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Öffentliche Unterbringung in HamburgKindheit ohne Privatsphäre

Über 13.000 Kinder und Jugendliche leben in Hamburg in Unterkünften. Das ist ungesund, weiß auch die Stadt. Nun fordert das Jugendparlament Abhilfe.

Aufwachsen in der Behelfsunterkunft: Jugendliche spielen Fußball in der Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Am Samstag, dem 16. Mai, fand im Hauptgebäude der Uni Hamburg ein ganz besonderer Fachtag statt. Das Jugendparlament der Kinder aus den Unterkünften für Geflüchtete lud ein, um über ihre Lage zu berichten. Nach einem Fachtag im Juli und November 2025 war es schon die dritte solche Zusammenkunft. Da sich bislang wenig änderte, sollte es diesmal um die Gesundheit gehen. „Es ist wichtig, dass Sie heute hören, wie wir uns wirklich fühlen“, sagte der Junge Hamodi zur Begrüßung.

Fakt ist: In Hamburg leben Kinder nicht nur vorübergehend in öffentlichen Unterkünften. Sie bleiben über Jahre und wachsen dort auf. Laut Sozialbehörde lebten Ende April 7.253 Familien und insgesamt 13.401 minderjährige Personen in Räumen des stadteigenen Trägers Fördern & Wohnen (F&W).

„Viele Menschen wissen vielleicht nicht, wie das Leben in einem Wohnheim wirklich ist“, sagte die Jugendliche Marwa, die vor drei Jahren ins Land kam und mit ihrer Familie in einer Unterkunft in Bergedorf lebt. „Es ist ständig laut. Es gibt oft Streit, Unruhe und Stress. Man hat keinen ruhigen Ort zum Lernen. Es gibt keine Privatsphäre.“

Das sei sehr belastend. Ihr kleiner Bruder komme nach der Schule nach Hause und frage: „Mama, wann kann ich so leben wie meine Mitschüler?“ Diese Worte täten ihr weh, denn kein Kind sollte sich weniger Wert fühlen als andere.

Verdreckte Toiletten erzeugen Stress

Die mehr als 150 Unterkünfte, die F&W in den letzten Jahren aufbaute, sind unterschiedlich. Es gibt Modulbauten mit baulich abgeschlossenem Wohnraum, es gibt aber auch hellhörige Containerunterkünfte und solche, wo viele Personen sanitäre Anlagen gemeinsam nutzen müssen. Da macht es was aus, ob Menschen dort kurzfristig oder länger leben.

Denn Kinder brauchten ein Zuhause, um gesund aufwachsen zu können. Das erklärte die Ärztin Meike Nitschke-Janssen, die auf Einladung des Jugendparlaments einen Vortrag über „Gesundheitliche und entwicklungsbezogene Folgen durch die aktuelle Unterbringungsdauer von Minderjährigen“ hielt. Die betrug nach Angaben des Senats vom Februar 3,7 Jahre.

Nitschke-Janssen, die in Hamburg-Osdorf die Praxis für Interkulturelle Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Iccura) leitet, ist seit über zehn Jahren mit Projekten und Sprechstunden in den Unterkünften tätig. Sie kennt Patienten, die 2016 ankamen und noch immer dort leben.

Die Ärztin zeigte das Bild einer schmutzigen Toilette aus einer Unterkunft. So sehe es aus, „wenn zu viele Menschen zu wenige sanitäre Anlagen haben und auch nicht das Mandat, es sich so einzurichten, wie sie es gerne hätten“. Bei kleinen Kindern, die lernen müssen, ihre Körper zu spüren und auf Toilette zu gehen, könne dies zu Ausscheidungsstörungen führen.

Wenn menschliche Fäkalien zu riechen sind, reagiere das Nervensystem mit Ekel. „Das stresst uns natürlich“, sagte Nitschke-Janssen. Auch häufige Polizeieinsätze und miterlebte Gewalt lösten Stress aus. Kurzfristiger akuter Stress, etwa das Rennen nach einem Bus, baue sich wieder ab.

Warum wird so viel Geld für teure Zwischenlösungen ausgegeben, statt Geld zu geben, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?

Rula, Tagungsteilnehmerin

Chronischer Stress dagegen führe zu einer dauerhaften Ausschüttung von Adrenalin, was zu Schlafstörungen führe. Zusätzlich werde Cortisol ausgeschüttet, was zu verschiedenen Symptomen führen könne, wie Verdauungsprobleme, Bluthochdruck, hohem Blutzucker, einem geschwächten Immunsystem sowie Angstzuständen, Kopfschmerzen und einer Depression. Teils hätten auch 17-Jährige schon Herzprobleme.

Nitschke-Janssen wies auch auf etwas hin, das bereits vor einem Jahr Eingang in das „Kinderschutzkonzept“ von F&W gefunden hat: Kleine Kinder müssen los krabbeln können, um zu lernen. Das geht dort schlecht. Es fehlt Raum für „Exploration“.

Den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen würden „insbesondere Gemeinschaftsunterkünfte nur unzureichend gerecht“, schreibt die Stadt in dem Konzept. Sie räumt ein, dass sich die Verweildauer immer weiter verlängerte, sodass viele „in einer Wohnsituation aufwachsen, die ihre Entwicklung beeinträchtigt“.

Die Jugendliche Rula sagte im Anschluss: „Ich selbst bin davon betroffen und lebe seit acht Jahren im Wohn- und Fördersystem.“ Sie führte an, dass jeder Platz dort über 800 Euro koste, und fragte: „Warum wird so viel Geld für teure Zwischenlösungen ausgegeben, statt Geld zu geben, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?“

Aufgaben für die Bürgerschaft

Das Jugendparlament, dem etwa 40 junge Menschen angehören, verteilte sodann ein Papier, in dem es einen „Perspektivwechsel“ fordert. Die geflüchteten Kinder würden oft nur als Problemfall dargestellt. „Wir wollen lernen, arbeiten, uns einbringen. Doch die aktuelle Art der Unterbringung hindert uns aktiv daran.“

Nach einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Politikern wurden Aufgaben an die Podiumsgäste verteilt. Sie sollen bis zum nächsten Fachtag im November in Unterkünften überprüfen, ob dort die Kinderrechte eingehalten werden. Außerdem sollen die Fraktionen der Bürgerschaft klären, wie und wann der Wohnungsbau die Situation in den Unterkünften entlastet. Auch fordert die Gruppe eine detaillierte Statistik darüber, wie lange Kinder dort leben, um den Handlungsbedarf zu belegen.

Die Sozialbehörde erklärt auf taz-Anfrage, im Durchschnitt lebten die Menschen 48 Monate in den Unterkünften, gesonderte Zahlen für Minderjährige gebe es nicht. Gefragt, ob die Erkenntnisse der Ärztin dort bekannt sind und daraus Schlüsse gezogen wurden, verweist die Behörde auf die zuletzt gesteigerten Anstrengungen für den Sozialwohnungsbau und eben jenes Kinderschutzkonzept.

Dort steht übrigens, dass Unterkünfte in prekärer Bauweise wie Container mit geteilten Bädern und bis zu 28 Personen pro Flur künftig nicht mehr mit Familien belegt werden und es für diese nur noch „Festbauten mit abgeschlossenen Wohnraum“ geben soll. Allerdings setze dies einen „jahrelangen Umsetzungsprozess“ voraus. Indes sagte Nitschke-Janssen, bei kleineren Kindern sei schon ein Jahr in einer Unterkunft zu lang. „Kindesentwicklung wartet nicht, bis sie dran ist“, warnte die Ärztin.

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