Homeless in Berlin: Corona hilft gegen Obdachlosigkeit

400 Wohnungslose werden ab Mai rund um die Uhr untergebracht. Auch eine Obdachlosen-Lotsen-Taskforce wird eingerichtet.

Obdachlose am Hauptbahnhof in Zeiten von Corona Foto: Sebastian Wells

Die Coronakrise sei für alle eine Herausforderung – „aber für Menschen, die auf der Straße leben, ist sie eine Katastrophe“. Auch deshalb, so Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Mittwoch, „ist es wunderbar, dass es nun eine Obdachlosen-Taskforce gibt“. Sogenannte Obdachlosen-Lotsen, die selbst mal wohnungslos waren, sollen nun auf ihre Art den Menschen in Not helfen.

Breitenbach stellte das Projekt am Mittwoch zusammen mit Jörg Richert vor, dem Vorstandsvorsitzenden der Sozialgenossenschaft Karuna. Bei dem freien Träger sind die Lotsen angestellt. Das Abgeordnetenhaus hat für die Taskforce 300.000 Euro bereitgestellt. Die Finanzierung erfolgt im Rahmen des Modellprojekts Solidarisches Grundeinkommen. Zehn von zwölf Lotsenstellen seien bereits besetzt.

Bei der Pressekonferenz, die aus einem Saal von Karuna als Livestream übertragen wurde, winkten Männer und Frauen der Taskforce – zu erkennen an orangefarbenen Westen – in die Kamera. Ihr Job sei nicht, Sozialarbeiter zu ersetzen, betonte Breitenbach. Es gehe darum, ihr Know-how zu nutzen: „Die Menschen auf der Straße da abzuholen, wo sie sind.“

Im Januar hatte Berlin eine flächendeckende Zählung von Obdachlosen durchgeführt. Mit rund 2.000 Gezählten war das Ergebnis deutlich niedriger ausgefallen als erwartet. Bis dahin war von bis zu 10.000 Obdachlosen in Berlin die Rede. Aus Scham hätten sich allerdings viele Menschen versteckt, vermuteten Experten. Breitenbach sagte dazu am Mittwoch nur so viel: „Wir können nicht garantieren, alle zu erreichen.“

Noch kein Infektionsfall

Richert sprach von 400 „verfestigten“ Kontakten zu Obdachlosen. Weil viele Hilfseinrichtungen wegen Infektionsgefahr schließen mussten, versuche man die Menschen nun anderweitig aufzufangen. Die Lotsen verteilten Essen, Trinkwasser und Atemschutzmasken und wiesen Wege zu Unterkünften. 500 Essen würden zentral am Boxhagener Platz ausgegeben und mit E-Bikes ausgefahren.

Zum Glück, so Breitenbach, gebe es in der Obdachlosenszene noch keinen Infektionsfall. Um das Risiko einzudämmen, stelle Berlin nun weitere Unterkünfte für Obdachlose bereit, die rund um die Uhr geöffnet sind. In der bisherigen Notunterkunft der Kältehilfe in der Storkower Straße stehen ab 1. Mai 100 Plätze zur Verfügung. Die Berliner Stadtmission kann in der Lehrter Straße 110 Menschen beherbergen, 35 Plätze davon sind für Frauen und acht für Rollstuhlfahrer. Ferner sind drei Einzelzimmer für Corona-Verdachtsfälle geplant. In einer Jugendherberge in der Kluckstraße in Tiergarten sind bereits 200 Obdachlose untergebracht.

Die Gesamtkosten für alle drei Unterkünfte – Vollverpflegung inklusive – bezifferte Breitenbach auf rund 2 Millionen Euro. Eine Einzelzimmerlösung in Hostels oder Hotel werde man aus Kostengründen leider „nicht hinkriegen“. Hier kritisierte Richert auch das Deutsche Jugendherbergswerk. Statt maßvoller Tagessätze verlange dieses für die Unterbringung von Obdachlosen „schwindelerregende Preise“.

Irgendwann werde Corona ein Ende haben, sagte Breitenbach. Die Menschen zurück in die Obdachlosigkeit zu schicken, werde bitter. Ihre Hoffnung sei aber, dass der eine oder andere durch den Umgang mit dem Virus kapiert hat, dass es Wege gibt, von der Straße zu kommen.

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