Neue Bücher über globale Umweltfrage: Im Strudel der dreifachen Öko-Krise

Josef Settele und Frank Uekötter schreiben unterschiedlich über hochkomplexe Zusammenhänge. Beide vermeiden Sperrigkeit und Alarmismus.

Eine Biene auf einer Blüte

Viele Arten sind in Mitteleuropa inzwischen sehr selten: eine Blattschneiderbiene Foto: W. Willner/imago

Die ökologische Krise wird vielfach unterschätzt oder verdrängt. Sind apokalyptische Storys über schutzlose Eisbären, vergiftete Bienen und andere charismatische Protagonisten gar Teil des Problems? In Medien und Alltag zumindest geht oft die Komplexität dahinter verloren. Zwei neue Bücher wollen das ändern.

Das eine hat der Agrarbiologe und Schmetterlingsexperte Josef Settele geschrieben. Es heißt „Die Triple-Krise: Artensterben, Klimawandel, Pandemien“ und ist ein hochaktueller Bericht über den Zustand der Erde. Darin bezieht sich der regierungsberatende Experte auf seine führende Rolle beim Report des Weltbiodiversitätsrats von 2019. Dessen viel zitiertes Hauptergebnis: Global sind eine Million Arten bedroht.

Josef Settele: „Die Triple-Krise: Artensterben, Klimawandel, Pandemien. Warum wir dringend handeln müssen“. Edel Books, Hamburg 2020, 320 Seiten, 22,95 Euro

Frank Uekötter: „Im Strudel: Eine Umweltgeschichte der modernen Welt“. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2020, 838 Seiten, 49 Euro

Artensterben, Klimawandel und Pandemien haben dieselben menschengemachten Ursachen und schaukeln sich gegenseitig hoch, so Setteles eindringliche Botschaft. Er beginnt mit einer dystopischen Fiktion fürs Jahr 2040: Pflanzen werden manuell bestäubt und die Wälder sind wegen Krankheitserregern wie dem viel tödlicheren Covid-38 gesperrt. Das sei „ziemlich unwissenschaftlich“, betont er jedoch und bleibt optimistisch. Fortan wendet sich der Autor dem Forschungsstand zu und entfaltet dabei seine Stärke.

Besonders bei seinem Spezialgebiet und dem Schwerpunkt des Buches – den Insekten und ihrem fataler Rückgang – glänzt er mit Fachkenntnis und Verständlichkeit. Nicht je­de:r weiß, dass die unentbehrlichen Wildbienen viel gefährdeter sind als die Honigbiene oder warum wärmeliebende Schmetterlinge gerade durch den Klimawandel leiden. Wenngleich Settele seine unstrittigen Forschungsverdienste weniger hätte betonen müssen, zeigt er sympathischen Enthusiasmus, zum Beispiel, wenn er seine Anfänge als Entomologe beschreibt.

Kein Stein der Weisen

Der Spagat zwischen ökologischen Analysen und persönlichem Ton funktioniert aber bei politischen Aussagen nicht immer. Das Augenmerk liegt hier auf individuellem Konsum, etablierter Realpolitik und klassischem Naturschutz. Reicht das wirklich, um der wissenschaftlich verbrieften Dringlichkeit gerecht zu werden? Zumal nichtwestliche Perspektiven und soziale Fragen unter den Tisch fallen. Zwar sei das Wirtschaftssystem zu hinterfragen; das versandet jedoch im vagen Ruf nach nachhaltiger Versöhnung von Ökologie und Ökonomie. Settele gibt letztlich zu, dass er keinen Stein der Weisen hat, „nicht mal ein Kieselsteinchen“.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der Historiker Frank Uekötter mit „Im Strudel. Eine Umweltgeschichte der modernen Welt“. In der ausgiebigen Sammlung quellenbelegter Geschichten aus aller Welt konzentriert er sich auf die Zeit von 1500 bis 1970. Einiges scheint zunächst gar nicht ökologisch; es geht auch um Diskurse, Kulturen, Technologien, Institutionen, Staat und Macht.

All das hängt zusammen, sagt Uekötter, der bereits mit Joachim Radkau über Naturschutz im Nationalsozialismus veröffentlicht hat. Um die resultierende Öko-Krise zu verstehen und anzugehen, seien historische Einsichten unerlässlich. So sei weithin unbekannt, „in welchem Ausmaß die heutige Umweltdebatte von der Vergangenheit geprägt ist“. Um letztere abzubilden, hinterfragt er vieles, verfolgt keine klare These und lässt Ambivalenzen wirken.

Auch um Eurozentrismus zu vermeiden, bemüht Uekötter seine Strudel-Metapher. Durch sie soll Umweltgeschichte als „Strom“ mit vielen gleichwertigen Facetten verstanden werden – ohne die Krise, ihre Ursachen und Wirkungen oder auch ungleiche Verantwortung zu relativieren. In langen Erklärungen, vor allem im Nachwort, gerät er zuweilen selbst ins Strudeln. Mal versucht er es mit dem Soziologen Niklas Luhmann, dann schimmert Kapitalismuskritik durch, aber nichts kommt so recht zusammen.

Carl Schmitt, Dodos und essbare Kaulquappen

Dabei lenkt das von den Vorzügen des Buches ab. In den 41 Kapiteln finden sich faszinierende Ausführungen über einen sentimentalen Wal-Fan namens Carl Schmitt oder den Dodo als Projektionsfläche und eine schräge Studie zur kulinarischen Eignung von Kaulquappen.

Beide Bücher sind einander gut ergänzende Dokumente der Ratlosigkeit im besten Sinne

Ein riesiger Schiffsfriedhof in Bangladesch als Rückseite des Welthandels ist der Einstieg in die Globalgeschichte des Mülls; man lernt per Ausflug zum südafrikanischen Kruger-Nationalpark, wie verflochten Naturschutz und territoriale Macht sind oder anhand der Geschichte des Guano-Düngers, wie die US-Fleischin­dus­trie mit Perus Schwenk von Vogelschutz zu Fischmehlexport verquickt ist. Und wer noch nicht über die Interaktion von Klimaanlagen und Menschenkörpern nachgedacht hat, wird dazu eingeladen.

Man sollte Uekötters Aufforderung ernst nehmen, den eigenen Lesepfad zu finden. Da funktioniert seine „Chaos-Methode“ des nichtlinearen Erzählens nämlich: Wählt man einen der vorgeschlagenen Wege oder hangelt sich entlang der vielen Querverweise, kommt man in den Genuss detailreichen Wissens und einer eleganten Schreibe. Darin stecken unerwartete Wendungen, klug-trockener Humor und kunstvoll frustrierende Pointen.

So wird auch hier klar: Es gibt keinen einfachen Ausweg. Insofern sind beide Bücher sehr unterschiedliche, einander aber gut ergänzende Dokumente der Ratlosigkeit im besten Sinne – ausgeruht, informativ, lesenswert.

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