piwik no script img

Neues Buch von Judith HolofernesEine neue Idee von nett

Judith Holofernes stellt in Berlin ihr Buch „Hummelhirn“ vor. Es ist ein anarchisches Erlebnis voll Energie, Humor und sozialer Sensibilität.

Judith Holofernes stellt ihr zweites autobiografisches Buch „Hummelhirn“ vor Foto: Marco Sensche

V iele Kulturveranstaltungen erinnern an dreidimensionale Körper. Es gibt Theaterpremieren wie Kegel: eine Leitthese oben, darunter entfaltet sich alles immer breiter. Bei manchen Vorträgen stapeln sich Ideen wie Würfel, Ausstellungen fühlen sich mitunter zylindrisch an, weil die kreisenden Gedanken immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Und dann gibt es Abende wie die Buchvorstellung in dieser Woche im Berliner Heimathafen Neukölln, die in keine Form passen.

Judith Holofernes, die ihr zweites autobiografisches Buch „Hummelhirn“ vorstellt, ist vielen noch immer vor allem als ehemalige Sängerin der Band Wir sind Helden bekannt, die es schon seit 2012 nicht mehr gibt. Sie hat sich inzwischen als Autorin etabliert, nicht zuletzt, weil sie, wie sie offen kommuniziert, seit einigen Jahren unter einer Stimmstörung leidet, aber darum nicht aufhören will, die Felder zu beackern, die sie kennt. Schauspielerin Nora Tschirner, die Holofernes’ Hörbücher liest, unterstützt die ehemalige Sängerin auf der Bühne und liest aus deren Buch.

Der Heimathafen wirkt dabei wie ein wabernder Resonanzraum. Das Gespräch entfaltet sich assoziativ: Nora Tschirner liest aus Holofernes’ Geschichten von ihrer Kindheit, Westberlin der 80er im antiautoritären Kinderladenmilieu, der spätere Umzug nach Freiburg als krachender Kulturschock, die Schwierigkeiten der Anpassung, die Tagebücher einer Zwölfjährigen als ungefilterte Weltwahrnehmung – und wie sich das alles wieder in den verschiedenen Gegenwarten der erwachsenen Autorin bricht, den Gründungsjahren ihrer Band zum Beispiel, oder auch dem Ausstieg aus der Karriere und der Einsicht, dass kreatives Leben nicht zwingend geradlinig verläuft. Große Erheiterung im Publikum.

Judith Holofernes und Nora Tschirner

lesen auf ihrer Tour zum nächsten Mal am 15. Mai im Gloria in Köln (20 Uhr) und am 17. Mai im Forum des Mariengymnasiums in Essen (11.30 Uhr).

Immer wieder lösen sich die Erzählungen auf, fließen in andere, während über allem die Diskokugel das Licht in unzählige Splitter zersägt, die durch den Raum treiben. Plötzlich rückt die Solidarität zwischen Holofernes und Tschirner in den Vordergrund – zwei Arbeiterinnen in einem Kultursegment, das, wie sie andeuten, oft biegsamere Frauen bevorzugt. Es gibt gemeinsames Gelächter, gegenseitiges Weitertragen von Text. Sie verwandeln den Heimathafen in ein flirrendes Feld, in dem nichts mehr sicher ist.

Und doch taucht in diesem Flackern ein Begriff immer wieder auf, der zunächst unscheinbar wirkt: Nettigkeit. Zuerst erscheint er als etwas Erlerntes, als soziale Anpassungsform – das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen, nicht falsch zu sein in einem Umfeld, das klare Raster bevorzugt: die dunkle Seite der Nettigkeit. Später wird es ambivalenter. Denn irgendwann geht es um die Zeit, als Holofernes von einer Diagnose erfährt und daraufhin mit ihrem Lektor in Streit gerät, weil sie nicht schreiben will, welche es ist – weil sie „ein Buch für alle komischen Kinder“ schreiben möchte. Erst in einem Interview zu ihrem Buch hat sie es klar benannt: Sie ist eine Person, die eher über zu viel als zu wenig Aufmerksamkeit verfügt, aber keinen funktionierenden Filter, der die vielen Eindrücke sortiert. Das ist der Kern von ADHS. Und aus diesem Kern entsteht die andere, die helle Seite der Nettigkeit.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Was wäre, fragt sich auch die Autorin dieses Textes, wenn Aufmerksamkeit grundsätzlich simultan so arbeiten würde wie an diesem Abend? Wenn immer alles zählen würde – Stimmen, Stimmungen, Zwischentöne? Wenn diese Wahrnehmung nicht als Ablenkbarkeit gelesen würde, sondern als eine produktive Nettigkeit, also soziale Sensibilität, mit der sich auch Holofernes und Tschirner begegnen?

Judith träumt! Viel versäumt! Abgelenkt! Abgehängt!

Und während die Diskokugel im Raum immer mehr zu einem Bild dieser Wahrnehmungsweise wird, beginnen die beiden Frauen auf der Bühne, anarchische Zeugnis-Medleys zu rappen, die Holofernes für ihr Buch zusammengetragen hat. Ihre Zeugnisse waren katastrophal herabwürdigend. Judith träumt! Viel versäumt! Abgelenkt! Abgehängt!

Dieser Abend hat nicht die Form eines Kegels oder Zylinders. Er ist wirklich eine Großraumdisko mit zahllosen Tanzflächen, Bars und Nebenschauplätzen: ein Multiversum aus Achtsamkeit.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Redakteurin taz.Berlin
Jahrgang 1971, schrieb 1995 ihren ersten Kulturtext für die taz und arbeitet seit 2001 immer wieder als Redakteurin für die taz. Sie machte einen Dokumentarfilm („Beijing Bubbles“) und schrieb zwei Bücher über China („Peking" und "Chinageschichten“).
Mehr zum Thema

0 Kommentare