Neues Album der Band Tocotronic: Kräuter der Provinz

Liebe schaltet dich stumm: Auf dem neuen Album von Tocotronic trifft sehr viel Gefühl auf kratzigen Garagenrock. Es heißt „Nie wieder Krieg“.

Die vier Bandmitglieder in einem Zimmer vor orangener Tapete

Flirt mit dem Lyrischen: die Band Tocotronic und ihr neues Album „Nie wieder Krieg“ Foto: Gloria Endres de Oliveira

Im Videoclip zum titelgebenden Song des neuen Tocotronic-Albums „Nie wieder Krieg“ verfolgt eine junge Frau ihre Doppelgängerin durch die unwirtliche Berliner Stadtlandschaft. Oder ist es umgekehrt? In anderen Szenen sieht man, wie sie mit bloßen Händen auf Walnüsse eindrischt, so lange und so brutal, bis Blut über Handrücken und -flächen fließt.

Es ist eine elegische Einheit aus Sound und Bildern – Regisseur Maximilian Wiedenhofer taucht die Szenerie in Fassbinder-Licht, spielt mit rätselhaften und schwer deutbaren Symbolen, die dennoch unmissverständlich klarmachen, worum es sich bei jenem Krieg handelt, der nie wieder stattfinden soll.

Tocotronic: „Nie wieder Krieg“ (Vertigo/Universal), erscheint am 28.1.2022

Es ist ein anderer als der, gegen den Käthe Kollwitz vor fast 100 Jahren ihr kämpferisches Plakat gestaltete. Nicht der wortwörtliche, der militärische, der mit Bomben und Raketen ist gemeint, zumindest nicht direkt.

„Nie wieder Krieg“ handelt vom inneren Krieg, von Selbstverletzung und Selbsthass, der sich in den auf andere verwandelt, von Verwundbarkeit und Vereinzelung, von einem zynischen Blick auf Welt und Umwelt, von Kämpfen, die sich in der Psyche zutragen – und von den Gefahren, die sich aus all dem ergeben. „Nie wieder Krieg in dir / In uns / In mir“, so endet der Song.

Psychologische Sphäre

Im Gespräch mit der taz beschreibt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow „Nie wieder Krieg“ als den Versuch, „ein politisches Statement auf die psychologische Sphäre zu überführen“. Es ginge darum, den Zustand einer Gesellschaft zu zeichnen, dominiert von der Feindschaft aller gegen alle, einer Gesellschaft, die sich laut dem Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in einer Art Vorkriegsmodus befindet.

Düster klingt das selbst für Tocotronic, eine Rockband, der schon seit ihrer Gründung 1993 in Hamburg eine grüblerische, kritische Weltsicht anhaftet – aber die auch dafür bekannt ist, diese in sprachlich ausgeklügelte, hintersinnige Texte zu verpacken.

Lange haben Tocotronic ihre Fans auf neue Songs warten lassen. „Die Unendlichkeit“ erschien vor vier Jahren. Ein spezielles Album war auch das, persönlich und autobiografisch. Von Lowtzow packte darin seine Jugenderinnerungen aus, erzählte vom Aufwachsen in der Schwarzwaldprovinz und vom Ankommen in Hamburg, über das Dasein als jugendlicher Außenseiter und die Sozialisation durch Musik.

Ein subjektiver Blick zurück zum 25. Bandjubiläum, ein Zwischenakkord in der – aus Sicht der Band – fein austarierten Dramaturgie der Albumfolge. Überhaupt erst möglich gemacht habe „Die Unendlichkeit“ ein Album wie „Nie wieder Krieg“, erklären Schlagzeuger Arne Zank und Sänger von Lowtzow.

Entwaffnend persönlich

Persönlich ist auch „Nie wieder Krieg“, aber in anderem Sinne als „Die Unendlichkeit“. Da wird nicht aus dem Nähkästchen geplaudert. Es geht tiefer hinein in die Psyche, in die Traumata, aber auch in die Träume; innerlicher wirkt es, verweist dabei aber stets auch auf das, was außen herum geschieht. Als „entwaffnend persönlich“ beschreibt die Band das neue Album im selbst verfassten Pressetext. Eine allgemeine Subjektivität ist es, die „Nie wieder Krieg“ prägt und das Persönliche ist hier ganz klar politisch.

Das Album schließt damit weniger an seinen direkten Vorgänger an als vielmehr an „Kapitulation“, das Tocotronic-Album aus dem Jahr 2007. Am Sound macht sich das ebenfalls bemerkbar. „Nie wieder Krieg“ ist kein Popalbum, sondern eins voll schrammeligem Garagenrock, kratzig und polternd, mit dröhnenden Gitarren.

„Nie wieder Krieg“ ist aber auch eine Rückbesinnung auf etwas anderes, die alte Liebe Tocotronics zur griffigen Formulierung, die zum Slogan wird, zum Flirt mit dem Lyrischem – vor allem typisch für die Frühphase der Band. In Titeln zeigt sich das, die man sich gerne auf T-Shirts drucken würde. Den Albumtitel „Nie wieder Krieg“ zum Beispiel oder auch „Komm mit in meine freie Welt“ oder und vielleicht vor allem „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“, ein gitarrenlastiger Rocksong, der ebenfalls vorab als Single erschien.

Unumwunden gibt von Lowtzow im Gespräch zu, Ödön von Horváth, von dessen gleichnamiger Novelle die erste Hälfte des Titels ausgeborgt ist, nie gelesen zu haben und dass ihm einfach nur der Titel gefallen habe. „Der Gag ist dann natürlich, dass man etwas zusammenführt, was nicht zusammengehört, dieses ‚Youth against Fascism‘, was klingt wie ein Hardcore-Punk-Titel und ‚Jugend ohne Gott‘.“

Chillen im Park

Dass sich dabei der Horváth’sche Sinn des „ohne Gott“ umdreht, aus dem Mangel ein Gewinn wird, ergibt in diesem Zusammenhang wieder Sinn: Die Jugend, die Tocotronic betrachtet, ist eine, die jedwede patriarchale Ordnung ablehnt. Wie auch Konsum: „Auf der Straße siehst du Dinge / Die du alle nicht besitzt / Diamanten, Silberringe / Die du mit Füßen trittst“. Im Videoclip sieht man junge Leute, die mit dem Skateboard durch Parkhäuser rollen, durch den Tag driften. Solche Hänger sehe er tagsüber am Berliner Landwehrkanal beim Chillen und durch die Parks skaten. Tocotronic selbst sind der Jugend freilich längst entwachsen, aus erster Hand kommen da keine Erfahrungen mehr.

Voller Sehnsucht und dabei irre schön ist auch das Duett mit der österreichischen Künstlerin Anja ­Plaschg alias Soap&Skin

„Kinematisch“ nennt von Lowtzow die Art und Weise, wie er diese heute aus der Distanz betrachte. „Vielleicht idealisiere ich sie, aber das ist ja auch schön“, sagt er und dass ihr Blick auf diese jungen Leute sehr von Zärtlichkeit und Liebe geprägt sei. Überhaupt ist da sehr viel Gefühl auf „Nie wieder Krieg“. Einiges kann man auch pathetisch finden, eventuell sogar kitschig. Andererseits: Ist nicht genau jetzt ein guter Zeitpunkt dafür, können wir etwas mehr Pathos, etwas mehr Seele und Gefühl nicht ganz gut gebrauchen?

Voller Sehnsucht und dabei irre schön jedenfalls ist das Duett mit der österreichischen Künstlerin Anja ­Plaschg alias Soap&Skin. „Ich habe dich noch nie gesehen / Oben bei den Lebewesen / Hier bist du nie gewesen / Nur gelesen / Hab’ ich von dir“. So schön, dass es sich allein deswegen schon lohnt, sich der Musik auf dem Album zu widmen. „Ich tauche auf“ ist das erste Duett, das Tocotronic jemals aufgenommen haben, und eine bessere Gesangspartnerin als Plaschg hätte von Lowtzow wahrlich nicht finden können.

Wie die beiden Stimmen sich umspielen, wie sie miteinander harmonisieren, das hat eine Zartheit und Tiefe, die einen berühren muss. Bisweilen erinnert es an Nick Caves und PJ Harveys „Henry Lee“ – an sich schon keine schlechte Referenz –, hat dabei aber etwas sehr Eigenes, ebenso Intensives wie Zerbrechliches. Die Liebenden in „Ich tauche auf“ haben keine Chance, die Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, sind unüberwindbar, nur eine Viertelstunde können sie im „Schlund“, der sie zusammenführt, überstehen.

Unglückliche Liebe

„Ich hasse es hier“, die Single, die zeitgleich mit dem Album erscheint, ist indes der vielleicht typischste Tocotronic-Song auf dem Album, schon der Titel schrammt am Selbstzitat. Oder wer denkt da nicht an „Aber hier leben, nein danke“? Der Song erzählt von Gitarrenriffs umspielt von einer unglücklichen Liebe, vom Verlassenwerden und davon, wie man danach nichts mit sich anfangen kann.

Von der Situation, wenn alles so wirkt wie der hoffnungslose Versuch, eine Tiefkühlpizza mit den Überresten aus dem eigenen Vorratsschrank zu verfeinern: „Mit Kräutern der Provence / hab ich keine Chance“.

Auch die Veröffentlichung von „Nie wieder Krieg“ wurde coronabedingt mehrfach verschoben. Fertig sei es, so erzählen es Zank und von Lowtzow bei jenem Gespräch Ende November, bereits seit über einem Jahr. Nach der Logik des Musikbusiness kann ein Album jedoch nicht erscheinen, wenn keine Tour im Anschluss möglich ist.

Die Songs entstanden alle vor der Pandemie, auch „Hoffnung“, derjenige, den Tocotronic im April 2020 spontan vorab veröffentlichten und der damals so gut in die Zeit der Isolation des ersten Lockdowns passte. In erster Linie ist „Hoffnung“ aber ein Song über die Kraft der Musik, das politische Potenzial von Popmusik. Und das ist zugleich die versöhnliche, aufmunternde Botschaft des Albums.

„Nie wieder Krieg“ endet mit der „Liebe“, einem hymnischen Stück auf das größte der Gefühle. Happy End also? Nicht wirklich. Auch die Liebe hat bei Tocotronic bei all ihrer positiven Energie, ihrer Fähigkeit, einen mit seinem inneren Feind zu vereinen, etwas Dunkles, Gefährliches. Sie hält einen im Griff, fasst einen an, dreht einen um, schaltet einen auf stumm. „Sie wird euch kriegen“, heißt es immer wieder, was dann doch eher nach einer Drohung als nach Verheißung klingt.

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