Pablo Charlemoine über Aktivismus: „Ich will eine andere Gesellschaft“

Pablo Charlemoine alias Mal Élevé ist durch Demos und Politaktionen bekannt. Ein Gespräch über Musik und Aktivismus – und die Manouches in Frankreich.

Der Aktivist Pablo Charlemoine, auch als Musiker Mal Élevé bekannt, sitzt für ein Porträt lachend auf einer Treppe

„Ich sehe mich nach wie vor als Anarchist“, sagt Pablo Charlemoine aka Mal Élevé Foto: André Wunstorf

taz: Herr Charlemoine, Sie sprechen fließend französisch?

Pablo Charlemoine: Ja. Ich bin zum Glück zweisprachig aufgewachsen, meine Mutter ist Deutsche, mein Vater ist Manouche – die Sinti in Frankreich nennen sich Manouche. Manouche spreche ich leider nicht wirklich, aber wir benutzen viele Manouche-Wörter. Ich kann halt das Französisch, was mein Vater uns beigebracht hat und das ich mit der Familie in Frankreich und in Spanien immer gesprochen habe.

Wo und wie sind Sie groß geworden?

Der Mensch Pablo Charlemoine ist 38 Jahre alt und kommt aus Heidelberg. Er hat eine deutsche Mutter, einen französischen Vater und ist bilingual aufgewachsen. Sein Vater ist Manouche, so heißen die Sinti in Frankreich. Charlemoine lebt seit 2008 in Berlin.

Der Musiker Als Sänger nennt er sich Mal Élevé („schlecht erzogen“). Gemeinsam mit seinem Bruder Carlos war er von 2000 bis Ende 2017 Sänger der politischen Ska-Reggae-Hiphop-Formation Irie Révoltés. Danach ist er solo unterwegs. 2020 erschien sein erstes Album, „Résistance Mondiale“. Im selben Jahr ist „Générations sans frontières“ erschienen, eine Koproduktion mit Niko alias Thomas Walter, der in Venezuela lebt.

Der Aktivist Gemeinsam mit Irie Révoltés hat sich Charlemoine in mehreren Initiativen engagiert, unter anderem Viva con Agua und Rollis für Afrika. Als Mal Élevé tritt er auf zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen in Berlin auf, zum Beispiel am 1. Mai, für die Projekte Liebig34, Seebrücke oder den Köpi-Wagenplatz. Außerdem setzt er sich für die Rückkehr der im K.o.m.i.t.e.e.-Verfahren beschuldigten Deutschen ein: Die Bundesanwaltschaft wirft Thomas Walter und zwei weiteren Deutschen vor, 1995 ein im Bau befindliches Abschiebegefängnis in Grünau zu sprengen versucht zu haben. Walter befindet sich seitdem auf der Flucht und hat in Venezuela politisches Asyl beantragt. (do)

Wir sind um Heidelberg herum aufgewachsen und sehr oft umgezogen, weil Heidelberg selbst ja sehr teuer ist. Als ich ganz klein war, hatten meine Eltern mit einer anderen Familie eine kleine Hausgemeinschaft. Da waren wir immer so mindestens fünf Kids, die zusammen abhingen. Wir kamen aus sehr einfachen Verhältnissen, mein Vater ist auch sehr arm aufgewachsen in einer Art Wohnwagensiedlung. Und er hat mir und meinem Bruder beigebracht, dass man sich nicht schämen muss für das, was man nicht hat, sondern dass es viel wichtiger ist, was man für andere macht und wie man miteinander umgeht. Als Jugendlicher in der Schule willst du ja irgendwann immer das haben, was die anderen auch haben, und dann wollte ich natürlich auch so eine Nike-Hose. Meine Eltern hatten aber keine Kohle, um die zu kaufen, und mein Vater hat dann einen Stift genommen, „Nike“ auf meine Hose geschrieben und gesagt: So, jetzt hast du auch eine Nike-Hose! Der Unterschied ist einfach nur, was draufsteht, du musst es nur mit Stolz tragen!

Wie haben Sie sich politisiert?

Meine Eltern sind beide politisch sehr aktiv, dadurch war ich auch schon früh auf verschiedenen Demos, gegen Atomkraft, gegen Krieg und Naziaufmärsche. Mit elf hatte ich meinen ersten Iro, und als ich dann mit zwölf so richtig in der Punkszene war, bin ich in das Autonome Zentrum Heidelberg gekommen, weil das natürlich für uns Punks die Anlaufstelle war. Und das hat mich sehr sozialisiert, ich sag immer: asozialisiert (lacht). Ich hab mich da noch mehr politisiert durch die Jugend-Antifa, durch die Punkszene. Da konnten wir unter uns sein, es gab geile Konzerte, wir konnten kickern und unsere Mucke hören. Und natürlich hatten wir eine Punkband! Später gab es einen musikalischen Wandel im Freundeskreis, Ska, Reggae und Dancehall wurden die verbindende Musik.

Als Ihnen Jugendarrest drohte, sind Sie für ein halbes Jahr nach Thailand gegangen. Warum?

Es gab tausend Gründe. Ich hatte zu der Zeit überhaupt keinen Bock mehr auf Deutschland, mich hat alles angekotzt. Ich hatte damals mit 15 ein paar Jugendstrafen und hätte eigentlich vier Wochen Jugendarrest absitzen müssen. Ich hatte aber keinen Bock, mich zu stellen, und bin nach Thailand abgehauen, weil ich damals schon Thaiboxen gemacht habe und dann dort in ein Trainingscamp gegangen bin. Ich habe den Sport geliebt und habe gesagt, ich geh nicht freiwillig vier Wochen in den Arrest. Außerdem kann ich nicht mal einen Tag im geschlossenen Raum bleiben, für mich wäre Quarantäne schon der Albtraum!

Wie ist die Band Irie Révoltés entstanden?

In Thailand habe ich viel Bob Marley und so gehört, und als ich zurückkam, haben wir im Februar 2000 mit meinem nichtleiblichen Bruder, mit dem ich zusammen in der Hausgemeinschaft aufgewachsen bin und auch in der Punkband war, und noch zwei anderen Freunden zusammen die Band gegründet, Irie Révoltés, und dann kam mein leiblicher Bruder Carlos auch relativ schnell dazu. Statt in die Schule zu gehen, haben wir uns oft im Proberaum getroffen, und dann haben wir angefangen, Konzerte zu geben, eigentlich das erste Mal auf einem Geburtstag in einem Jugendzentrum. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Damals, so um die 2000er, haben sich die Demonstrationsformen verändert.

Wie denn?

Es gab Nachttanzdemos, wo schon vorher geplant war, dass die Leute von dort aus in irgendein Gebäude reingehen und eine Partybesetzung machen. Dadurch hat man viel mehr Leute für eine Sache auf die Straße gekriegt, die vielleicht von den klassischen Demos abgeschreckt waren. In dem Rahmen sind wir dann auch öfter aufgetreten, zuerst im Rhein-Neckar-Raum und später darüber hinaus. 2001 sind wir das erste Mal bei den Anti-Residenzpflicht-Tagen in Berlin aufgetreten, 2003 auf dem Kulturschock-Festival in Hellersdorf.

Warum spielt das Recht auf Migration in den Texten eine so große Rolle?

Als ich nach Senegal getrampt bin, habe ich in Ceuta (spanische Exklave an der Straße von Gibraltar; Anm. d. Red.) die Leute auf der anderen Seite von dem riesigen Stacheldrahtzaun gesehen. Ich wusste, ich kann da jetzt einfach hinreisen, die Leute auf der anderen Seite können das nicht. Warum hab ich das Recht und andere nicht? Ich halte auch einfach nichts von Nationalstaaten. Für mich hat das wahrscheinlich viel damit zu tun, dass mein Vater Manouche ist und meine Oma auch immer gesagt hat: Wir Manouche, wir haben kein Land! Die ganze Welt ist unser Land. Ich habe auch durch den Freundeskreis mitbekommen, wie es ist, wenn du nicht die richtigen Papiere hast.

Vor elf Jahren wurde der Irie-Révoltés-Song “Antifaschist“ ein Demo-Gassenhauer. Heute haben Sie mit „No Pasarán“ wieder einen Antifa-Song.

Seitdem ich zwölf bin, ist Antifaschismus ein Bestandteil meines Lebens. Ich war sehr jung, als die ganzen Pogrome in Deutschland waren, aber ich hab das natürlich mitbekommen, und wir sind auch mit meinen Eltern auf die Straße gegangen. Und seit 2014 haben wieder viele Häuser gebrannt, dann wurde es mit den Morden in Hanau und an Walter Lübcke noch krasser. Ich finde es heftig, dass sich die Neonazis immer mehr trauen und dass die AfD jetzt auch im Bundestag und in den Landtagen sitzt und viele Aussagen immer mehr als normal angesehen werden. Der Rassismus war und ist einfach ein Riesenproblem in unserer Gesellschaft. Diese Denkweise, Deutsch sein muss weiß sein, setzt sich bis heute fort. Und ich frage mich, was das für eine Gesellschaft ist, die bestimmte Sachen nicht sehen will oder so rückständig ist. Deshalb ist es für mich wichtig, auf allen möglichen Ebenen dagegen vorzugehen. Das heißt, auf Demos, direkte Aktionen. Aber ich habe 2003 auch angefangen, Schulworkshops zu Diskriminierung und Rassismus zu geben. In Berlin habe ich coolerweise einen Verein gefunden, Cultures Interactive, wo ich das mit Musik kombinieren kann. Wir machen Rap-Workshops, bei denen es um verschiedene Formen von Diskriminierung geht: Homophobie, Transphobie, was auch oft ein großes Thema ist, Sexismus, Rassismus – so kann ich versuchen, etwas zu bewirken.

Ist das nicht ein Widerspruch, wenn Sie „Antifaschist“ vor 10.000 Leuten spielen und alle singen mit, aber dann kommen nur 500 Menschen zur nächsten Antifademo?

„Der Rassismus war und ist einfach ein Riesenproblem in unserer Gesellschaft. Diese Denkweise, Deutsch sein muss weiß sein, setzt sich bis heute fort“

Widerspruch ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin mir dessen bewusst, dass nur ein geringer Prozentsatz der Leute, die auf unseren Konzerten mitsingen, auf der nächsten Demo am Start sind. Ich versuche dann eher die paar Leute zu sehen, die da zusätzlich kommen. Deswegen waren für mich immer Infostände, der Austausch mit den Leuten und das Feedback total wichtig. Es hat mich bestärkt weiterzumachen, wenn Leute mir erzählt haben, was unsere Musik für sie bedeutet und sie sogar politisiert hat. Aber natürlich wünsche ich mir, dass das viel mehr sind.

Warum hat sich die Band getrennt?

Wir waren fast 18 Jahre lang unterwegs, und am Ende haben wir realisiert, dass es so nicht mehr weiter funktionieren konnte. Wir haben teilweise in ganz Deutschland verteilt gelebt, einige hatten parallel studiert und ihr Studium fertig gemacht, manche haben Kinder gekriegt und einen festen Job. Und so kam dann der Punkt, wo wir gesagt haben, lieber ein Ende mit einem Riesenknall zu machen, den wir alle noch mal richtig feiern. Es war eine geile Zeit, aber es wäre jetzt nicht mehr so, wenn wir weitergemacht hätten.

EIn Mirkofon in Großaufnahme, das Mirko des Künstlers Mal Élevé

Das Mikro von Pablo Charlemoine aka Mal Élevé Foto: André Wunstorf

Was bedeutet Aktivismus für Sie?

Ich will die Welt nicht so akzeptieren, wie sie ist. Ich sehe Ungerechtigkeit, ich sehe Rassismus in der Gesellschaft. Und dann liegt es natürlich an mir und an vielen anderen, was dagegen zu tun und zu zeigen, dass es anders geht. Ich sehe mich nach wie vor als Anarchist, für mich ist der Traum eine Welt, in der es keine Herrschaft gibt. Ich will eine andere Gesellschaft. Macht und Ungleichheiten gibt es zwar immer, aber ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es keine fest bestehenden strukturellen Machtverhältnisse gibt. Ich will nicht nur in meinem Kosmos leben, sondern bin sehr neugierig und suche nach alternativen Lebenskonzepten.

Befürchten Sie nicht, dass Sie sich übernehmen? Selbst Sie schaffen es nicht immer, gut gelaunt zu sein.

Ich werde manchmal richtig wütend und traurig, wenn ich bestimmte Sachen höre oder ungerechte Situationen sehe, die oft mit Gewalt verbunden sind. Es gibt einfach so viele Brände, die zu löschen sind. Aber die Konsequenz darf nicht sein, zu sagen: Ich mache gar nichts, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich versuche trotz allem, eher positiv zu sein. Das geht nicht immer, aber im Lauf der Zeit, in der ich jetzt politisch aktiv bin, bin ich immer wieder Leuten begegnet, die das alles schon sehr lange machen, und einige davon waren leider sehr verbittert. Das ist so schade, dass die selbst gar nicht mehr sehen, was sie schon alles gemacht haben. Und ich will aufpassen, dass mir das nie passiert. Bei allem Aktivismus und Kampf ist es total wichtig, auch an sich selbst zu denken und seine Batterie aufzuladen.

Wie schaffen Sie es denn, Ihre Batterien wieder aufzuladen?

Durch Dinge, die mir Spaß machen und Kraft geben. Und das ist bei mir glücklicherweise die Musik, das ist eine Win-win-Situation, denn wenn ich zum Beispiel auf Demos singe, dann unterstütze ich damit ja auch die Demonstration oder eine Bewegung, und gleichzeitig gibt mir das total viel, weil ich es einfach liebe, Musik zu machen. Ganz ehrlich: Für mich ist ein Tag ohne Musik wie ein Tag ohne Atmen! Außerdem tut mir Thaiboxen total gut. Ich bin auch Trainer und versuche, im Sport Leute aus verschiedenen Lebensrealitäten zusammenzubringen. Zum Energietanken gehe ich auch manchmal in die Natur raus. Und natürlich sind mir liebe Menschen ganz wichtig.

Sie sind ja ziemlich rastlos!?

Seit ich zwölf bin, renne ich fast jedes Wochenende auf irgendwelche Demos. Ich bin das halt gewohnt. Und ich bin natürlich auch froh, dass ich mit meinen Leidenschaften auch meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Also mit Musik, mit Sport, mit den Workshops – das sind alles Sachen, die für mich sowohl Aktivismus bedeuten als auch Spaß und Freude. Und zusätzlich kann ich trotzdem was verdienen, was ja leider in dem System, in dem wir leben, noch notwendig ist. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich nicht zusätzlich acht Stunden Lohnarbeit am Tag machen muss. Ich habe einen Riesenrespekt vor Leuten, die das auf die Beine kriegen und die zusätzlich noch Familie, Kinder haben.

Wie sieht denn ein normaler Tag für Sie in Berlin aus?

Heute zum Beispiel habe ich einer Bekannten geholfen und bin dann hierher in die Oya-Bar (eine feministische Bar in der Schokofabrik in Kreuzberg; Anm. d. Red.) gekommen. Gleich gehe ich auf die Black-Lives-Matter-Demo, dann gebe ich Training, und danach treffe ich einen Freund zum Proben. Ich habe keinen Alltag! Manchmal versuche ich, mir die Zeit zu nehmen, um musikalisch neue Sachen zu kreieren. Aber wenn ich dann mitkriege, am Tag vorher gab es einen krassen Vorfall, nächsten Tag schnell eine wichtige Demo, oder im Freundes-, Verwandten-, Bekanntenkreis ist etwas passiert, wo Support gebraucht wird, dann bin ich natürlich doch am Start. Das ist eigentlich immer so ein Jonglieren, ich kenne das auch nicht anders. Ich kann wie gesagt nicht nur zu Hause sitzen, nur in geschlossenen Räumen sein. Ich habe da auch ein bisschen Hummeln im Arsch. Ich habe das Gefühl, ich brauche das auch, viel unterwegs zu sein. Mal abgesehen von der Lockdown-Phase war ich nie länger als einen Monat am Stück in Berlin, obwohl ich hier lebe. So ist mein Leben die ganze Zeit. Ich habe selten den Moment, wo ich sage: Jetzt brauche ich mal Ruhe. Diese Momente nehme ich mir dann aber auch.

Sie treten ja als Mal Élevé quasi auf jeder linken Demo auf, von Köpi bis Seebrücke. Wie passt dieses breite Spektrum zusammen?

„Ich habe da ein bisschen Hummeln im Arsch. Ich brauche das, viel unterwegs zu sein“

Das sind ganz viele Themen, die für mich zusammengehören: alternative Lebensformen wie die Liebig34 und der Köpi-Wagenplatz. Wegen der Politik an den EU-Außengrenzen mit Frontex ist es für mich total wichtig, bei den Demos von Seebrücke oder anderen Organisationen am Start zu sein. Und Antirassismus oder Polizeigewalt sind natürlich auch Themen, wo ich immer präsent bin. Wenn irgendwelche Naziaufmärsche sind, dann bin ich in der Regel auch dabei und mache da Musik, um die Blockaden und Aktionen zu unterstützen. Und natürlich Umwelt: Ende Gelände, Hambacher Forst oder Fridays for Future behandeln Themen, die für mich einfach zukunftsrelevant sind.

Und warum engagieren Sie sich für Hausprojekte?

Ich habe ja selbst auch Häuser besetzt, damals in Spanien; auch in Mannheim haben wir 2003 mal ein Haus besetzt. Alternative Lebensformen, Wagenplätze sind für mich total wichtig und etwas, was ja Berlin auch ausmacht. Das wird leider immer weniger, aber ich habe schon damals gedacht: Berlin ist die Stadt, in der ich leben will, weil es hier noch diese Lebensformen gibt, die ich als alternative Modelle unglaublich wichtig finde. Die haben Berlin schon immer zu dem gemacht, was es ist, und deswegen ist die Stadt für viele Leute ja auch so attraktiv. Und genau deswegen findet diese Scheiß-Gentrifizierung in vielen Bereichen ja überhaupt statt. Früher in Paris und London gab es die alternativen Viertel und dann kamen die Leute mit Kohle und haben das verdrängt. Und genau das sehe ich hier in Berlin auch.

Die Mieten steigen, linke Kneipen und Hausprojekte werden geräumt, die Clubs sind dicht. Wie lebenswert ist Berlin jetzt noch?

Also tatsächlich überhaupt nicht mehr wie früher. Ich habe ganz viele Leute im Freundeskreis, die konkret von Mieterhöhungen betroffen sind. Und ich finde doppelt und vierfach dreist, wie viel im Lockdown und in der ganzen Pandemiezeit geräumt wurde: Syndikat, Liebig34, Meuterei und jetzt eventuell der Köpiplatz – dreister geht es eigentlich gar nicht. Das zeigt einfach den Kurs hier, und für mich ist Berlin definitiv nicht mehr das, was es mal war. Aber ich habe trotzdem Hoffnung, ich denke, glücklicherweise findet die Subkultur immer ihren Weg. Auch wenn es wahrscheinlich eine Weile dauern wird, werden hoffentlich neue Sachen entstehen. Daran glaube ich.

Was planen Sie im Moment an Musik und Aktionen?

Ich bin jetzt bei vielen Roma-Demos am Start, weil es mir wichtig ist, auch als Manouche dort präsent zu sein. In Deutschland gibt es ja ein bestimmtes Bild und viele Vorurteile gegen Sinti und Roma. Hier werde ich nie als Manouche gelesen, daher hatte ich deswegen nie Nachteile und habe das auch nie so thematisiert. Aber eigentlich ist es total wichtig, zu zeigen: Wir sind so divers, wie jede Gesellschaft auch divers ist. Uns gibt es in allen Bereichen, wir machen alles Mögliche, wir sehen alle unterschiedlich aus. Deswegen bin ich froh, dass ich jetzt hier auch mehr mit der Roma-Community vernetzt bin. Es ist mir ein großes Anliegen, gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma und den Gadjé-Rassismus zu kämpfen. Ansonsten mache ich gerade neue Songs für ein potenzielles neues Album von mir, und im August gebe ich ein paar Open-Air-Konzerte. Ich mache weitere Songs mit Niko aus Venezuela und habe schon länger ein Musikprojekt mit dem Kollektiv „Soundz of the South“ aus Kapstadt in Südafrika. Ich habe auch ein Projekt mit dem Rapper Crushow aus Skid Row, einem Stadtteil mitten in Downtown L.A., in dem 5.000 oder 6.000 Leute in Zelten auf der Straße leben, direkt neben dem Financial District – das ist für mich eigentlich das Sinnbild des Kapitalismus.

Was verbinden Sie noch mit Heidelberg, von wo Sie herkommen?

Meine Eltern leben noch in der Nähe und die Leute von früher, die auch nach wie vor aktiv sind. Ich bin froh, dass noch so kleine Oasen geblieben sind. Heidelberg ist für mich das Warnzeichen dafür, wie es nicht laufen soll. Ich war ja auch einer von denen, die weggegangen sind, das ist ja immer das Problem, wenn die Leute alle abhauen. Früher war Heidelberg tatsächlich für die Größe eine sehr subkulturelle linke Stadt. In den 90er Jahren gab es das Autonome Zentrum, es war sehr divers und subkulturell. Aber das Autonome Zentrum gibt es leider nicht mehr, es wurde im Frühjahr 2000 von der Stadt geräumt. Und damit haben sie es tatsächlich geschafft, Heidelberg zur sauberen, idyllischen Touristenstadt zu machen, die sie immer haben wollten. Und 1998 war Heidelberg, glaube ich, mit eine der ersten Städte, die dieses Law-and-Order-Konzept aus New York übernommen haben, mit neuen Polizeigesetzen, mit Stadtverweisen und Versammlungsbeschränkungen. Wir hatten fast täglich Innenstadtverbot als Punks, unbegründet. Damit hat es angefangen. Und leider haben sie es damit geschafft, dass viele von uns weggezogen sind, weil Heidelberg einfach nicht mehr lebenswert war. Und so soll Berlin nicht enden.

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