piwik no script img

Neue Technologie FernkühlungCool bleiben in der Wüste

In den Golfstaaten setzt man auf die Fernkühlung ganzer Viertel. Die Kühlsysteme sind teuer im Bau, aber deutlich effizienter als bisher in Europa.

Die arabischen Golfstaaten gelten wegen des enormen Stromverbrauchs für die Kühlung ihrer Gebäude als „Umweltsäue“. Denn: „Rund 70 Prozent des Stromverbrauchs in Saudi-Arabien entfallen im Sommer auf Klimaanlagen“, räumt Saleh Al Awaji, Vizeminister für Wasser und Strom, ein. Temperaturen von über 50 Grad im Sommer erfordern in Büros, Schulen, Fabriken, Krankenhäusern und Wohnungen Air Conditioning. Im Königreich sollen genauso viele Klimaanlagen laufen, wie die Bevölkerung groß ist: 35 Millionen.

Der heutige Verbrauch für Kühlung dürfte nach Einschätzung Al Awajis lange nicht der Höhepunkt sein angesichts des Wachstums der Wirtschaft, des Aufbaus neuer Industrien, Rechenzentren und Wohnraum. Besonders schlimm ist dabei, dass bisher der Großteil des Stroms aus Öl- und Gaskraftwerken kommt.

Aber einige Firmen am Golf sind inzwischen zu Weltmarktführern in Sachen effizienter Kühlung geworden: District Cooling heißt das neue System, also das Kühlen ganzer Stadtviertel statt einzelner Wohnungen oder Gebäude, also analog zu Fernwärme eine Fernkühlung.

Der Bau solcher neuen Systeme ist teuer, aber der Einspareffekt enorm. Allein das Kühlwerk verschlingt leicht 100 Milionen Dollar. Hinzu kommen die Kosten für das benötigte isolierte Rohrnetz. Die benötigten Rohre kosten je nach Durchmesser 500 bis 1500 Dollar pro Meter.

Dazu addieren sich ein Eistank und Tanks für Kühlwasser, in denen wie quasi in einer Batterie kaltes Wasser gespeichert wird, um es bei Bedarf durch das Rohrleitungssystem durch ganze Häuserblocks, Fabrikanlagen, Flughäfen oder Wolkenkratzer-Wälder wie Dohas Hochhaus-Insel The Pearl oder Dubais Viertel um das mit 828 Metern welthöchste Gebäude Burj Khalifa mitsamt der Dubai Mall zu leiten.

Fernkühlung verbraucht im Durchschnitt nur halb so viel Strom wie herkömmliche Kühlmethoden

Khalid Al Marzooqi, CEO von Tabreed

Fernkühlung spart CO2

Die Anlagen sollen über ihren Lebenszyklus 40 Prozent billiger und deutlich CO2-ärmer sein als konventionelle Kühlung. „Fernkühlung verbraucht im Durchschnitt nur halb so viel Strom wie herkömmliche Kühlmethoden“, sagt Khalid Al Marzooqi, CEO von Tabreed. Er nennt die in Masdar City, der einst als nachhaltigste Stadt der Welt geplanten Stadt im Emirat Abu Dhabi, ansässige Firma den „Weltmarktführer für District Cooling“. Yasser Salah Al Jaidah, CEO von Qatar Cool, betont: „Es gibt niemanden da draußen, der das tut, was wir tun und von dem wir lernen könnten.“

In der Welt der Gigantomanie am Golf sehen beide Unternehmen große Exportpotenziale für sich und mögliche Technologiesprünge: Tabreed baut in Masdar an einer Anlage, in der über Wärmepumpen die Abwärme in den Wüstensand gepresst wird. In Saudi-Arabien wird mit Anlagen experimentiert, die den enormen Wasserbedarf für die Kühlanlagen mit Meerwasser oder aufbereitetem Abwasser speisen. In einem anderen Versuch sollen beigemischte Nanopartikel mehr Wärme aufnehmen und ableiten können.

Die Rivalität am Golf könnte nützlich sein in einer angesichts immer größerer Hitzewellen immer wichtiger werdenden Menschheitsfrage. Aktuell wird laut der Internationalen Energieagentur (IEA) global ein Fünftel des Stromverbrauchs für Kühlung genutzt. Bis 2050, so schätzt die UNO, werde es die Hälfte sein. Denn die Nachfrage nach Kühlung werde sich verdreifachen. Der Markt für Fernkühlungssysteme soll sich bis 2034 verdoppeln – auf jährlich 60 Milliarden Dollar.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Offebacher

    "In Saudi-Arabien wird mit Anlagen experimentiert, die den enormen Wasserbedarf für die Kühlanlagen mit Meerwasser oder aufbereitetem Abwasser speisen. In einem anderen Versuch sollen beigemischte Nanopartikel mehr Wärme aufnehmen und ableiten können."



    Ich hoffe, dass ist ungenau beschrieben oder übersetzt worden. Oder werden wirklich Nanopartikel ins Kühlwasser gegeben?



    Je kleiner die Mikropartikel in der Atemluft sind, desto gefährlicher sind sie für den Menschen, der sie einatmet. Nanopartikel sind sehr, sehr kleine Mikropartikel - Asthma und Lungenkrebs lassen grüßen. Und wenn sie klein genug sind, durchbrechen sie auch die Blut-Hirn-Schranke.