Neue Intendanz an Berliner Volksbühne: Grenzen, für die er sich eh nicht interessiert
An der Volksbühne wird künftig nicht nur Florentina Holzinger nass: Der designierte Intendant Matthias Lilienthal gibt einen Ausblick auf die neue Spielzeit.
Erst mal werden sich alle nass spritzen dürfen, „denn auch das verstehen wir unter theatralen Events“, betont Matthias Lilienthal, designierter Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, während der Pressekonferenz zur neuen Spielzeit, die aufgrund einer technischen Renovierung so richtig erst am 1. Oktober losgehen wird. Bis dahin wird es ein Volksbad sein – mit 25-Meter-Bahn, Schwimmkursen für Kinder, Anwohnertagen und natürlich irgendwie auch Schauspielern –, das ab dem 7. August vor der Volksbühne aufgebaut wird und damit auch der hitzegeplagten Stadt mit ihren notorisch unterfinanzierten und rar gesäten Freibädern unter die Arme greifen soll. Es sei „eine liebevolle Umarmung der Stadt Berlin“.
Natürlich war es Florentina Holzinger, die mit ihrer Inszenierung „Ophelia’s got talent“ die Inspiration dazu lieferte und die sich übrigens auch in der nächsten Spielzeit erneut auf dem Spielplan finden wird. Denn in dieser – so wie auch momentan in ihrem österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig – tauchen die Performerinnen ins nasse Becken. Auf dem Platz im Pool soll es im Spätsommer eine kleine Intervention der österreichischen Choreografin und Künstlerin geben: aber ganz „lowkey“, wie Lilienthal das nennt, das habe sie ihm, die übrigens gemeinsam mit der Choreografin Marlene Montero Freitas einen künstlerisch beratenden Beirat für die Intendanz bildet, versprochen.
Die Ankündigung löst sogleich glucksende Antizipation im Publikum aus, das sich zahlreich vor der Bühne des Praters in der Kastanienallee versammelt hat. Der Theatersaal des Ostberliner Biergartens beherbergte die Volksbühne schon einmal, in den 1950ern, als die Bühne nach dem Krieg renoviert wurde. Nun, nach mehr als zehn Jahren Umbau, ist der Saal wieder eröffnet und wird neben dem großen Haus ab dem Herbst von der Volksbühne bespielt. Ein kleines Wunder in Zeiten der knappen Etats und Streichungen, von dem man sich nicht irritieren lassen darf: Auch die Volksbühne musste die geforderten 3,5 Prozent ihres Budgets des Berliner Senats streichen, eine einmalige Kürzung von einer halben Million Euro kam außerdem dazu, wie Lilienthal berichtet.
Die Auswirkungen dessen werden sich noch in den nächsten Jahren bemerkbar machen. Wenigstens sei die Existenz der theatereigenen Werkstätten des Hauses im Gegensatz zum Gorki, mit dem Synergien gesucht werden, bisher nicht in Gefahr, trotzdem schiebt der Intendant noch hinterher: „Ich würde den Senat, den Kultursenator und den Regierenden Bürgermeister sehr bitten, diese anstehende Miete der Werkstatträume doch schlicht und einfach als Durchlaufposten dem Maxim Gorki Theater zu erstatten. Dann wäre das Problem zumindest vorläufig gelöst.“
Es wird explizit queer
Das knappe Geld dürfte einer der Gründe sein, so wie viele Museen einen eigenen Freundeskreis zu gründen – „Friends of Rosa“ soll er heißen und ist eine der weiteren Neuerungen, die Lilienthal zurückgelehnt und zufrieden klingend für den Herbst ankündigt. Der Verweis auf Rosa Luxemburg im Namen erscheint angesichts des anstehenden Programms mehr als nur ein auf den Platz bezogenes Lippenbekenntnis zu sein. International soll die neue Spielzeit werden, der Blick nach Osten, er soll nach Süden erweitert werden, es wird politisch und explizit queer: Noch im Oktober werden die beiden brasilianischen Choreograf:innen Davi Pontes und Wallace Ferreira Tanz als Selbstverteidigung, den sie als Schwarze Widerstandspraxis gegen staatliche Gewalt entwickelt haben, lustvoll auf die Bühne bringen. „The School of Self-Defense“ wird eine der ersten Premieren unter neuer Leitung und sowohl die große Bühne als auch den Prater bespielen.
Letzterer wird schon Anfang Oktober mit einer hauseigenen Uraufführung eingeweiht: Anta Helena Recke setzt dort ausgerechnet Vincenzo Latronicos „Perfektionen“ um; eine brillant betrachtete Erzählung des Nachmillennialberlins im Ausverkauf aus der Perspektive konsumierender Expats, in welcher in der Stadt verankerte Berliner an sich eigentlich nicht vorkommen, wie die Regisseurin berichtet. Das bürgerliche Subjekt fehlt hier ebenso wie die Dialoge, es verspricht spannend zu werden, wie der viel diskutierte Roman für die Bühne umgesetzt werden wird.
Die Spielzeit im Großen Haus eröffnen Stefan Kaegi und Daniel Wetzel/Rimini Protokoll: Wie häufig bei deren Inszenierungen begibt sich das Publikum hier auf eine Tour, diesmal durchs ganze Haus. Das Kollektive schiebt sich im neuen Spielplan zwischen das Autorentheater; Grenzen der Genres, für die sich der Intendant eh nicht interessiert, weichen auf.
Ein drittes Stück im Prater werden die radikal digitalen Künstler und Hacker vom OMSK Social Club inszenieren, das Bühnenbild der Uraufführung Satoko Ichiharas „Mononoke“ wird von der Künstlerin Mire Lee umgesetzt, deren sich bewegende Schleiminstallationen vor ein paar Jahren im Berliner Schinkelpavillon Kunst-, Fashion- und Technoavantgardeherzen gleichermaßen höher schlagen ließen, und auch mit Henrike Naumann stand man eigentlich in engem Kontakt, bevor die Künstlerin überraschend verstarb.
Gegen den Kulturbegriff der AfD
Das angekündigte Programm löst ein, was Lilienthal auch explizit als ein Aufbegehren gegen den Kulturbegriff der AfD verstanden wissen will. Nach einer langen Tour landet im Winter Gisèle Viennes Robert-Walser-Adaption „Der Teich“ im Haus, Lena Brasch bearbeitet ein Drehbuch ihres berühmten Onkels Thomas, Milan Peschel und das RambaZamba Theater reisen bis „ans Ende der Komödie oder: Wer zuletzt lacht, lebt am längsten“, und auch das beim Theatertreffen gefeierte „Fräulein Else“ von Leonie Böhm und Julia Riedler, die von den Münchner Kammerspielen, an denen Lilienthal einst Intendant war, als festes Ensemblemitglied an die Volksbühne wechselt. Riedler wurde 2025 ausgezeichnet als Schauspielerin des Jahres.
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Überhaupt das Ensemble. Bei all dem Neuen dürfen hier drei bleiben: Martin Wuttke, Kathrin Angerer und Sophie Rois gehen nicht, neun weitere Schauspieler kommen dazu, damit bleibt die Castorf/Pollesch-Größe von zwölf Mitgliedern erhalten, wie Lilienthal betont. Der Wandel, er kommt nicht mit einem Wumms, er schleicht eher ins Haus: „Es ist jetzt eine ganz andere Zeit. Das merkt man ja an den Diskussionen dieser Tage. Die Welt verändert sich in einem atemberaubenden Tempo, und wir hängen mit unseren Vorstellungen noch im letzten Jahrzehnt fest und versuchen eine Reaktion darauf zu denken.“ Dass es schneller gehen muss, ist allen eh klar. Traurig, dass gestern nicht mehr heute ist, kann man trotzdem sein.
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