piwik no script img

NeurowissenschaftKreativität kann dabei helfen, besser mit Schmerz umzugehen

Malen, Musizieren und Schreiben aktivieren jene Areale im Gehirn, die auch Schmerz verarbeiten. Das könnte Menschen mit chronischen Leiden helfen.

Steckt da Kreativität gegen Schmerz in dem Kopf? Foto: imago

Sie kennen ihn vermutlich: den Mythos vom „leidenden Künstler“. Die Vorstellung, dass große Kunst aus Schmerz und Leid entsteht, ist tief in unserer Kultur verankert. Man denke nur an Vincent van Gogh, der sich nach einem Streit sein linkes Ohr abschnitt.

Doch muss man tatsächlich leiden, um kreativ zu sein? Ein Forschungsteam kam zu einem überraschenden Ergebnis: Möglicherweise ist es genau umgekehrt. Kreative Prozesse könnten dabei helfen, besser mit Schmerz umzugehen.

Die Studie

Kreative Prozesse und Schmerzverarbeitung beruhen auf ähnlichen neuronalen Mechanismen – zu diesem Schluss kommt ein Autorenteam unter der Leitung von Radwa Khalil von der Constructor University Bremen. Die Studie erschien im Jahr 2026 im Fachjournal Neuroscience and Biobehavioral Reviews.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Um die These zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wie Schmerz überhaupt entsteht. Schmerz ist kein reines Gefühl, sondern eine Wahrnehmung mit zwei Anteilen: einer sensorischen Komponente, die Art, Ort und Intensität erfasst, und einer emotionalen Komponente, die bestimmt, wie unangenehm der Schmerz erlebt wird.

Die Schmerzsignale werden vom Körper über das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet, wo das bewusste Schmerzempfinden entsteht. Gerade weil die emotionale Bewertung so entscheidend ist, lässt sich Schmerz auch über Sinnesreize beeinflussen: angenehme visuelle oder musikalische Eindrücke, etwa Bilder einer geliebten Person, können die wahrgenommene Schmerzintensität nachweislich verringern.

An genau diesem Punkt setzen kreative Tätigkeiten an. Malen, Schreiben, Musik oder Tanz wirken auf zwei Wegen schmerzlindernd: Zum einen lenken sie die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg, zum anderen aktivieren sie die Belohnungssysteme des Gehirns und setzen Dopamin und Noradrenalin frei.

Entscheidend ist dabei, dass die beteiligten Hirnregionen weitgehend dieselben sind, die auch an der Schmerzverarbeitung mitwirken – sie steuern Sinnesverarbeitung, Emotionen und Denken. Diese Überschneidung wird besonders bei chronischen Schmerzen bedeutsam, da diese die genannten Netzwerke nachhaltig verändern. Weil kreative Arbeit dieselben Areale anspricht, könnte sie helfen, die gestörten Aktivitätsmuster auszugleichen.

Team Zukunft – der Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien

Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.

Was bringt’s?

Einen neuen Zugang zur Schmerzbehandlung. Kreative Tätigkeiten könnten künftig als ergänzende Therapie in der Schmerzmedizin an Bedeutung gewinnen – möglicherweise auch über chronische Schmerzen hinaus, etwa bei ADHS oder Autismus. Die Kunsttherapie zum Beispiel ist schon heute in einigen Bereichen etabliert und in medizinischen Leitlinien teilweise verankert. Dort wird sie häufig zusammen mit Musik-, Tanz- oder Theatertherapie genannt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare