Ökologische und ökonomische Krise: Rational und brutal ehrlich

Die Ökonomin Ann Pettifor denkt über einen „Green New Deal“ nach, der vom Abgrund wegführen könnte. Es fehle den Regierenden nur der Mut.

Eine Roosevelt-Statue wird geputzt

Franklin D. Roosevelt hatte eine radikale Idee, an die zu erinnern gegenwärtig weiterhelfen könnte Foto: picture alliance/dpa

Das Buch ist vor der Coronapandemie verfasst – und kommt doch genau zur rechten Zeit. Die britische Ökonomin und Finanzexpertin Ann Pettifor beschreibt einen „Green New Deal“, der weit über das hinausgeht, was gegenwärtig auf EU-Ebene diskutiert wird: Die Klima- und Biodiversitätskrise erfordere einen fundamentalen Wandel unserer Wirtschaftsweise. „Wir können – und wir müssen, um zu überleben – in den nächsten zehn Jahren das gescheiterte kapitalistische System verändern und überwinden, denn es droht, die Lebenserhaltungssysteme der Erde zu zerstören und mit ihnen die menschliche Zivilisation.“

Dafür sieht die Direktorin der Denkfabrik Policy Research in Macroeconomics zwei Hebel: Staaten sollen Milliarden investieren, damit anständig bezahlte Arbeitsplätze in gemeinwohlorientierten, kohlenstofffreien Volkswirtschaften entstehen. Ein Großteil der notwendigen Dinge müssten künftig wieder regional erzeugt werden. Ins Zentrum gehört der Bedarf – nicht die Herstellung immer neuer, ressourcenverschlingender Konsumgüter. Bei Ideen, Forschung, Bildung, Kultur und Kommunikation soll es dagegen weiter einen regen internationalen Austausch geben.

Ann Pettifor: „Green New Deal. Warum wir können, was wir tun müssen“. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer. Hamburger Edition 2020, 192 Seiten, 22 Euro

Eine solche Neuausrichtung des Wirtschaftens kann aber nur gelingen, wenn die demokratisch gewählten Regierungen zugleich einen zweiten Hebel nutzen, so Pettifor. Sie müssen den Finanzmärkten mit ihren riesigen Vermögensblasen die Luft abstellen.

Dass die Autorin keine idealistische Spinnerin ist und große Veränderungen erreichen kann, hat sie mit der von ihr maßgeblich geprägten Kampagne „Erlassjahr 2000“ bewiesen: Der G8-Gipfel in Köln strich damals die Schulden extrem armer Länder. Pettifor rät, Schwarzmaler*innen von links und rechts zu ignorieren und sich mit solidem Wissen zu wappnen.

Debatte um Euro-Bonds

Dafür nimmt sie die Leserschaft zunächst mit auf eine Reise in die Geschichte, die in der aktuellen Debatte über Euro-Bonds hochspannend ist. Der junge britische Ökonom John Maynard Keynes hatte nach dem Ersten Weltkrieg vorgeschlagen, dem Kriegsverlierer zu erlauben, Staatsanleihen im Wert von einer Milliarde Pfund auszugeben und mit dem Geld die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Alliierten sollten die Bürgschaft dafür übernehmen, damit die Geldgeber Vertrauen in die Papiere hätten. Wäre der Plan umgesetzt worden, wäre eine neue internationale Finanzordnung entstanden, die nicht mehr auf dem Geld privater Finanziers, sondern der Wirtschaftskraft und Autonomie von Staaten beruhte.

Doch die USA lehnten ab – und die Geldbesitzer behielten das Ruder in der Hand. 1929 kollabierten aufgrund von Spekulationen Banken und Börsen, rissen die Realwirtschaft mit in den Abgrund und verursachten Massenarbeitslosigkeit und Elend.

Vier Jahre später legte US-Präsident Roosevelt ein riesiges Konjunkturprogramm auf für Millionen Arbeitsplätze im Bereich Infrastruktur und Bekämpfung der Erosion. Zugleich unterstellte er die Wall Street demokratischer Kontrolle – bis Präsident Nixon das internationale Finanzgebäude 1971 einriss. Heute wird die Welt wieder von Märkten regiert. Private Unternehmen verdienen an Wasserversorgung und Gesundheitsdienstleistungen, die Spekulation blüht, die Umweltzerstörung schreitet voran und die Börsen sind größer und mächtiger als je zuvor.

Brandgefährliche Situation

Dem heutigen politischen Führungspersonal fehle es an Mut und es unterwerfe sich den globalen Finanzinteressen, kritisiert Pettifor. Zugleich mobilisiere die brandgefährliche Situation aber viele progressive Kräfte. Die müssten nun „realistische, rationale und brutal ehrliche Antworten“ geben, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft aussehen kann. Dass die Zeit fürs Umsteuern vielleicht nicht mehr reicht, gehöre zur Ehrlichkeit dazu.

Zugleich verweist Pettifor auf das Erfolgsrezept der Erlassjahr-2000-Kampagne: „Unser Anliegen klang richtig, weil unsere Analyse rigoros war, unsere Fakten und Belege zutreffend und unsere Argumente solide.“ Mit dem angemessenen Gefühl für die Gefahr seien drastische Veränderungen vielleicht möglich. Pettifor hofft, dass Millionen Menschen für einen Green New Deal in ihrem Sinne eintreten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben