piwik no script img

Neue Rechenzentren in Deutschland„Am Ende muss es ein fairer Tausch sein“

Der Bau von Rechenzentren sorgt für Proteste. Wie man die ernst nehmen und dennoch für digitale Souveränität sorgen kann, erklären zwei IT-Experten.

Interview von

Svenja Bergt

taz: Rechenzentren sind meist ziemlich klimaschädlich. Gleichzeitig brauchen wir sie, wenn wir uns nicht abhängig machen wollen von Anbietern aus den USA. Wie kommen wir raus aus diesem Dilemma?

Max Schulze: Klar, digitale Souveränität ist sinnvoll. Aber dafür reicht es nicht, dass Rechenzentren in Deutschland stehen. Sie müssen auch von hiesigen Unternehmen betrieben werden und dazu führen, dass wir etwas von der Wertschöpfung mitnehmen können. Doch das ist längst nicht bei allen Rechenzentren hierzulande der Fall – denn auch US-Konzerne und -Investoren bauen hier.

Julian Bothe: Natürlich, es braucht Rechenzentren für viele digitale Anwendungen. Doch der aktuelle Boom beim Bau von Rechenzentren wird maßgeblich getrieben durch Anwendungen mit künstlicher Intelligenz. Die Bundesregierung versucht, so viele Rechenzentren wie möglich nach Deutschland zu holen, ohne überhaupt einen Plan oder eine Idee zu haben, wie das gut sein könnte für die digitale Unabhängigkeit. Die aktuelle Deregulierung der Branche, die die Bundesregierung vorantreibt, und die unter anderem die Vorgaben für Transparenz und Nachhaltigkeit senkt, geht vor allem auf die Forderungen der großen US-Unternehmen zurück. Wir sehen übrigens, dass insbesondere deutsche und europäische Anbieter häufig sehr viel nachhaltiger bauen und betreiben als US-Anbieter.

Im Interview: Max Schulze

Max Schulze, 36, ist Mitbegründer des Thinktanks Leitmotiv, der sich für eine alternative digitale Ökonomie einsetzt. Schulze ist Softwareentwickler und Experte für Cloud-Infrastruktur und berät nationale und regionale Regierungen in ganz Europa.

Im Interview: Julian Bothe

Julian Bothe, 40, ist Experte für KI, Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei der NGO Algorithmwatch. Er hat zur Akzeptanz der Energiewende promoviert und in Osnabrück Geografie, Sozialwissenschaften und Systemwissenschaft studiert.

taz: Sie haben gemeinsam mit weiteren Initiativen die Standorte von in Bau befindlichen und geplanten Rechenzentren in Deutschland veröffentlicht. Welchen Effekt erhoffen Sie sich?

Schulze: In erster Linie hoffen wir, eine Reflexion in der Gesellschaft zu starten. Wollen wir große Rechenzentren? Oder kleine? Wie integrieren wir die ins Energiesystem? Wollen wir die Abwärme nutzen? Was ist wirklich nötig, um nicht abgehängt zu werden? Wollen wir bei KI in ein Wettrennen eintauchen? Oder unseren eigenen Weg im globalen Wettrennen finden? Wir bauen hier die Infrastruktur für unsere Digitalwirtschaft. Die Digitalwirtschaft ist Teil unserer Zukunft. Dann sollte die Frage, wie die Infrastruktur dafür aussieht, keine sein, die einfach von oben herab entschieden wird.

Wo die Rechenzentren stehen

Wo in meiner Region ist ein Rechenzentrum geplant oder wird eines gebaut? Wer ist Betreiber? Welche Leistung soll es haben und ist in dieser Region Wasserknappheit zu befürchten? In einer Kooperation haben Ex­per­t:in­nen von Algorithmwatch, FragDenStaat, Leitmotiv und dem Kollektiv Heiße Luft diese Informationen aus zahlreichen Quellen zusammengetragen, in einer Karte gebündelt und veröffentlicht. Eine entsprechende Übersicht etwa von der Bundesregierung oder den Bundesländern gibt es bislang nicht.

taz: Wenn es gute und schlechte Rechenzentren gibt – was macht ein gutes aus?

Bothe: Ein gutes Rechenzentrum ist eins, das mit zusätzlich erzeugten erneuerbaren Energien läuft. Und zwar nicht nur auf dem Papier, wie es die gesetzliche Anforderung ist. Ein gutes Rechenzentrum ist eins, das gut integriert ist in die Nachbarschaft, das seine Abwärme zur Verfügung stellt. Und das in die lokale Wirtschaft eingebunden ist und einen Vorteil für die Menschen vor Ort schafft.

taz: Wenn Sie auf Ihre Karte blicken, wie hoch ist der Anteil von guten Rechenzentren?

Schulze: Überschaubar.

taz: Und konkret?

Schulze: Der Großteil entspricht jedenfalls dem Anspruch, nachhaltige digitale Infrastruktur zu schaffen.

Bothe: Digitalminister Karsten Wildberger sagt, jedes Rechenzentrum sei gut für Deutschland. Das ist falsch. Rechenzentren können sogar schlecht sein, beispielsweise wenn sie Netzanschlusskapazitäten blockieren, die dringend für den Ausbau von Erneuerbaren oder für Batterien gebraucht werden. Auch Rechenzentrumsprojekte, die am Ende nicht verwirklicht werden, verhindern während der Planungsphase, dass die Kapazitäten anders genutzt werden. Dazu kommt der Bedarf an Wasser und Strom. Wir sehen, dass auch in Deutschland neue Rechenzentren immer stärker mit neuen Gaskraftwerken betrieben werden sollen – was die Emissionen steigen lässt.

taz: Welchen Anteil an Rechenzentren halten Sie denn für gerechtfertigt, gemessen an dem, was jetzt in Planung ist?

Bothe: Ich glaube, das ist genau die Diskussion, die wir gesellschaftlich führen müssen. Welche Art von Rechenzentren brauchen und wollen wir und wofür? Welche KI-Anwendungen sind uns wichtig? Und welche Nachteile nehmen wir dafür als Gesellschaft in Kauf – sowohl auf globaler Ebene, Stichwort Klimaschutz, als auch ganz lokal? Wir müssen dabei bedenken: Die Basis-Anwendungen – Server für die Bereitstellung des Internets, für die meisten Cloud-Dienstleistungen –, das sind nicht die Anwendungen, die diese riesigen Bedarfe erzeugen. Das Problem ist: Es gibt praktisch keine Transparenz darüber, welche Anwendungen in einem Rechenzentrum wirklich laufen oder laufen sollen.

Schulze: Es ist, als würden wir versuchen zu bewerten, ob und welche Fabriken sinnvoll sind. Und das, ohne zu wissen, was die Fabriken herstellen, ganz zu schweigen von der Klimabilanz.

taz: Kaum jemand will ein Rechenzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft haben. Aber trotzdem wollen die meisten KI-Chatbots nutzen, ihre Fotos in der Cloud speichern. Wie verhindert man, dass eine Bewegung gegen ein Rechenzentrum eine Not-in-my-backyard-Bewegung wird?

Bothe: Ich glaube nicht, dass niemand ein Rechenzentrum in der Nachbarschaft haben will. Die Menschen wollen es nur dann nicht, wenn es ihnen keinen Mehrwert bringt. Und wie auch in anderen Bereichen greift der Vorwurf zu kurz, dass Proteste lediglich – aus Egoismus – das Projekt vor der eigenen Haustür verhindern wollen. Initiativen geht es mit ihren Protesten meist auch um die übergeordnete Frage, welche Entwicklung insgesamt für die Gesellschaft gut ist.

Schulze: Schauen wir ein paar Jahrzehnte zurück: Alle wollten mit dem Auto fahren. Also brauchte es Fabriken, die Autos herstellen. In diesen Fabriken sind Arbeitsplätze entstanden, manche sind bis heute kultureller Anker eines Ortes. Wenn An­woh­ne­r:in­nen nicht klar ist, was ein Rechenzentrum an Vorteilen bringt – schafft es Arbeitsplätze, kann mit den Einnahmen eine neue Schule finanziert werden – dann überwiegen die Nachteile. Denn die sind offensichtlich: Lärm, Umweltverschmutzung, Wasserverbrauch. Hier muss die Industrie auch deutlich besser werden, mit den Regionen in den Dialog zu gehen.

Bothe: Dazu kommt: Ob ich KI einsetze und damit dazu beitrage, die nötigen Rechenkapazitäten in die Höhe zu treiben, ist leider in vielen Fällen überhaupt nicht meine eigene Entscheidung. Wenn etwa der Arbeitgeber das vorgibt oder ich bei einer Kundenhotline anrufe und da ist ein KI-Bot dran, kann ich das nicht beeinflussen. Die Bundesregierung will, dass KI überall eingesetzt wird. Die politischen Entscheidungen treiben den Bau. Deshalb braucht es auch politische Regulierung – sowohl für den Einsatz von KI-Anwendungen als auch für den Bau und Betrieb der dafür notwendigen Rechenzentren.

taz: Was kann ein Rechenzentrum lokal an Mehrwert schaffen?

Schulze: Zunächst mal müssen die Kosten für eine Kommune minimiert werden, es darf also nicht schaden. Es muss die Geräuschkulisse im Griff haben, Erneuerbare nutzen und darf keine Luftverschmutzung erzeugen. Dann kann die Abwärme ins lokale Wärmenetz gespeist werden, im besten Fall entstehen noch Arbeitsplätze oder Bildungschancen. Und dann geht es um das Geld, genauer gesagt, was bleibt in der Kommune wirklich hängen? Am Ende muss es ein fairer Tausch sein, die Kommune gibt Flächen und Ressourcen her, und im Gegenzug entsteht ein Mehrwert, der wiederum in die Infrastruktur der Region investiert werden kann. Im Moment funktioniert dieser Tausch allerdings nicht – man muss sich nur mal anschauen, wo die großen Techkonzerne und internationale Immobilienfonds ihre Steuern zahlen. Immerhin will die Bundesregierung jetzt dafür sorgen, dass die Gewerbesteuer in der Region landet. Es ist wichtig, dass diese Einnahmen dann so ausgegeben werden, dass es den Menschen nutzt.

taz: Was braucht es, damit die von Ihnen geforderte Debatte geführt werden kann?

Bothe: Es wäre viel geholfen, wenn die Bundesregierung die bereits bestehenden gesetzlichen Verpflichtungen für Rechenzentren umsetzen würde. Das heißt, dass die Unternehmen die Verbrauchsdaten für Energie und Wasser offenlegen müssen. Momentan drückt die Bundesregierung da beide Augen zu. Zusätzlich braucht es natürlich auch eine Übersicht über die geplanten und im Bau befindlichen Projekte. Es ist ein Skandal, dass diese Karte jetzt von Freiwilligen zusammengetragen werden musste.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare