Bürokratie und Bürgergeld: Kein mangelnder Wille
Unübersichtliche Strukturen und Zuständigkeiten sind Hindernisse bei der Arbeitssuche. Der Staat ignoriert die Lebensrealitäten vieler Empfänger.
D ie Debatte über das Bürgergeld wird vor allem als Debatte über Arbeitsmoral geführt. Es geht um Sanktionen, um sogenannte Totalverweigerer und angeblich fehlende Leistungsbereitschaft. Aus der Perspektive der Verwaltung zeigt sich jedoch ein anderes Problem: Nicht mangelnder Wille verhindert Integration und Arbeitsaufnahme, sondern ein Staat, der Menschen durch unübersichtliche Strukturen, widersprüchliche Zuständigkeiten und bürokratische Hürden ausbremst.
Wer mit Bürgergeld-Beziehenden arbeitet, erlebt täglich, wie wenig die Realität vieler politischer Debatten mit dem tatsächlichen Verwaltungshandeln zu tun hat. Besonders deutlich wird das bei Menschen, die neu in Deutschland sind. Sie sollen gleichzeitig Deutsch lernen, Arbeit finden, ihre Existenz sichern und sich in einem komplizierten Behördensystem zurechtfinden. Doch statt Orientierung zu schaffen, produziert dieses System häufig zusätzliche Unsicherheit.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass für unterschiedliche Lebensbereiche zahlreiche Behörden zuständig sind: Jobcenter, Ausländerbehörden, Bamf, Sozialämter, Familienkassen, Schulen oder Jugendämter. Zuständigkeiten überschneiden sich, Informationen gehen verloren und Entscheidungen verzögern sich. Die Folgen tragen fast immer die Betroffenen selbst. Wer eine Frist verpasst, riskiert finanzielle Nachteile oder setzt sich dem Vorwurf mangelnder Integrationsbereitschaft aus.
arbeitete mehrere Jahre in einem Jobcenter und ist heute als Lehrkraft in Integrationskursen tätig. Sie studierte Rechtswissenschaften, Germanistik und Geschichte. Ihre Themenschwerpunkte sind Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Integration und Verwaltungspraxis.
Die Menschen sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien selbst das Problem. Tatsächlich scheitern viele nicht an mangelnder Motivation, sondern an einer Verwaltung, die zu kompliziert organisiert ist und an den Lebensrealitäten vorbeigeht. Besonders sichtbar wird das bei der Digitalisierung der Jobcenter. Seit einigen Jahren verfolgen die Jobcenter die Strategie, Kundinnen und Kunden verstärkt zur Nutzung der Jobcenter-App digital zu bewegen.
Mangelnde digitale Kompetenzen
Gleichzeitig werden andere Kommunikationswege eingeschränkt. E-Mail-Kontakt ist vielerorts nicht mehr möglich, Öffnungszeiten werden reduziert und die persönliche Erreichbarkeit nimmt ab. Offiziell wird dies als Modernisierung verkauft: Informationen, Nachrichten und Termine sollen jederzeit von überall eingesehen, Anträge über die App gestellt und Dokumente über das Smartphone hochgeladen werden können. Die App ermögliche so einen schnellen und direkten Kontakt zum Jobcenter.
Versprochen wird sogar, durch Nutzung der App jederzeit in Kontakt mit dem Jobcenter zu bleiben. Die Realität sieht anders aus. Viele der Leistungsbeziehenden verfügen nur über geringe digitale Kompetenzen. Die Jobcenter wissen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Leute Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben oder dem Verstehen des Amtsdeutschen hat.
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Inoffiziell gelten rund 30 Prozent der Jobcenter-Kundinnen und -Kunden als nicht ausreichend alphabetisiert. Gerade die Personen, die ohnehin Schwierigkeiten im Alltag und im Umgang mit der Bürokratie haben, werden nun zusätzlich auf digitale Kommunikation verwiesen. Besonders widersprüchlich wird dies bei den Integrationskursen für Menschen, die Probleme mit deutscher Schriftsprachlichkeit im Alltag und im Kontakt mit Behörden haben.
In diesen Kursen für im Deutschen Geringliteralisierte finanziert das Bamf zusätzliche Stunden für Teamteaching. Die weitere Lehrkraft soll den Teilnehmenden digitale Kompetenzen vermitteln. Besonderes Augenmerk wird in diesen Stunden auf die Einrichtung eines Zugangs und die Funktionsweise der Jobcenter-App gelegt.
Das Pferd wird von hinten aufgezäumt
Damit wird ein strukturelles Problem deutlich: Eine Bundesbehörde finanziert Bildungsangebote, damit Menschen überhaupt in der Lage sind, mit einer anderen Behörde kommunizieren zu können. Statt die Zugänglichkeit der eigenen Angebote sicherzustellen, verlagern die Jobcenter die Verantwortung auf Sprachkurse, Lehrkräfte und Bildungsträger. Integration wird so zur Dauerreparatur eines Systems, das seine eigenen Hürden ständig selbst produziert.
Immer wieder müssen Schulen, soziale Einrichtungen oder Beratungsstellen Folgen von Verwaltungsentscheidungen auffangen, die schlecht abgestimmt oder realitätsfern sind. Lehrkräfte helfen beim Ausfüllen von Formularen, Sozialarbeiter übersetzen Behördenbriefe und Ehrenamtliche erklären digitale Anwendungen, die eigentlich niedrigschwellig funktionieren sollten. Der Staat verlässt sich zunehmend darauf, dass andere Akteure seine Defizite kompensieren.
Dabei gäbe es längst sinnvollere Ansätze. Statt immer neue Kontrollmechanismen und komplizierte Verfahren einzuführen, müsste Verwaltung stärker aus Sicht der Betroffenen gedacht werden. Menschen brauchen verlässliche Ansprechpartner, verständliche Kommunikation und einfache Zugänge – analog wie digital. Digitalisierung darf kein Vorwand sein, persönliche Erreichbarkeit abzubauen.
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Notwendig wäre außerdem eine bessere Zusammenarbeit der Behörden. Daten und Zuständigkeiten müssten sinnvoll gebündelt werden, damit Menschen nicht immer wieder dieselben Unterlagen einreichen müssen oder zwischen Stellen vermittelt werden. Vor allem aber braucht es in der Arbeitsmarktpolitik einen Perspektivwechsel: Weg vom Misstrauen gegenüber Leistungsbeziehenden und hin zu der Frage, welche strukturellen Hindernisse Integration tatsächlich erschweren. Dies wäre ein guter Ansatz für modernes Behördendenken.
Integrationshindernis Staat
Denn wer Bürgergeld bezieht, kämpft oft nicht nur mit Arbeitslosigkeit, sondern gleichzeitig mit Sprachbarrieren, Wohnungsproblemen, fehlender Kinderbetreuung oder komplizierten Aufenthaltsverfahren. Ein Sozialstaat, der diese Realität ignoriert und stattdessen vor allem auf Druck und Digitalisierung setzt, produziert neue Ausschlüsse statt gesellschaftlicher Teilhabe.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen arbeiten wollen. Die entscheidende Frage lautet, warum ein Staat, der Integration fördern soll, so oft selbst zum Integrationshindernis wird.
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