Neue Kinder- und Jugendbücher: Wenn alle fest zusammenstehen
Klimakatastrophe und Patriarchat. Johanna Schaible, Caryl Lewis, Andrée Poulin und Sophie Casson machen in ihren aktuellen Kinder-und Jugendbüchern Mut.
Illustration: Hanser Verlag
Es gibt heitere Tage voller Freude und Tage, die dunkler sind als die Nacht.“
Johanna Schaibles Bilderbuch „Guten Morgen – Gute Nacht“ entwickelt in seinem eigenen Rythmus eine Dramaturgie aus facettenreichen Gegensätzen. Hell und dunkel, Tag und Nacht, nachdenklich oder unbeschwert. Eine Szene zeigt Kinder in der strahlenden Wintersonne am Schlittenhang. Auf der nächsten Seite sucht eine Ziegenherde in der Mittagshitze Schatten unter einem Baum. Und eine schemenhafte Darstellung von Zerstörung folgt einer sommerlichen Badeszene am Wasser.
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
Die stimmungsvollen, doppelseitigen Illustrationen der Schweizer Künstlerin begleiten Menschen, Tiere, Landschaften an verschiedenen Orten der Welt durch den Tag und die Nacht. Fließend verändern sich Lichtverhältnisse, Stimmungen und Situationen. Stimmig unterstreichen Gestaltung, Format und Typografie diese komplexe, assoziative Bilderzählung über Zeit und Raum.
Damit knüpft Johanna Schaible mit ihrem zweiten Bilderbuch für Kinder inhaltlich an ihr Debüt an. „Es war einmal und wird noch lange sein“ (2021) wurde 2022 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Virtuos gestaltet, erzählt das Buch von einer Reise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und fragt nach dem, was ist und was noch kommt.
Foto: Johanna Schaible: “Guten Morgen – Gute Nacht”. Carl Hanser Verlag, München 2026. 56 Seiten, 22 Euro. Ab 4 Jahre
Johanna Schaible: „Guten Morgen – Gute Nacht“. Carl Hanser Verlag, München 2026. 56 Seiten, 22 Euro. Ab 4 Jahre
„Guten Morgen – Gute Nacht“
Auch „Guten Morgen – Gute Nacht“ bringt verschiedene Erfahrungswelten visuell in einer ausdrucksstarken Mischtechnik zusammen. Dabei verbindet der Text angenehm zurückhaltend die unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Während zwei Kinder vor dem Schlafengehen noch im Pyjama auf dem Teppich spielen, treffen sich manche Menschen spätabends vor einer Bar auf der Straße. Woanders wird tief in der Nacht im Scheinwerferlicht mit Baggern gearbeitet. Andere schlafen zu dieser Uhrzeit und reisen vielleicht durch Traumlandschaften.
Schaibles flächige Illustrationen lassen genügend Raum für eigene Gedanken und Beobachtungen. Sie erzählen von den verschiedenen Stunden eines Tages, aber auch von den vielen parallel existierenden Lebenswelten.
Die poetische Geschichte über Momente des Alltags und des Zusammenlebens ist als ungewöhnliches Wendebuch konzipiert. Mal von der ein oder anderen Seiten aufzuschlagen, beginnt die Erzählung dann morgens oder abends. Doch immer folgt auf die Nacht ein neuer Tag.
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„Noch mal sehen wir nicht weg“
Rechtsextreme und autoritäre Weltanschauungen sind in Deutschland wieder en vogue und setzen die demokratische Gesellschaft und ihre öffentlichen Institutionen deutlich unter Druck. Wie können Bücher Kinder für die besondere Bedeutung der Menschenrechte sensibilisieren? Die kanadische Autorin Andrée Poulin hat das Format einer Tierparabel gewählt, um über Toleranz und Zivilcourage zu sprechen. Ihr aus dem Französischen übersetztes Kinderbuch „Noch mal sehen wir nicht weg“ handelt von Willkür und Gewalt in einer idyllischen Kleinstadt am See.
Den Ausgangspunkt in Poulins Geschichte bildet ein berühmtes, oft abgewandeltes Zitat des ehemaligen deutschen U-Boot-Offiziers und evangelischen Pfarrers Martin Niemöller (1892–1984). Es handelt von der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der verfolgten Mitmenschen im Nationalsozialismus und endet mit der Zeile: „… Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Andrée Poulin (Autorin), Sophie Casson (Illustratorin): „Noch mal sehen wir nicht weg!“ Aus dem Französischen von Klaus Cäsar Zehrer. Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 48 Seiten, 18 Euro. Ab 8 Jahre
Als Erzähler tritt in Poulins Parabel ein junger Hund mit menschlichen Zügen auf, der den Leserinnen und Lesern von den Erfahrungen seines Großvaters berichten will. Damals wohnte der große Hund noch in einer Villa am „Friedlichen See“. In dem Ort lebten andere Hunde wie er friedlich mit Rotfüchsen, Wölfen, Kojoten und Wüstenfüchsinnen zusammen. Aber im Hintergrund planten die finsteren Kaltschnauzen schon ihre brutale Aktion. Sie wollten, dass sich alles ändert.
Die Illustratorin Sophie Casson hat mit einem Mix aus Ölkreide-Monotypien und Buntstiftzeichnungen den anthropomorphen Protagonisten der Parabel einen unverwechselbaren Ausdruck verliehen.
Die ersten werden verschleppt
Als Erstes trifft es die Rotfüchse mit ihrem auffälligen rostroten Pelz. Von den uniformierten Kaltschnauzen werden sie auf Pferdekarren getrieben und verschleppt. Der Großvater des Erzählers beobachtet vom Fenster seiner Hundefutterfabrik aus die Situation, aber er war kein Fuchs. Und eigentlich mochte er ihren strengen Fuchsgeruch noch nie. Danach trifft es die Wölfe, die vor Ort als Bauern leben. Ihnen nehmen die Uniformierten das Land weg. Dann sind die Kojoten an der Reihe und später werden die Wüstenfüchsinnen abgeholt. Für den großen Hund gibt es immer gute Gründe, nichts zu tun.
Die klare, an Niemöllers Zitat angelehnte Textstruktur und Cassons lebendige Illustrationen kommunizieren recht deutlich das Anliegen dieser Geschichte. Doch Autorin Poulin geht auf Nummer Sicher. Mehr Fabel als Parabel richtet sich der erzählende Hund mit einer Hoffnung stiftenden Botschaft zum Schluss wieder an die junge Leserschaft.
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„Wenn die Bienen schweigen“
Ein totalitäres Regime erlebt auch die 14-jährige Jess in dem dystopischen Jugendroman „Wenn die Bienen schweigen“. In der postapokalyptischen Gesellschaft der Zukunft, die die Schriftstellerin Caryl Lewis in ihrem Buch beschreibt, hat die Klimakatastrophe längst stattgefunden. Die Menschen leiden unter extremer Hitze. Wasser und Lebensmittel sind knapp. In den unwirtlich gewordenen Städten herrscht Gewalt. Die Demokratie ist abgeschafft.
Getrennt von ihrer Familie lebt Jess mit Hunderten Mädchen interniert und von den sogenannten „Müttern“ streng überwacht in einem riesigen Camp. Dort ist es die Pflicht der Mädchen, mit Pinseln die Obstblüte auf den Plantagen zu bestäuben, denn Bienen gibt es schon lange nicht mehr.
Caryl Lewis: „Wenn die Bienen schweigen“. Aus dem Englischen von Anu Stohner. dtv, München, 2026. 304 Seiten, 14,99 Euro. Ab 14 Jahre
Aus der Perspektive der Protagonistin schildert Caryl Lewis eine Gemeinschaft ohne Bücher, ohne Bildung, ohne Freiheit. Und diese Zukunft erscheint wie die dunkelste Vergangenheit. Doch Jess hat von ihrer Mutter heimlich das Lesen gelernt, liebt das Malen und erinnert sich noch gut an Erzählungen ihrer greisen Nachbarin vom Leben vor der Katastrophe.
Regeln und Verbote bestimmen den Alltag im Camp. Mit der ersten Menstruation werden den Mädchen öffentlich die langen Zöpfe abgeschnitten. Danach werden die jungen Frauen den für sie ermittelten Ehemännern übergeben. Für Jess ist das eine bedrohliche Vorstellung. Sie sehnt sich nach einem ganz anderen, selbstbestimmten Leben, das irgendwo im Norden des Landes noch möglich sein soll. Nur die verlässliche Freundschaft zu Cass, die das Stockbett mit ihr im Schlafsaal teilt, hilft die Entbehrungen im Camp zu ertragen.
Mit psychologischem Gespür beschreibt die walisische Autorin glaubwürdig die Ängste, Hierarchien und Dynamiken der Teenager im Lager. Inmitten eines grausamen Systems betont der Roman flüchtige Momente von Zärtlichkeit, Empathie und Fürsorge. Als Eliot, einer der Wächter, Jess heimlich einige Farbtuben zusteckt, überschlagen sich bald die Ereignisse.
Trotz Misstrauen nutzt sie diese Gelegenheit, schleicht nachts mit dem Blütenstaub-Pinsel aus dem Schlafsaal. „Ich gehe, so schnell ich kann, dann ragt die Wand vor mir auf. Sie ist zu gewaltig, als dass ich etwas über ihre genaue Höhe sagen könnte. Für mich ist sie jetzt und hier unterm Sternenhimmel nur eine große Leinwand. Eine endlose, perfekte, glatte, leere Leinwand.“ Mit dem Wandbild, das Jess dort sichtbar für alle hinterlässt, stößt sie für die Mädchen im Camp ein erstes Fenster zur Freiheit auf.
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