Neues Goethe-Institut in Senegal: Bioklimatisch und afrofuturistisch
In Dakar ist ein Goethe-Institut eröffnet worden. Entworfen hat es der burkinisch-deutsche Star-Architekt Francis Kéré. Senegalesen sind beeindruckt.
W ow!“, staunt Yannick. Wir stehen im Foyer des neuen Goethe-Instituts in Senegals Hauptstadt Dakar. Yannick habe ich erst vor ein paar Minuten kennengelernt, als er mich fragte, ob ich hier arbeite. Aber genau wie er bin ich zum Schauen gekommen. Eine Treppe schraubt sich vor uns in die Höhe und lenkt den Blick auf die geschwungenen Formen des nigelnagelneuen Gebäudes. Yannick ist baff: „Deutschland muss ja ’ne richtig große Nummer sein“, sagt der junge Senegalese, während er den Kopf mit den Dreadlocks hin und her wiegt.
Ich weiß nicht so genau, was ich darauf sagen soll. Aber Yannick hat recht, das neue deutsche Sprach- und Kulturinstitut in der senegalesischen Metropole ist ohne Zweifel eine Nummer. Oder, um es feiner auszudrücken: ein architektonisches Juwel.
Yannick jedenfalls ist begeistert. Und nicht nur er. Drei Tage lang wird die Einweihung gefeiert, mit Konzerten, Reden und einer Filmvorführung. Unzählige Arme recken sich den Servicekräften entgegen, die abends versuchen, die Häppchen gerecht zu verteilen. Denn die Einweihung hat sich herumgesprochen. Hunderte Menschen strömen durch das neue Goethe-Institut, schauen nach oben und fahren mit den Händen über die Wände.
Die rotbraunen Lehmziegel „Made in Senegal“, mit Zwischenräumen verbaut, lassen Licht und Luft hindurch. Vor allem im Sommer, wenn die Sonne brennt und die Luftfeuchtigkeit alle zum Schwitzen bringt, garantiert die Bauweise gute Luftzirkulation und Kühle, auch ohne Klimaanlage. Entworfen von niemand Geringerem als dem burkinisch-deutschen Star-Architekten Francis Kéré, der 2022 mit dem Pritzker-Architekturpreis – quasi dem Nobelpreis für Architektur – ausgezeichnet wurde, soll das Gebäude nicht gegen das Klima arbeiten, sondern mit ihm.
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Baobab im Innenhof
„Mein Lieblingsort ist der Innenhof um den Baobab“, erzählt mir Kéré. Die Bäume, die mehr als 1.000 Jahre alt werden können, sind traditionell Orte für Versammlungen und Austausch. Dass sich auch im Innenhof des Goethe-Instituts einer der sagenumwobenen Bäume in den Himmel streckt, könnte kaum eine schönere Symbolik haben.
Gebaut aus lokalen Materialien, von einem Team senegalesischer und deutscher Architekt*innen, ist das neue Institut für Leiterin Stefanie Peter ein Musterbeispiel für Kooperation und Austausch, „mit Rücksicht auf das lokale kulturelle architektonische Erbe“, wie sie erzählt. Während in Dakar immer neue Wolkenkratzer in die Höhe schießen, fällt das neue Goethe-Institut aus dem Rahmen – im positiven Sinne.
Photovoltaikanlage statt Schnee auf dem Dach
„Bioklimatisch“, „afrofuturistisch“: Es kursieren an diesem Abend viele Begriffe, während die versammelte Menge über das Architektur-Werk fachsimpelt. Am Ende ist es aber auch ein deutsches Gebäude, gebaut nach deutschen Vorschriften und mit einem Dach, das dank dieser Vorschriften im Zweifel auch Schneelasten tragen kann. Entsprechend der Klimazone aber befindet sich dort aktuell kein Schnee, sondern eine Photovoltaik-Anlage, die das Gebäude speist. Knapp vier Millionen Euro hat der Bau gekostet. Im Institut gibt es nun fünf Unterrichtsräume, eine Bibliothek, ein Tonstudio, einen Veranstaltungssaal für 150 Personen, ein Restaurant sowie Grün- und Erholungsbereiche.
2023 hatte die Zentrale in München angekündigt, neun seiner 158 Standorte zu schließen. Betroffen waren vor allem Institute in Europa, etwa Frankreich und Italien. Doch war es weniger ein Rückzug als eine Neusortierung. Dakar, als kultureller und intellektueller Hub Westafrikas, mit einer lebendigen Kunst- und Kulturszene, passt demnach gut zu den Schwerpunkten des Instituts, das zum Ziel hat, die Zusammenarbeit im Bereich Kultur und Bildung zwischen Deutschland und Senegal zu intensivieren. Auf Yannick hat es jedenfalls Wirkung. Er steht noch einen Moment da und schaut fast ein bisschen verliebt: „Ich glaube, ich will Deutsch lernen“, sagt er.
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