Neues Album und Tour von The Wombats: Reflexion per Sprachnachricht
Skinny-Jeans-Revival für sensible Millennials: The Wombats’ neues Album „Oh! The Ocean“ fängt die generationstypische Unsicherheit gelungen ein.
The Wombats, eine dieser irgendwie-Indie-Bands mit „The“ im Namen, sind für manche Millennial-Hipster, die in den Zweitausendzehnerjahren Teenager waren, für immer cool geblieben. Das Alternative-Rock-Trio, bestehend aus Gitarrist Matthew „Murph“ Murphy, Drummer Dan Haggis und Bassist Tord Øverland-Knudsen, startete vor mehr als 20 Jahren in Liverpool und ist erstaunlicherweise bis heute in gleicher Konstellation aktiv.
Mit ihrem Debütalbum „A Guide to Love, Loss & Desperation“ (2007) etablierten sie ihren Stil: dynamische Gitarrenriffs, ironische Texte, eingängige Melodien. Mit „Fix Yourself, Not the World“ standen sie 2022 auf Platz Eins der UK-Charts. Schon damals verarbeiteten die Wombats Themen wie selbstfahrende Autos, Reizüberflutung und NFTs in ihren Songs. Auf ihrem neuen Album „Oh! The Ocean“ hört man den gewohnt heiteren Upbeat-Sound mit kratziger E-Gitarre, kombiniert mit Texten, die gut zur krisenhaften Gegenwart passen.
Trotz aller thematischer Ernsthaftigkeit gehen auch auf diesem Album rhetorische Leichtigkeit und Ironie nicht verloren. Es scheint, als wäre die Band mit ihren Fans gealtert. The Wombats verpacken die auf Social Media diskutierten Macken der Millennials in Songs, die so klingen, als wären sie deren Jugend entsprungen. In „Can’t Say No“ geht es um People Pleasing, die Eigenschaft, es allen recht machen zu wollen, die begleitet von Synthie, rauschigem Schlagzeug und E-Gitarre mit energisch-hoher Stimme und langgezogenen Tönen besungen wird.
Glaubwürdige Räume zum Nachdenken
Sänger Murphy spielt bewusst mit den Sorgen und Themen, die heute erwachsene Millennials umtreiben. „Sorry I’m late, I didn’t wanna come“ ist zugleich eine Ode an Self-Care und Kritik an der Überindividualisierung. Der Song „Blood on the Hospital Floor“ wirkt wie Pseudopsychologie. Die Rastlosigkeit von Endzwanzigern greift er mit der Zeile „back and forth from coast to town“ auf. Mit vielem, was er singt, wirkt Murphy wie ein alter Schulfreund, der seine aktuellen Herausforderungen per Sprachnachricht reflektiert.
Live: 1.4. Köln „E-Werk“, 3.4. München „Tonhalle“, 7.4. Berlin „Columbiahalle“, 8.4. Münster „Jovel Music Hall“
Genau darin liegt die Stärke des Albums: Es schafft Räume zum Nachdenken und klingt dabei glaubwürdig. Die Songs pendeln zwischen Social-Media-Wirklichkeit und tatsächlicher Lebensrealität ihrer Zielgruppe: „Reality Is A Wild Ride“ fasst ein weiterer Songtitel diese Ambivalenz prägnant zusammen. Zukunftsängste kommen in „Can’t Say No“, mentale Gesundheit in „My Head is Not My Friend“ zur Sprache.
Auch Nostalgie und das Gefühl, dass früher alles einfacher war, klingen durch: „I’d give all of it away for one fucking peaceful day“. Beschäftigung mit der Psyche ist ein Fortsetzungsthema für die Band: Schon 2011 sangen The Wombats in „Anti-D“ offen über Antidepressiva. Matthew Murphy sprach in den Medien über seine Erfahrungen mit Depression – und trug damit früh zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten bei.
„Oh! The Ocean“ fängt die trübe Lage gut ein: Desillusioniert stellen The Wombats fest, dass das Leben trotz zunehmender Reife nicht unbedingt einfacher wird oder wie „Murph“ in „Swerve (101)“ auf den Punkt bringt: „I’m too young, I’m too old to figure it out“. The Wombats bleiben lieber unentschieden, nicht zu viel und nicht zu wenig, ein bisschen an sich selbst zweifelnd – genau wie ihre Hörer.
Musikalisch fällt die Musik des neuen Albums jedoch leicht hinter die Songtexte zurück: Das letzte Album, das experimenteller inszeniert war und dessen Songs schneller ins Ohr gingen, kam besser. Trotzdem gelingt es ihnen, ein generationstypisches Lebensgefühl einzufangen und musikalisch zu begleiten.
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