piwik no script img

Olivia Wilde's Kinofilm „The Invite“Die Sehnsüchte des anderen

Ein Beziehungsfilm, der im besten Sinne aufrüttelt. Mit Witz und Wärme erzählt Olivia Wilde in „The Invite“ von Paaren, Intimität, Sex und Risiko.

Mit welcher Leidenschaft noch vor Kurzem über „Triggerwarnungen“ gestritten wurde – über den Sinn oder Unsinn von „Content Notes“, die nicht nur vor diskriminierenden Stereotypen, sondern auch vor aufwühlenden Bildern warnen sollen. Dabei lässt sich längst nicht alles, was im Innersten aus dem Gleichgewicht bringen kann, durch einen Warnhinweis kenntlich machen.

Auch ein Film wie „The Invite“ wäre wohl niemals in die Verlegenheit geraten, mit einer „Triggerwarnung“ versehen zu werden. Trotzdem besitzt Olivia Wildes dritte Regiearbeit das Zeug dazu, einen Gedankengang auszulösen, der Beziehungen retten oder beenden kann. Zumindest solche, die eigentlich längst eingeschlafen, zu betäubendem Ballast geworden sind. Und in einer solchen steckt das Paar, dessen Perspektive hier eingenommen wird.

Dass ihre zunächst sehr klischeehaft wirkenden Eheprobleme eine überraschende Sprengkraft entfalten werden, scheint anfangs allerdings kaum vorstellbar. Der männliche Part, Joe, wirkt wie eine der Figuren, wie sie Seth Rogen seit vielen Jahren verkörpert: Im Auftakt radelt er durch San Francisco, macht auf seinem viel zu kleinen Klapprad eine lächerliche Figur, scheint unzufrieden mit seiner Position als Lehrer an einer Musikschule und ist doch zu sehr in seiner Behäbigkeit gefangen, als dass er etwas ändern würde. Zu Hause, es hat wohl eine psychosomatische Ursache, rebelliert der Rücken.

Der Film

„The Invite“. Regie: Olivia Wilde. Mit Olivia Wilde, Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton. Nach einem Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones. USA 2026, 108 Min.

Zeit für Erholung bleibt nicht, denn Angela hetzt aufgeregt durch das Apartment. Auch sie gibt ein bekanntes Bild ab, als Hausfrau und Mutter, die ihre überschüssige Energie, seit die zwölfjährige Tochter sie weniger braucht, in immer neue Dekorationsprojekte steckt. Ihren Selbstwert bezieht sie aus der Anerkennung von Fremden.

Joe hat den Wein vergessen

Auch deswegen muss alles in bester Ordnung sein, wenn die Nachbarn von oben gleich zum Abendessen aufschlagen. Dem steht nun im Wege, dass Joe keinen Wein mitgebracht hat, so wie Angela es ihm angeblich aufgetragen hat. Schon entbrennt ein Streit.

Nichts an dieser Konstellation wirkt besonders außergewöhnlich; auch als Remake scheint „The Invite“ dazu prädestiniert, erwartbar zu sein. Zumal die Kammerspielformel mit erkennbarer Lust an der Eskalation nach schwer zu übertreffenden Vorbildern wie „Der Gott des Gemetzels“ oder „Im August in Osage County“ kaum noch Raum für Überraschungen lässt.

Und doch zeichnet sich schon hier eine wichtige Verschiebung ab: Während sich die handelnden Figuren etwa bei Roman Polanski oder Orson Welles lange damit aufhalten, die schöne Fassade aufrechtzuerhalten, weist sie hier direkt deutliche Risse auf – wenn sie nicht längst dahin ist.

So machen sich die Nachbarn Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) gar nicht erst die Mühe zu behaupten, sie hätten den lautstarken Zank vor der Wohnungstür überhört. Ganz frei heraus fragen sie, ob es noch immer ein guter Zeitpunkt für ihren Besuch sei.

Die gierig angenommene Einladung legt endgültig ein tiefer liegendes Verlangen frei, mit folgenreicher Erkenntnis

Die dünne Decke der Wahrheit

Das wiederum zieht weitreichende Konsequenzen nach sich: Das Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones ist weder auf das große Entlarvungsmoment hin geschrieben noch steuert es auf die mittlerweile ermüdend oft bemühte Erkenntnis zu, wie dünn die zivilisatorische Decke doch in Wahrheit ist.

Stattdessen beobachtet „The Invite“ – ohne Zynismus, aber mit schneidendem Witz – die feineren Zwischenmenschlichkeiten, von verborgenen Wünschen bis zu kaum merklichen Verletzungen. Dass dies gelingt, ist nicht zuletzt dem ungewöhnlichen Entwurf von Piña und Hawk zu verdanken.

Ihre entwaffnende Ehrlichkeit mag Angela anfangs noch vor den Kopf stoßen, bald aber setzt dieselbe Offenheit übliche Höflichkeitsrituale außer Kraft, die weniger der Rücksichtnahme dienen als der Wahrung vor vermeintlich schützender Distanz.

Darüber zeichnet die beiden Nachbarn allerdings auch eine faszinierende, weil fast unerschütterliche Zugewandtheit aus. Als Figuren wirken sie dadurch zwar fast überweltlich, als Resonanzkörper, die Verdrängtes ans Tageslicht befördern, funktionieren sie jedoch hervorragend.

Joints und laute Sexgeräusche

Während Piña sich trotz seines rüden Auftretens mit Joe ins Arbeitszimmer zurückzieht, um mit ihm einen Joint zu rauchen, und sich dabei für seine Musik interessiert, denkt Hawk an der Seite von Angela mit derselben Ernsthaftigkeit über den richtigen von drei kaum voneinander zu unterscheidenden Blautönen für eine Wand nach.

Erst auf diesem Fundament, als sich so bereits zeigte, wie sehr sich sowohl Angela als auch Joe nach dieser Aufmerksamkeit sehnen, steigert sich „The Invite“ zur wohl titelgebenden Provokation: Nachdem sich das Quartett wieder zusammengefunden hat und sich Piña und Hawk für die lauten Sexgeräusche aus ihrer Wohnung entschuldigt haben, erzählen sie von ihren Sexpartys – und laden ihre Nachbarn kurzerhand ein, noch am selben Abend mit ihnen zu schlafen.

Die gierig angenommene Einladung legt endgültig ein tiefer liegendes Verlangen frei, vor allem aber eine folgenreiche Erkenntnis: Joe und Angela widmen sich längst nicht mehr einander mit der Intensität, nach der sie sich eigentlich sehnen.

Nicht ihre Gedanken, nicht ihre Hoffnungen, nicht ihre Körper scheinen für den anderen noch eine reizvolle Dringlichkeit zu besitzen. Und es verletzt sie mehr, als sie wahrhaben wollten.

Gewohnheiten überschreiten

Seinen stärksten Impuls – oder, wenn man so will, seinen eigentlichen „Trigger“ – hebt sich „The Invite“ aber für den Schluss auf.

Gegen den Hang des heutigen Beziehungskinos, Trennungen vor allem als Schritt zur individuellen Selbstverwirklichung zu erzählen, setzt Olivia Wilde auf eine beinahe anachronistische, da stärker auf gegenseitige Verantwortung bedachte Idee: Liebe kann nicht darin bestehen, nur die eigenen Sehnsüchte ernst zu nehmen und zu verteidigen, sondern ebenso die des anderen.

Das Verstummen des anderen im eigenen Leben wird so zur eigentlichen Tragödie einer Beziehung – und „The Invite“ zu einem eindrucksvollen Beleg dafür, dass man vor manchen Zumutungen besser nicht gewarnt werden sollte.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare