Neue ISOE-Chefin über Landnutzung: „Der Einzelne ist überfordert“

Seit Kurzem leitet Flurina Schneider das Institut für sozial-ökologische Forschung. Eine bessere Landnutzung sieht sie als das dominierende Thema der nächsten Jahre an.

Eine Hand hält Vanilleschoten

Vanilleanbau in Madagaskar: Die steigende Nachfrage hat Konsequenzen für Natur und Mensch Foto: Chris Huby/Le Pictorium/imago

taz: Frau Schneider, wird die Frage, wie wir künftig Land nutzen, das große Thema der nächsten Jahre?

Flurina Schneider: Das müsste es zumindest, weil sich hier viele Nachhaltigkeitsfragen bündeln. Die Art der Landnutzung betrifft die Nahrungsmittelproduktion, den Wirtschaftsstandort, Wohn- und Freizeitflächen, um nur einige zu nennen. Hier gilt es zahlreiche Interessenkonflikte zu lösen.

Werden diese Konflikte in der postfossilen Ära zunehmen?

Das ist gut möglich, zum Beispiel, wenn es um Biokraftstoffe geht. Wir haben hier nicht nur die alte „Tank-Teller-Debatte“, also die Nutzungskonkurrenz zwischen Kraftstoffen und Nahrungsmitteln. Auch Reststoffe sind nicht unbegrenzt verfügbar. Werden etwa Rückstände aus dem Maisanbau zu Biogas vergoren, fehlen sie als Kompost auf den Feldern. Dabei wird er dort zu Humus und stellt einen wichtigen CO2-Speicher dar.

Haben wir diese Zielkonflikte ausreichend im Blick?

Sie werden zwar zunehmend mitgedacht, aber es gibt noch immer zu viele sektorbezogene Lösungen, etwa innerhalb der Landwirtschaft oder der Industrie. Dabei sind Synergien und Kohärenz wichtig.

Was kann ein Institut wie das ISOE hier leisten?

Wir versuchen, verschiedene Akteure zusammenzubringen, um gemeinsam über Problemkonstellationen und Lösungsoptionen zu sprechen und hier unterschiedliche Sichtweisen auf ein Thema zu verdeutlichen. An vielen Orten gelingt das sehr gut, aber gerade, wenn große Konflikte bestehen, wird es schwierig. Bevor ich zum ISOE gekommen bin, habe ich 6 Jahre zu Myanmar gearbeitet und war regelmäßig dort. Die Konflikte, die sich derzeit im Zusammenhang mit dem Militärputsch entladen, waren schon vorher da. Da war es ganz schwierig, verschiedene Parteien an einen Tisch zu bekommen.

ist seit April wissenschaftliche Geschäftsführerin und Sprecherin der Institutsleitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung. Zugleich übernimmt die Schweizerin eine Professur für Soziale Ökologie und Transdisziplinarität am Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt.

Was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?

Dass Entscheidungen, die wir in unserem Alltag treffen, Auswirkungen an ganz fernen Orten haben. Nehmen Sie das Thema Vanilleanbau in Madagaskar. Die steigende Nachfrage nach natürlicher Vanille bei uns in Europa hat dazu geführt, dass deutlich mehr Vanille angebaut wurde, mit Konsequenzen für den Regenwald und den sozialen Zusammenhalt in den Dörfern.

Sollen Konsumenten lieber Vanillin kaufen?

Nein, das ist sicher nicht die richtige Konsequenz, die Bauern sind ja auf Einkommen angewiesen. Besser ist, zertifizierte Fairtrade- und Bioware zu kaufen. Allerdings, bei aller Verantwortung der Verbraucher:innen, es müssen insbesondere auch die politischen Rahmenbedingungen angepasst werden. Der Einzelne ist überfordert, wenn er sich immer wieder entscheiden muss für die richtige Option, weil er dazu häufig zu wenig Informationen besitzt. Als zum Beispiel die negativen Auswirkungen von Palmöl auf den Regenwald und die lokale Bevölkerung vielen Konsumenten klar geworden sind, haben sie palmölfreie Produkte gefordert. Doch alle anderen Öle, ob aus Sonnenblumen oder Raps, brauchen viel mehr Fläche als Ölpalmen. Das führt dann wieder zu anderen Konflikten. Es braucht also systemische Konzepte für mehr Nachhaltigkeit.

Die mahnen Ökologen seit 40 Jahren an, ohne viel erreicht zu haben. Woraus nehmen Sie Ihre Motivation für die neue Stelle?

Forschung kann eine ganz wichtige Rolle spielen, um komplexe Beziehungen zu verstehen und Lernprozesse auszulösen. Mit unseren Ergebnissen aus der Forschung möchte ich dazu beitragen, Menschen mit zu befähigen, sich nachhaltiger zu verhalten.

Bedeutet dieser Begriff nicht alles und nichts? Ingenieure der Autoindustrie zum Beispiel tüfteln an Brennstoffzellen für Wasserstoffautos, und nennen das sicher auch „Forschung für Nachhaltigkeit“ …

Forschung für Nachhaltigkeit muss explizit machen, auf welche Nachhaltigkeitswerte sie sich bezieht: es geht um die langfristige Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse, Generationengerechtigkeit und auch Gerechtigkeit zwischen den Menschen im reichen Norden und im globalen Süden. Wasserstoffautos haben eine sehr schlechte Energieeffizienz und können daher kaum als nachhaltig bezeichnet werden.

Kann man das noch immer besser an einem Institut wie dem ISOE als an einer Uni fragen?

Zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen braucht es die Zusammenarbeit von natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen mit Praxisakteuren. Dies ist auch heute noch einfacher an einem außeruniversitären Forschungsinstitut wie dem ISOE. Viele Uni-Wissenschaftler:innen sind aber inzwischen sehr interessiert an Kooperationen. Darum sind wir ja auch künftig über meine Professur für Soziale Ökologie und Transdisziplinarität vernetzt.

Was muss ich mir unter „sozialer Ökologie“ vorstellen“?

Die soziale Ökologie beschäftigt sich mit den Beziehungen von Gesellschaft und Natur und wie diese nachhaltiger gestaltet werden können. Dazu untersuchen wir die systemischen Zusammenhänge, entwickeln neue Zukunftsbilder und erarbeiten Gestaltungsoptionen. Wichtig ist auch, dass die soziale Ökologie eine transdisziplinäre Wissenschaft ist, wo Wis­sen­schaft­le­r:in­nen verschiedener Disziplinen aus Gesellschafts-, Natur- und Technikwissenschaften mit Praxisakteuren zusammenarbeiten.

Ist es auch wichtig, sich mit wirtschaftsnaher Forschung – etwa aus der Fraunhofer-Gesellschaft – zu vernetzen?

Das halte ich für sehr wichtig. Am Ende werden Transformationen zu Nachhaltigkeit nur mit Akteuren aus der Wirtschaft zusammen gelingen. Wir sind zum Beispiel aktiv an Investoren herangegangen, um herauszufinden, wie sich ihre Interessen mit einer nachhaltigen Landnutzung zusammenbringen lassen. Hier gibt es noch viel zu tun, aber da bohren wir ja auch ein dickes Brett.

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