Oscar-Kandidat „Hamnet“: Ein bodenlos scheinender Schmerz
Mit großer emotionaler Wucht erzählt Chloé Zhaos „Hamnet“ von Shakespeares Ehe und der Trauer um ein Kind. Für die Oscars wird der Film hoch gehandelt.
Die ersten Reaktionen auf Social Media hörten sich an wie Katastrophenberichte: „Ich war am Boden zerstört“; „… hat mich völlig fertig gemacht“. Von Zuschauern wurde erzählt, die wie gelähmt in ihren Sitzen verharrten und noch nach den Credits vor sich hin weinten; andere mussten angeblich einander an den Händen halten.
Aber es war „nur ein Film“ – im konkreten Fall Chloé Zhaos „Hamnet“, der auf den Herbstfilmfestivals von Telluride und Toronto Premiere feierte. Nichts gegen die anhaltende Bedeutsamkeit von Shakespeare, aber die Aufführungen seiner Stücke rufen heutzutage wohl nur selten solche tiefen emotionalen Resonanzen hervor.
Chloé Zhao beginnt ihren Film mit einem schriftlichen Hinweis: Im England des 16. Jahrhunderts seien die Namen Hamnet und Hamlet tatsächlich austauschbar gewesen. In dieser beiläufig daherkommenden Beobachtung steckt der Auftakt eines Gedankenexperiments: Warum hat William Shakespeare, dessen einziger Sohn Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren verstarb, seinem rund drei Jahre später entstandenen Drama den Titel „Hamlet“ verliehen? Kein Künstler, kein Autor würde ein Stück zufällig nach dem eigenen gestorbenen Sohn benennen. „Es musste etwas bedeuten“, so formuliert es Maggie O’Farrell, die Autorin der Vorlage zu Zhaos Film, im Interview mit der New York Times.
„Hamnet“. Regie: Chloé Zhao. Mit Jessie Buckley, Paul Mescal u.a. Vereinigtes Königreich/USA 2025, 126 Min.
Zwei Seiten einer Medaille
Dabei ist O’Farrells 2020 erschienener „Hamnet“ kein autobiografischer Shakespeare-Roman, der sich auf neue historische Recherchen beruft, sondern eine Spekulation über die lange Spur der Trauer um ein Kind und wie sie sich in einem Schaffen niederschlägt. Gleichzeitig werden die Namen Hamnet/Hamlet eben nicht austauschbar verwendet, sondern als zwei Seiten einer Medaille.
Wenn das Stück „Hamlet“ die Shakespeare-Seite ist, die wir alle kennen, so erzählt „Hamnet“ von der anderen Seite, der Unterseite, wenn man so will, von dem, wo wir nur wenig bis gar nichts wissen, vom Privatleben Shakespeares, seiner Ehe, seinen Kindern und vor allem von seiner Frau Anne Hathaway, die manchmal auch als Agnes bezeichnet wird. Denn auch Anne und Agnes waren seinerzeit noch austauschbar.
Menschen in Landschaften
Diese Agnes, gespielt von Jessie Buckley, steht im Zentrum von „Hamnet“. Chloé Zhao stellt sie mit der ihr eigenen Sensibilität für Menschen in Landschaften – siehe die ungeschminkte Frances McDormand in der winterlichen Wüste von „Nomadland“ – als junge Frau mit Verbindung zur Natur vor. Mit einem Falken auf dem Arm durchstreift sie den Wald, als wäre er ihr ganz persönlicher Garten. Zhao und ihr Kameramann Łukasz Żal filmen ihn, als hätte er die Dimensionen eines Dschungels, mit lichter Decke, schimmernd-feuchtem Untergrund und vielstimmiger, eigener Geräuschkulisse. Agnes scheint vertraut mit allen Zweigen und Nischen, in denen sich ein nützliches Kräutlein verbergen könnte.
Auf einem ihrer Wege begegnet sie dem jungen William (Paul Mescal), der noch kein Schriftsteller ist, sondern seinem verbitterten, verschuldeten Handschuhmacher-Vater beistehen muss, indem er die Söhne der Nachbarn in Latein unterrichtet. Ihr erstes Treffen ist ein echtes „meet-cute“ mit artigem Hin und Her von geistreichen Bemerkungen. Im Anschluss gibt es ein verstecktes Lächeln auf den Lippen beim Auseinandergehen, in dem sich gleichsam die Freude auf die Zukunft zu erkennen gibt.
Zweifel und Widerstände werden bezwungen, das junge Paar liebt sich, Agnes wird schwanger, es wird geheiratet, auch wenn Shakespeares Eltern mit missmutigen Mienen dastehen. Das erste Kind ist eine Tochter, Susanna. Agnes hat einen prophetischen Traum, in dem zwei Kinder dereinst an ihrem Grab stehen. Aber dann kommt sie bei der nächsten Schwangerschaft mit Zwillingen nieder, Hamnet und Judith. Die Tragödie ist angekündigt. Welches der drei wird nicht überleben?
Der wenig zu Aberglauben neigende William verlässt irgendwann die ländlichen Gefilde und geht nach London. Der Film aber bleibt ganz bei Agnes, die ihn dazu aufgefordert hat, um sein Schreiben zu befördern. Wie William seine Stimme findet, zum Theater kommt, wird kaum erwähnt und schlägt sich nur in wenigen Zitaten nieder, etwa wenn die drei Kinder die Auftaktszene aus „Macbeth“ mit den drei Hexen nachspielen: „Wann kommen wir drei uns wieder entgegen, / Im Blitz und Donner, oder im Regen?“
Erstaunlicherweise weicht Zhao den sich anbietenden Klischees kaum aus: Agnes hegt tatsächlich etwas von der Widersprüchlichkeit einer „suburban Housewife“, die die Abwesenheit des Mannes gleichzeitig genießt und bemängelt, nicht etwa, weil sie ihren Gatten so vermisst, sondern weil er als Vater den Kindern so fehlt.
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Trailer „Hamnet“
Der untröstliche Zwillingsbruder
Und dann kommt die Pest, zuerst erkrankt Judith, für die man das Schlimmste befürchtet. Zwillingsbruder Hamnet ist darüber untröstlich, legt sich zu ihr ins Bett – und stirbt quasi an ihrer Stelle. Zum tragischen Höhepunkt wird der Moment, an dem William verspätet nach Hause kommt und als Erstes erleichtert ist, das Töchterchen wohlauf zu sehen, bevor er begreifen muss, was mit Hamnet geschehen ist. Es kommt wie in modernen Beziehungsdramen auch: Die Trauer belastet das eheliche Verhältnis ungemein.
Als eines der Motive für ihr Buch benennt O’Farrell die Absicht, Anne Hathaway vor den Unterstellungen all der Shakespeare-Forscher zu erretten, die in den zurückliegenden 400 Jahren ihre eigene Lieblingsspekulation ohne große sachliche Basis entwickelt hatten: nämlich dass William seine Frau Anne gehasst habe.
In Zhaos Film wird daraus ein klassischer Emanzipationstopos: Zwar wird Agnes nicht wie etwa Glenn Close in „The Wife“ von 2017 als die wahre Autorin der Zeilen des großen Mannes enthüllt, aber die Gewichtung des Films stellt sie mit ihrer ungezähmten, emotionalen Power doch als treibende Kraft heraus. Ihr Einfluss war wichtig, damit der Sohn aus strengem Elternhaus den Mut finden konnte, aus den Konventionen auszubrechen und nach eigenen Regeln zu schaffen.
Fesselnde Darstellung
Jesse Buckley ist großartig in dieser Rolle. Man kann das anerkennen, selbst wenn man den Film als solchen gar nicht so besonders mag. Ihr leicht schräges Lächeln, ihre kehlige Aussprache, wie sie ihr Kinn zittern lassen kann und den Zuschauer mit der Darstellung eines bodenlos scheinenden Schmerzes fesseln kann, ist einmalig. (Der Oscar gilt ihr als sicher). Einer solchen Naturgewalt gegenüber muss Paul Mescal als Shakespeare notwendig verblassen.
Trotzdem ist es seine im Hintergrund gehaltene Autorschaft, die schließlich die Antwort liefern soll auf die Frage danach, was es bedeutet, dass Shakespeare seinen „Hamlet“ nach dem verstorbenen Sohn benannte. Wer eine intellektuelle Formulierung erwartet, wird enttäuscht: Zhaos Film liefert eine rein emotionale Auslegung, das aber mit einer Wucht, die für die eingangs geschilderten Reaktionen sorgt.
Agnes verschlägt es zur Premiere nach London. Im Globe Theatre steht sie in der ersten Reihe und ist zuerst empört darüber, dass der Name ihres Sohns auf der Bühne ausgesprochen wird. Es wirkt so, als habe sie keinen Begriff davon, was ein Theaterstück ist und wie es funktioniert, aber sie lässt sich mitreißen, staunend, mit offenen Augen und Ohren. Und dann, am Ende, streckt sie ihre Hand aus, als wolle sie das von ihrem Mann geschaffene Kunstwerk berühren, und mit ihr tun es die anderen Zuschauer. Es wird ein derart starker Moment daraus, dass man ihn als große Metapher begreift, für das, was Kunst ist und wie sie uns bewegt, auch jenseits dessen, was wir verstehen.
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