Obdachlose in Großbritannien: Ungewisses Schicksal nach Corona

Während des Lockdowns steckte Großbritanniens Regierung tausende Wohnungslose in Hotels. Doch bald läuft das Programm aus.

Drei Zelte stehen vor einen geschlossenen Geschäft in London.

Die Zelte von Kelvin, Christopher und Will: Dass viele Läden geschlossen sind, kommt ihnen zugute Foto: Daniel Zylbersztajn

LONDON taz | Mit einem Besen kehrt Kelvin die Straßenecke, gegenüber dem einst für die Armen Londons gebauten Charing Cross Hospital. Die Armen im Schatten der glitzernden Theaterwelt des Londoner West End leben hier auf der Straße. Der 42-jährige Kelvin, der 63-jährige Christopher Haddock und der Mittvierziger Will Freeman hausen hier in einer Zeltgemeinschaft – drei von zuletzt geschätzt 8.855 Londonern auf der Straße.

Hunger haben die drei nicht. Es gibt sogar mehr zu essen als sonst, bestätigen sie. Einige Londoner Restaurants, die derzeit für die Öffentlichkeit geschlossen sind, kochen stattdessen für Obdachlose und Bedürftige. Tägliche Essensverteilung gab es schon vorher. Solange die Touristen wegen der Corona-Pandemie ausbleiben, haben die Helfer sogar den ganzen oberen Teil des Trafalgar Square übernommen.

In der Zeltgemeinschaft nur fünf Minuten von Trafalgar Square entfernt erzählt Will Freeman, ein schwarzer schlanker Brite im Moschino-T-Shirt: „Vor einem Jahr arbeitete ich noch im Bankensektor mit 45.000 Pfund (50.000 Euro) Jahresgehalt. Meine Miete stieg zweimal innerhalb kurzer Zeit und das war mehr oder weniger der Beginn meines Lebens auf der Straße.“

Ist es gefährlich derzeit, mit der Virusgefahr? „Ja, einen Kumpel hat es erwischt, er heißt Darren“, berichtet Kelvin. Christopher fällt dagegen etwas Gutes ein: „Dass wir nicht so oft umziehen müssen, weil die Läden dicht sind.“

Hotelzimmer als begrenzte Hilfe

Das Schlimmste an der Pandemie ist für diese Obdachlosen nicht das Virus. Es sind die vom Taschendiebstahl lebenden Drogensüchtigen, die nun mangels Menschenmassen auf die Obdachlosen losgehen. Man müsse nun mehr als sonst aufpassen, erzählen die drei. Schon allein deshalb ist ihnen ihre Zeltgemeinschaft wichtig.

Während des Lockdowns finanzierte die britische Regierung aus einem Notfonds Unterkünfte für obdachlose Menschen in leerstehenden Hotels. In England allein konnte so 5.400 Menschen eine temporäre Bleibe vermittelt werden, 1.300 davon in London. Nicht aber Kelvin, Christopher und Will.

Sie haben die niedrigste Priorität, erklärt Kevin: „Wir sind alleinstehende Männer. Keiner von uns nimmt Drogen oder hat psychische Störungen.“ Im Gespräch stellt sich heraus, dass sowohl er als auch Christopher nicht bei bester Gesundheit sind, womit ihre Bedürftigkeit eigentlich höher eingestuft werden müsste. Aber sie wünschen sich echte Wohnungen, keine Heimplätze. „Heime sind immer voller Junkies und Gestörte, nicht für Menschen wie uns“, sagt Kelvin.

Christopher hält wenig von der Hotelzimmerinitiative. „Ich wusste, dass es sowieso nur zeitlich begrenzt sein würde. Wozu also all die Umstände mit der zigtausendsten bürokratischen Prüfung meiner Sachverhalte, so als kennen mich die Behörden immer noch nicht – sie tun es seit Jahren und streiten sich darüber, wie sie mich einstufen sollen.“

In der Kategorie „obdachlos“ befinden sich auch Menschen, die nicht auf der Straße leben, sondern bei Bekannten oder Angehörigen auf dem Sofa oder im Frauenhaus auf der Flucht vor Gewalt. Allein in England gab es nach Angaben des britischen Parlaments im vergangenen Jahr 280.000 solcher Menschen, darunter 127.890 Kinder in 62.280 Familien. Gegen sie sind Christopher, Kelvin und Will „weniger bedürftig“.

Immer mehr Wohnungslose in London

Und jetzt stellt sich die Frage, ob jene, die vorübergehend in Hotels untergebracht wurden, bald wieder auf der Straße landen. Denn im Rahmen der Aufhebung des Lockdowns soll die Zuständigkeit für die Versorgung von Obdachlosen wieder an die Kommunen fallen wie vor der Pandemie.

Die Regierung glaubt, dass die Kommunen das aus einem Covid-19-Spezialfonds bewältigen können. Wohnungsminister Robert Jenrick setzt außerdem „für eine Langzeitlösung“ auf eine neue, im Februar ernannte staatliche Obdachlosenberaterin. Aber was daraus entstehen soll, ist völlig unklar.

An Vorschlägen herrscht kein Mangel. Londons Bürgermeister Sadiq Khan will mit 44 Millionen Euro Obdachlosenunterkünfte auf den neuesten Stand bringen, was Corona-Hygienebestimmungen angeht, mit individuellen Klos und Duschen. In Ostlondon entsteht ein neues Zentrum zur Unterbringung obdachloser Veteranen. Angeblich wird auch mit Airbnb- und Hotelanbieter*innen, die derzeit auf dem Trockenen sitzen, verhandelt.

Jon Sparkes, „Crisis“-Kampagne

„Die Notmaßnahmen zeigten, was möglich ist, wenn der politische Wille besteht“

Kann all das reichen, wenn die Zahl der Obdachlosen ständig steigt? Ende 2019 waren die Zahlen der auf der Straße lebenden Londoner im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent angestiegen. Die Zahl steigt auch jetzt, gerade wegen der Pandemie. Arbeitsplatzverlust, Geschäftsaufgabe oder auch die aus Angst vor Ansteckung entstehenden Weigerung von Menschen, Betroffene eines Wohnungsverlusts bei sich aufzunehmen, führen zu neuen Notfällen, sagen Hilfsorganisationen.

Bedingungslose Wohnungen

Aktivisten fordern, das Problem grundsätzlich anzugehen. Jon Sparkes, Leiter der Kampagne „Crisis“, sagt: „Die Notmaßnahmen zeigten, was möglich ist, wenn der politische Wille besteht.“

Der konservative Abgeordnete Bob Blackman, Co-­Vorsitzende der Parlamentariergruppe gegen Obdachlosigkeit, fordert eine bedingungslose Vergabe von Wohnungen nach dänischem und finnischem Vorbild. „Es geht darum, Menschen die auf der Straße schlafen, erst mal eine Wohnung zu geben und erst danach ihre Bedürfnisse zu prüfen.“

Diese Idee finden auch Christopher, Will und Kelvin gut. „Ja, es würde echt helfen“, meint Christopher. „Es waren immer diese Überprüfungen, die mich am Ende auf der Straße haben sitzen lassen, und das seit sechs Jahren.“

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