Neonazis attackieren Linke: Rechte Raumnahme in Nordberlin
Vergangene Woche kam es zu gleich zwei Angriffen auf Linke. Laut Pankower Register entwickelt sich Nordberlin zunehmend zu einem Neonazi-Hotspot.
Foto: Christoph Soeder/dpa
Der Angreifer, der May K.* in der Nacht zu Mittwoch auflauerte, ließ keinen Zweifel an seiner Gesinnung: „Ich bin einer von den richtigen Nazis, ich zeige dir was passiert“, habe er gedroht. So hält es K. später in einem Gedächtnisprotokoll fest. K. hatte nachts alleine in Moabit für die linksalternative Internationale Queer Pride Demo plakatiert, die am Samstag im Wedding stattfand.
Laut Protokoll sei ein Mann auf ihn zugekommen, habe ihn beleidigt und körperlich attackiert. Dann habe er gedroht: „Ich werde dich finden und töten, dich und deinn Schwuchtelscheiß.“ Der Angreifer habe erst von K. abgelassen, als zwei Passant:innen interveniert hätten.
May K. ist politisch aktiv in der Gruppe Offenes Rotes Treffen (ORT) Berlin. Gleich zwei Mitglieder der Gruppe wurden vergangene Wochen Ziel rechter Angriffe. Die „queerfeindlichen und rassistischen Angriffe“ seien keine Einzelfälle, sondern das Ergebnis einer „zunehmenden Eskalation faschistischer Gewalt“ in Berlin, schrieb die Gruppe in einem auf Instagram veröffentlichten Statement.
Der zweite Angriff habe sich am Montagabend am S-Bahnhof Pankow ereignet, berichtet Leon Seidel*, ein weiteres Mitglied der Gruppe, der taz. Seidel zitiert aus dem Gedächtnisprotokoll seiner Genossin: „In einer Seitenstraße wurde ich von drei Personen abgefangen.“ Sie hätten jugendlich gewirkt, seien schwarz gekleidet gewesen und hätten sich mit Schlauchschals vermummt.
Als Linke erkannt und verfolgt
Die angegriffene Person geht davon aus, bereits in der Bahn als Ziel ausgemacht worden zu sein. Sie sei eindeutig als Linke erkennbar gewesen, habe Buttons mit der Aufschrift „Fuck Nazis“ und „Feminismus“ getragen sowie einen „Against Racism“-Pullover. In der Seitenstraße hätten die Angreifer sofort die Buttons abgerissen und an dem Pullover gezogen. Bevor sie weiter handgreiflich werden konnte, hätten auch hier Passant:innen interveniert und die Polizei gerufen.
ORT ist eine politische Gruppe, die sich als „niedrigschwellige Anlaufstelle für Menschen, die sich sozialistisch organisieren wollen“, versteht. In Pankow veranstaltet ORT regelmäßig Veranstaltungen zu politischen Themen. In dem Ortsteil habe es immer wieder Probleme mit rechter Gewalt gegeben, sagt Seidel. Aber: „Was sich fundamental geändert hat, ist, dass sich Faschos trauen in der Öffentlichkeit anzugreifen.“
Aufgrund des Tathergangs am Montagabend vermutet ORT, dass Mitglieder der Nationalrevolutionären Jugend (NRJ), der Jugendorganisation der rechtsextremen Kleinstpartei Dritter Weg, hinter dem Angriff stecken könnten. „Es passt in ihr Muster“, sagt Seidel. „Sie scouten Leute, lauern ihnen auf und verfolgen sie in Seitenstraßen.“ Die Angriffe würden meist koordiniert erfolgen, vermummt und in Gruppen. Die NRJ sei derzeit „die größte Gefahr für Linke, die es gibt“, warnt Seidel.
Nordberlin entwickelt sich zu einem Neonazi-Hotspot
Andreas Ziehl vom Pankower Register, einer Meldestelle für rechte Gewalt, bestätigt die Einschätzung, dass sich Nordberlin zunehmend zu einem Neonazi-Hotspot entwickele. „Es gab in den letzten drei Jahren immer wieder Übergriffe oder geplante Angriffe auf Linke oder Orte, die der vermeintlichen Linken zugeordnet werden“, sagt Ziehl. Auch gebe es immer wieder rechte Kampfsporttrainings des Dritten Wegs in Pankow-Zentrum und Weißensee sowie eine „konstante Entwicklung“ rechter Aufkleber, Tags und Plakate des Dritten Wegs und der Jugendorganisation NRJ.
„Die Faschos wollen die Randbezirke dominieren“, sagt Seidel. Widerstandslos hinnehmen wollen er und seine Genoss:innen die rechte Raumnahme nicht. Für den 6. August kündigen sie eine Abenddemonstration an. „Wir überlassen den Faschisten weder unsere Kieze noch unsere Nächte“, heißt es in dem Aufruf.
*Name von der Redaktion geändert
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