Klimaschutz durch gesunde Böden: Grüne Kühlanlage

Regenerative Landwirtschaft und Wiederaufforstung sind wichtig fürs Klima. Der neue grüne Agrarminister Özdemir sollte deren Förderung forcieren.

Schatten eines Baumes auf einer Wiese.

Hervorragende Klimabilanz und natürliche Kühlung für die Erde: Bäume (hier im Berlinter Tiergarten) Foto: Karsten Thielker

Alle reden von CO2, niemand von Wasser. Dabei legen neue Studien nahe: Wiederbegrünung, Aufforstung und regenerative Landwirtschaft könnten die Erderhitzung entscheidend abmildern, indem Städte und Land(wirt)schaften bodennah gekühlt werden.

Wasserknappheit erschien bislang im regenreichen Deutschland undenkbar. Doch die Dürresommer von 2018 bis 2020 ließen Böden so tief austrocknen, dass im Harz und anderswo der Wald stirbt. Me­teo­ro­lo­g:in­nen sagen, die früher beginnende Vegetationsperiode verbrauche das Wasser im Boden schneller, sodass es im Sommer fehlt. Aber Studien zeigen, dass auch Abholzung und Versiegelung enorm zu Dürren und Fluten beitragen. Regionen mit humusverarmten, agroindustriell bearbeiteten Böden sind besonders überflutungsgefährdet. Mit seinen vielen Poren speichert ein Prozent Humus pro Hektar 100 Tonnen CO2 in Form von Kohlenstoff und mindestens 50.000 Liter Wasser – die beste Prävention gegen Trockenheit und Überschwemmungen.

Scheint die Sonne auf eine begrünte Fläche, verwenden Pflanzen über 70 Prozent der Sonnenenergie für die Verdunstung. Sie nutzen Wasser als Transportmittel für Nährstoffe und geben es an die Umwelt ab. Die dafür aufgewendete Energie führt zur Kühlung der Umgebungsluft und steigt als „latente Wärme“ in höhere Schichten auf. Wenn der Boden aber nackt ist – was auf konventionellen Äckern oft monatelang passiert –, heizt er sich auf und strahlt deutlich mehr Wärmeenergie ab.

Trockenheit entsteht nicht durch Regenmangel, sondern es regnet nicht mehr, weil Grün und Humus verschwinden

Das kann eine Differenz von bis zu 21 Grad ausmachen – wie in Tschechien an einem Hitzetag gemessen. In einem Wald herrschten 28 Grad, daneben auf einem abgeernteten Feld 42 und über Asphalt sogar 49 Grad. Eine Untersuchung der ETH Zürich ergab ergänzend, dass Bäume Städte entscheidend kühlen können, deutlich besser als Grünflächen. Ein einzelner Baum transpiriert mehrere 100 Liter Wasser und kühlt seine Umgebung mit 70 Kilowattstunden pro 100 Liter, was zwei 24 Stunden lang laufenden Klimaanlagen entspricht. Pflanzen leisten also einen entscheidenden Beitrag zur Kühlung des Planeten.

Die Erde hat aber etwa die Hälfte ihrer Wälder verloren, weil Menschen Platz für Äcker, Städte und Straßen schafften. Das führte laut einer Studie in Nature Communications zur Abnahme lokaler Wolkenbedeckung und damit der Niederschläge. Global hat sich die Verdunstung von 1950 bis 2010 um etwa 5 Prozent reduziert, gleichzeitig stieg die Oberflächentemperatur im Schnitt um 0,3 Grad. Klingt wenig, macht aber ungefähr ein Viertel der bisher gemessenen Erderhitzung aus.

Große Wälder lassen zudem Bakterien, Pilzsporen und Pollen aufsteigen, diese dienen als Kondensations- und Eiskerne für Wolken und Niederschläge. In Nahost bis nach China herrscht aber immer öfter eine Feuchte in der Atmosphäre, die nicht mehr abregnet – aufgrund fehlender Biokerne sowie menschenverursachter Staub- und Schwefelpartikel, die die Regentropfenbildung verhindern.

Wälder produzieren somit ihren Regen selbst. Millionen von Bäumen erzeugen in Form von Wolken riesige Wasserflüsse in der Luft, die „fliegenden Flüsse“, die in 8 bis 10 Tagen bis zu 5.000 Kilometer zurücklegen können. Auch Böden sind Regenmacher. Trockenheit entsteht nicht durch Regenmangel, sondern es regnet nicht mehr, weil Grün und Humus verschwinden.

Deshalb müssen Wälder, Vegetation und Wasserkreisläufe als globales „Kühlsystem des Planeten“ intakt gehalten werden. Das Abholzen sollte gestoppt und Wiederaufforstung gefördert werden. Große Waldökosysteme wie am Amazonas oder am Kongobecken sollten als Gemeingüter unter Schutz gestellt werden. Die besten Naturschützer sind dabei die indigenen Gemeinschaften, die dort leben.

Unser Ernährungssystem sollte konsequent auf regenerative Landwirtschaft umgestellt werden. Diese weist Überschneidungen mit „bio“ auf, ist aber nicht damit identisch, weil auch konventionelle Höfe Humus aufbauen, begrünen und Wasser zurückhalten können. Der Boden sollte nie nackt liegen, sondern gemulcht und mit Zwischenfrüchten und Untersaaten immer begrünt werden. Ausgeräumte Agrarlandschaften wie in östlichen Bundesländern sollte es nicht länger geben dürfen. Hecke anzen transpiriert und damit wieder zu Niederschlag umgewandelt werden kann.

Wasserrückhaltung ist ebenso wichtig. Der Permakulturist Sepp Holzer zeigte an vielen Orten der Welt, wie in verdorrten Landschaften wieder Teiche und Seen entstehen können. Auch Agroforstsysteme kühlen, halten Feuchte in der Landschaft, speichern CO2 als Humus und bringen Mehrerträge in Form von Holz, Nüssen oder Erosionsschutz. Sie fallen jedoch aus den üblichen EU-Subventionen heraus.

Hier lägen große Aufgaben für den neuen Bundesagrarminister. Cem Özdemir könnte dafür sorgen, dass regenerative Methoden in Reallaboren und „KlimaLandschaften“ wissenschaftlich beforscht werden, denn noch gibt es zu wenig empirische Daten. Halten sie, was sie versprechen – was Projekte in aller Welt zeigen –, sollten sie großflächig eingeführt werden. Der Grüne sollte sich auch für den Importstopp von Palmöl oder Rindfleisch aus entwaldeten Gebieten einsetzen und für eine Koppelung der Nutztierzahlen an das selbstproduzierte Futter der Höfe. Letzteres verhindert, dass Urwälder zugunsten von Gensoja als Tierfutter abgeholzt werden.

Zusammen mit seinen Kol­le­g:in­nen im Klima-, Umwelt-, Bau- und Verkehrsressort könnte Özdemir sich mit einer Klimagesamtstrategie profilieren. Mit regenerativer Landwirtschaft plus Aufforstung könnte man Fluten und Dürren verhindern und für Abkühlung, weniger Hitzetote und mehr Gesundheit sorgen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist Mitbegründerin der taz und deren Ökoressort. Als freie Publizistin hat sie inzwischen 23 Bücher veröffentlicht, darunter 2017 zusammen mit Stefan Schwar­zer „Die Humus­revo­lution“.

ist Physischer Geograf und Permakultur­-Designer im Ökodorf Schloss Tempelhof. Er hat lange für das Umwelt­programm der UNO gearbeitet.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de