Neues Album von US-Sängerin Erykah Badu: Sie bricht den Fluch als Hexenmeisterin
Erykah Badu veröffentlicht das Album „Before the World Blows“ mit Produzent The Alchemist. Sein BoomBap ist die perfekte Klangkulisse für ihre düstere Textwelt.
Je nachdem, wen man fragt: Um die Jahrtausendwende kam die Welt von HipHop, R&B, Soul und Pop ins Schwimmen. Überschneidungen, Überkreuzungen und gemeinsames Arbeiten von Produzenten, Rappern und R&B-Sängerinnen waren an der Tagesordnung. Vieles davon wurde höchstwahrscheinlich aus geschäftlichem Interesse forciert und wirkte, wie Crossover und Fusion meistens wirken: gewollt. Rapper hofften, sich weibliche Käuferschichten zu erschließen und machten deshalb in den Hooks ihrer Songs Platz für R&B-Vocals. Und Künstlerinnen haben damit Genderklischees überwunden, mehr Kante gezeigt und außerdem ein Stück vom Kuchen abbekommen.
Aber es brodelte im Untergrund. The Roots aus Philadelphia machten sich langsam bemerkbar, D'Angelo veröffentlichte sein Debütalbum „Brown Sugar“ und man bekam eine Ahnung, dass da etwas Größeres Anlauf nimmt. Und mittenmang tauchte die texanische Sängerin Erykah Badu mit ihrem Debütalbum „Baduizm“ (1997) aus dieser Ursuppe auf. Ein machtvoller Auftritt war das. Die Künstlerin aus Dallas wirkte wie die Reinkarnation einer nubischen Königin. Ihre Songtexte ähnelten teilweise kindlichen Auszählreimen, bekamen aber durch Badus Präsenz und Performance nahezu magische Qualität.
Die Badu ist eine Diva im engeren Sinne, faszinierend, ungreifbar: fokussiert und dann wieder sprunghaft, ernst und verspielt, naiv und smart zugleich … und bildschön ist sie auch. Sie schafft es, die Vielsilbigkeit von HipHop-Reimen melodisch zu „versingen“, mit einer prägnanten Stimme, die bei all ihrer zuckrigen Soulfulness eine klare Eindringlichkeit behält.
Erykah Badu & the Alchemist: „Before the World Blows“ (Young/Beggars/Indigo). Digital jetzt. Auf Tonträger im November 2026
Das Ganze serviert auf tiefer gepitchten Kontrabässen, dazu ein paar E-Piano-Tupfer und darunter knochentrockene Drums. Und dann ging es doch. Es ist angemessen, so weit auszuholen, damit man weiß, woran gemessen wird, wenn Erykah Badu, jetzt mit Mitte 50, 16 Jahre nach ihrem letzten offiziellen Studioalbum wieder ein neues Werk veröffentlicht. „Before The World Blows“ heißt es und ist eine Kollaboration mit dem kalifornischen HipHop-Produzenten The Alchemist.
Ein ganz anderes Biest
The Alchemist (Alan Daniel Maman) ist künstlerisch gesehen in Erykah Badus Gewichtsklasse, aber ein ganz anderes Biest. Ein weißer Junge aus Beverly Hills, der schon als Teenager in den frühen 90ern bei den Pionieren Cypress Hill und ihrer Crew Soul Assassins mitgelaufen ist. Und inzwischen, mit Ende 40, alle Strippenzieher und Konstrukteure des US-Geschäfts kennt. Als Live-DJ von Eminem steht Alchemist mit einem Bein im stadionrunden HipHop-Biz, mit dem anderen aber genauso überzeugend in kleinen Clubs vor 200 hartkernigen Heads.
Er ist die personifizierte Glaubwürdigkeit und produziert und entwickelt den mittenreichen, kantigen BoomBap-Sound der 1990er Jahre weiter. Alchemist hat mit Eminem, Nas und Mobb Deep gearbeitet, aber eben auch mit Westside Gunn und Earl Sweatshirt; die beiden Letztgenannten sind jetzt auch Featuregäste auf „Before The World Blows“. In dieser Hinsicht ist Badus Album perfekt orchestriert.
Der erste Aufschlag ist die Single „Witch Doctor“, der Song dauert massive sechseinhalb Minuten und das Video, bei dem Erykah Badu selbst Regie geführt hat, kommt auf insgesamt zehn Minuten. Es beginnt im Dunkeln, stumpfer Beat, silbrige E-Piano-Arpeggios, Neo-Soul-Bass, hintergründige Voodoopercussion, alles altbewährt, aber maßgeschneidert, und dazu sendet Erykah Badu ein neues, in Echo getauchtes Soundlogo „Ba-ba-ba-ba-ba …“.
Ein Move, den sie sich vielleicht bei Westside Gunn abgeguckt haben könnte. Eine platinblonde Perücke auf dem Kopf und die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, steuert sie einen weißen Lieferwagen durch die Nacht. Fahren tut der Dramaturgie des Albums gut, Zwielicht tut ihm gut, Grass rauchen wahrscheinlich auch, man muss schon in der Stimmung sein, sonst fließt es nicht, sondern plätschert.
Songtexte untertitelt
Erykah Badu passt ihre Texte von jeher etwas nonchalant in die Musik ein, was die Sprachverständlichkeit erschwert. Im Video von „Witch Doctor“ hat sie vermutlich deshalb die ersten eineinhalb Minuten untertitelt, sie will verstanden werden: „Ich verstöre dich vielleicht zuerst, aber ich bin hier, um dein Universum zu stimulieren. Bevor es besser wird, wird es schlimmer werden. Gut, dass ich weiß, wie man diesen Fluch bricht. Ich bin eine Hexenmeisterin. Keine Tabitha, keine Samantha. Eine Hexe ist nur ein Medium und ein Medium wie die Medien. Und du isst, was sie an dich verfüttern. Das ist Hexerei, du glaubst es, du brauchst es. Für sie ist das ’ne Bank, Anne Frank drauf.“
Dann sind Dollarzeichen zu sehen und Kassenklingeln ist zu hören. Ist das schon ein Anzeichen für den durchgeknallten Antisemitismus eines Kanye West, dem sie trotz seiner Ausfälle den Rücken gestärkt hat? Die Originalzeile lautet: „They bank on it, Anne Frank on it“. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich direkt von einem Reim in den nächsten ziehen lässt, ohne wirklich darüber nachzudenken. Badu hat einen Instinkt für Wirkung, aber die Interpretation liefert sie nicht.
Empfohlener externer Inhalt
Erykah Badu „Witchdoctor“
Sie schwankt jetzt mehr als am Anfang ihrer Karriere, manchmal auch buchstäblich, man merkt, dass sie die düstere Seite der großen Showbiz-Party gesehen hat. Das Video geht unterdessen weiter. Sie steigt aus dem Transporter und wird auf ihrem Weg von wahllosen Fremden geschlagen, ausgezogen, beklaut und gedemütigt.
Am Ende steht die Badu nackt und blutig vor einem riesigen Graffiti, das vermutlich ein Porträt von ihr ist, und hält ihr schlagendes Herz in die Kamera, sie versteckt hier keine Falte, keinen Riss und keinen Bruch ihrer 55 Lebensjahre. Aus dem Off wird ein Gedicht rezitiert und dann spult sich das Video selbst auf den Anfang zurück.
Spaß, Waxing und Genderpolitik
Die Musik klingt nicht durchweg so extrem und düster, wie der Videoclip von „Witch Doctor“ vermuten lässt. In den Songtexten geht es oft um Geschlechterverhältnisse. Es sind vordergründig betrachtet Lovesongs, man kann sie aber auch als Genderpolitik lesen. Erykah Badu hat Humor, den sie zu nutzen versteht, um Wogen zu glätten oder um bemerkenswerte Brüche zu erzeugen: zum Beispiel das Outro von „Love Me Not“, in dem sie ihr erstes Waxing als Zwischenspiel mit verstellten Stimmen nachstellt. Es gibt verspielte Tracks wie das überpitchte „Hot BiBi (Apostle 2)“ und geradlinige Banger wie „No I. D. featuring Westside Gunn“ auf dem Album.
Und am Ende erklingt sogar eine echt Beatnik-taugliche Spoken-Word-Kaskade, unterstützt vom Jazz-Saxophonisten Kamasi Washington.
Erykah Badu erfindet sich und ihre Musik auf diesem Album nicht neu, aber sie bleibt wirklich gut und durchläuft eine erstaunliche Entwicklung: von der ikonischen Popdiva zur ehrfurchtgebietenden Hexenmeisterin. Badu hat den Mut zu altern und sich angreifbar zu machen, aber sie bleibt trotzdem oder vielleicht gerade deswegen unbestreitbar machtvoll.
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