzählungen
In den Berliner Sophiensaelen läuft das Performance-Festival „Never Work“. Es illustriert die Suche nach der richtigen Erzählung für das eigene Leben.
Foto: Leysa Elias
Das Publikum im Ballsaal der Sophiensaele klatscht und tanzt am Ende der Aufführung „Reality Show“, während die Performer*innen des brasilianischen Künstlerkollektivs MEXA längst wieder ihre Ausgangspositionen auf der Bühne eingenommen haben. Für sie scheint die Arbeit noch nicht zu Ende. Zwei Stunden lang haben sie Geschichten erzählt, Tränen produziert, sich bewerten lassen und schließlich selbst das Publikum bewertet. Wer performt hier eigentlich für wen? Diese Frage bleibt auch nach dem Schlussapplaus offen.
„Never Work“ heißt das internationale Performancefestival, das vergangenes Wochenende in den Sophiensaelen eröffnet wurde. Ein ironischer Titel in einer Zeit, in der Politiker wieder mehr Leistungsbereitschaft einfordern und die Debatte über Arbeit vor allem um Produktivität kreist.
Die Arbeiten des Eröffnungswochenendes interessieren sich jedoch kaum für den klassischen Arbeitsalltag zwischen Büro, Meetings und Dienstplänen. Stattdessen richteten sie den Blick auf jene Arbeit, die keinen Feierabend kennt: das Ringen um die richtige Erzählung über das eigene Leben. Die Künstler*innen zeigen Menschen, die sich an Geschichten über Erfolg, Authentizität, Heldentum und Selbstverwirklichung abarbeiten und ihnen dennoch nie ganz entkommen.
Hilfsbereitschaft läuft ins Leere
Besonders deutlich wird das bei MEXA. Das Kollektiv entstand in einer Unterkunft für wohnungslose Menschen in São Paulo, wo sie in einem ständig von Kameras überwachten Gemeinschaftsraum lebten. Diese Erfahrung bildet den Hintergrund für „Reality Show“, eine kluge Untersuchung der Mechanismen öffentlicher Sichtbarkeit: Die Performer*innen treten in Talentwettbewerben an, stehlen einander ihre Opfergeschichten, weinen auf Kommando und sitzen abwechselnd auf dem Beichtstuhl. Wer die vierte Wand ignoriert, wird mit weniger „Screentime“ bestraft. Es gelten die Regeln von Reality TV und sozialen Medien, Authentizität wird zur Ressource, die sich bewerten, verkaufen und konsumieren lässt.
Am Ende der Aufführung soll das Publikum eine Performerin auffangen, die sich in drei Minuten rückwärts von einem Baugerüst stürzen will. Ein großer Teil der Besucher*innen stürmt bereitwillig auf die Bühne, bildet eine Kette aus Armen. Vergebens: Die Performerin wählt den sicheren Abstieg über die Leiter. Die potenzielle Heldenerzählung des Publikums läuft ins Leere, gefeiert wird trotzdem.
International Performance Festival Never Work, Sophiensæle in Berlin-Mitte, 12. bis 27. Juni 2026
Während MEXA die Logik der ständigen Sichtbarkeit untersucht, widmet sich die Künstlerin Liina Magnea den großen kulturellen Erzählungen. Ihre Performance „What’s a Mob to a King (Plot-Twist Redemption)“, gezeigt im Hochzeitssaal der Sophiensaele, springt zwischen Pablo Picasso, Hip-Hop-Ästhetik, Soldatenmythen und Kinofantasien hin und her.
Es geht um Geschichten, die dem Leben Sinn verleihen sollen und dabei schnell zu Ideologien werden. Der Mythos des männlichen Künstlergenies gehört ebenso dazu wie die Vorstellung vom Soldaten als Helden. Doch Magnea interessiert sich weniger für die Erzählungen selbst als vielmehr für ihre zerstörerische Anziehungskraft, der sich ihre Figuren auch physisch nicht entziehen können. Immer wirken sie fremdgesteuert, zappeln, marschieren oder schreien aus vollem Hals. Für Zwischentöne gibt es hier keinen Ort mehr.
Bei Abhishek Thapar verschwinden wiederum die Menschen hinter den großen Erzählungen. Seine Installation „Soft Pressure (Working Title)“ lädt jeweils eine Person ein, sich auf eine Massageliege zu legen und die Geschichte eines Migranten anzuhören, der in Berlin als Masseur arbeitet. Während die eine Person entspannt, arbeitet die andere, unsichtbar. Die Installation legt diesen Widerspruch behutsam offen, bleibt dabei aber zu sanft, um ihm wirklich nahe zu kommen.
Postkarten von der Bundeswehr
Den stärksten Moment des Wochenendes liefert Laurie Young mit ihrer „After Work Tour“. Die Tänzerin führt durch die Geschichte der Sophiensaele und verbindet sie mit Briefen an die Anarchistin, Friedensaktivistin und Feministin Milly Witkop. Dabei wird deutlich, wie wenig die politischen Kämpfe von damals vorbei sind.
Einmal muss Young kurz innehalten, um sich wieder zu fassen. Sie erzählt von Postkarten, mit denen die Bundeswehr Freunde ihres Sohnes anwerben will. Diese Vorstellung nimmt sie sichtlich mit. Für einen Augenblick tritt hinter der Inszenierung etwas anderes hervor: die Sorge einer Mutter.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses Festivalauftakts. Die Performances, Installationen und Aufführungen zeigen Menschen, die unablässig an ihrer eigenen Geschichte arbeiten. Doch die eindringlichsten Momente entstehen dort, wo diese Arbeit ins Stocken gerät.
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