Buch über das große Artensterben: Die stattfindende große Verwüstung

„Das Ende der Evolution“ heißt das neueste Buch des Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht. Darin warnt er vor dem Massensterben der Arten.

Pinguine am Strand

Pinguine am Strand in Argentinien Foto: Mundo Marino via reuters

Der Klimawandel ist noch unser kleineres Problem. „Der Verlust der Biodiversität ist die wahre Krise des 21. Jahrhunderts.“ Das ist die erschreckende und sehr gut belegte These des Hamburger Professors Matthias Glaubrecht.

Ob das sechste Massenaussterben in der Erdgeschichte bereits angefangen hat oder kurz bevorsteht, ist wissenschaftlich umstritten. Einig sind sich viele Experten dagegen, dass ohne radikale und rasche Änderungen unserer Lebensweise bereits in 80 Jahren mehr als die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten ausgestorben sein könnten. Das ist keine Frage sentimentalen Bedauerns. Zu erwarten sind Hungersnöte unbekannten Ausmaßes mit Milliarden Toten.

Für uns war der Meteorit, der den Dinosauriern den Garaus machte, ein Glücksfall: Jahrelang verdunkelten Staubwolken den Himmel. Das eröffnete den Säugetieren neue Entwicklungschancen. Bis dahin waren sie allesamt nachtaktiv gewesen, weil bei Tageslicht die Riesenreptilien alle Lebensräume beherrschten.

Die Familie der Primaten gehörten zu den ersten, die sich auf die hellen Stunden umorientierte. Wahrscheinlich schon vor über vier Millionen Jahren entwickelten Hominiden dann als Reaktion auf klimatische und geologische Veränderungen den aufrechten Gang, erst sehr viel später vergrößerte sich ihr Gehirn – wahrscheinlich um das komplexe Sozialleben und die dafür notwendige Kommunikation zu meistern.

Matthias Glaubrecht: „Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten“. Bertelsmann Verlag, München 2020, 1072 Seiten, 38 Euro

Die meiste Zeit unauffällig

Zwar sind wir die einzige Menschenlinie, die nach mehreren Auswanderungswellen aus Afrika letztlich überlebt hat. Doch die Hybris, dass alles auf den Homo sapiens als „Krone der Schöpfung“ zulief, ist sachlich ebenso falsch wie die Annahme, dass wir uns grundsätzlich von Tieren unterscheiden. Kultur ist unsere Natur.

Es ist unser evolutionäres Erbe, das uns binnen weniger zehntausend Jahre ermöglichte, die gesamte Erde zu bevölkern: Wir sind flexibel und in der Lage, uns an neue Umgebungen anzupassen, sind neugierig und haben Entdeckergeist. Zugleich bestand unsere Strategie seit jeher darin, als plündernder Pionier weiterzuziehen, sobald die Ressourcen irgendwo erschöpft waren.

Die meiste Zeit unserer Geschichte war unsere Art unauffällig, bis wir den Ackerbau entwickelten. In den vergangenen zehntausend Jahren nahm die menschliche Population um das 1.200-fache zu. Statistisch werden heute pro Stunde 21.763 Babys gezeugt, und so bleibt immer weniger Raum für andere Erdbewohner.

Glaubrecht betont den Faktor Bevölkerungswachstum als zentrales Problem, das er politisch tabuisiert und manchmal sogar in die faschistische Ecke gestellt sieht. Daneben haben Habitatverlust, Einschleppung fremder Arten, Umweltverschmutzung und Übernutzung dazu geführt, dass die Artenvielfalt rasant schwindet. Der Autor beschreibt das für Insekten, große Säugetiere, Vögel und Meeresbewohner klar und nachvollziehbar.

Das eigene Leben als Maßstab des Universums

Fokussiert auf die Gegenwart und ausgestattet mit dem Gefühl, das eigene Leben sei der Maßstab des Universums, fallen die Verluste den meisten Menschen gar nicht auf. Dabei findet der Schwundprozess auf vielen Ebenen statt: Mit der Einschränkung von Lebensräumen nimmt die genetische Vielfalt innerhalb einer Art und auch die Zahl der Individuen ab.

Das vielschichtige Netzwerk des Lebens wird immer löchriger. Es ist, als ob man auf einer Computerfestplatte leichtfertig immer mehr Teile löscht, ohne die Funktion der Dateien zu beachten. Irgendwann stürzt das gesamte System ab, so Glaubrecht.

Das 1.072 Seiten dicke Buch ist sehr kundig. Zugleich hätten ihm ein intensives Lektorat und eine deutliche Kürzung gutgetan. So gibt es nicht nur häufig Redundanzen, sondern auch immer wieder weitschweifige Ausführungen, insbesondere zu asiatischen Regio­nen, mit zu vielen Details, die einfach nicht zum Thema gehören.

Sehr gut und fokussiert sind dagegen die beiden plastischen Szenarien am Ende. Der Autor wählt das Jahr 2062, um Rückschau auf zwei mögliche Entwicklungen zu halten. Beim „Untergang“ wurden für die Nahrungsmittelerzeugung Regenwälder gerodet, Dürren und Extremwetterereignisse nahmen zu – und als die wenigen Hochertragssorten dann auch noch von Pilzen und Schädlingen heimgesucht wurden, gab es zu wenig Essen und sauberes Wasser.

Der Mensch als Teil der Tierwelt

Gewalt­exzesse und der Zusammenbruch der Megacitys waren die Folge. Die Überlebenden wundern sich über die heutige Zeit: „Über was haben sich die Menschen damals alles Gedanken gemacht: haben viel zu lange über Luxusprobleme wie Autofahren und Abgase, Fliegen und Fleischkonsum debattiert und … mit Milliardenaufwand die Anfänge des Universums und die Oberfläche des Mars erforscht.“

Dagegen hat im Szenario „Rettung“ eine radikale Wirtschafts- und Agrarwende stattgefunden, die begleitet wurde von internationaler Lastenteilung, einer drastischen Geburtenkontrolle und dem Beschluss einer internationalen Biodiversitätskonferenz, riesige Flächen nicht mehr zu nutzen.

Die von uns gekannte Natur kann nur dann weiterleben, wenn wir einerseits verstehen, dass wir Teil der Tierwelt sind. Zugleich müsste unsere evolutionär zuletzt entwickelte „Vernunftnatur“ die Oberhand bei unserem kollektiven Handeln gewinnen. Schwer zu glauben.

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