Nakba-Demo in Berlin: Aus der Eskalation gelernt
Die Nakba-Demo konnte erstmals seit Jahren wieder durch Berlin laufen. Bis auf wenige Angriffe der Polizei blieb es friedlich.
Am Samstag haben in Berlin etwa 3.000 Menschen dem 78. Jahrestag der Nakba, arabisch für Katastrophe, gedacht und gegen die Kriege in Gaza, Libanon und Iran protestiert. Die Demonstration konnte dabei erstmals nach den Verboten in den vergangenen Jahren wieder laufen. Der von manchen beschworene gewalttätige Mob blieb bei der vielfältigen und friedlichen Demo aus. Die Polizei hingegen geht mehrmals gewaltsam gegen Demonstrierende und Journalist:innen vor.
Palästinensische Flaggen prägen das Bild der Menschenmenge am Oranienplatz, dem Startpunkt der Demonstration. Auch Flaggen des Libanon, des Iran, der italienischen Resistenza und linker antifaschistischer Gruppen sind vertreten. Sie alle sind gekommen, um der Vertreibung hunderttausender Palästinenser:innen im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 zu gedenken, die als Nakba bezeichnet wird.
Für viele Teilnehmende ist die Nakba ein andauernder Prozess. „Gaza wurde nahezu vollständig zerstört und de facto annektiert“, heißt es dazu in einer Rede. Die Ausweitung der Todesstrafe für Palästinenser:innen, die Israel im März beschlossen hat, sowie die Souveränitätsverletzungen und Bombardierungen in Syrien und dem Libanon seien eine Fortschreibung dessen.
Laufdemonstrationen zum Nakba-Tag waren in den vergangenen Jahren verboten worden, nachdem es 2021 zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrant:innen gekommen war. Danach waren nur noch stationäre Kundgebungen erlaubt, wie auch 2025 am Südstern als die Polizei mit einem massiven Aufgebot aufwartete, inklusive Wasserwerfer.
Wegen der Parole „From the River to the Sea“, die die Berliner Polizei als illegal wertet, kam es damals zu zahlreichen Festnahmen. Nach der Demo schlug der Fall eines verletzten Polizisten Wellen, weil er laut Polizei „in eine Menschenmenge gezogen und dort niedergetrampelt“ worden sei. Recherchen der taz und des gemeinnützigen Vereins Forensis konnten die falsche Behauptung jedoch widerlegen.
Verletzte durch Pfefferspray
Zumindest einen Wasserwerfer sucht man in diesem Jahr vergebens. Etwa 700 Beamte sind im Einsatz. Doch einige Male dringt die Polizei gewaltsam in die Demonstration ein.
Auf der Gitschiner Straße setzt die Polizei Pfefferspray gegen die Menge ein, weil Teilnehmer ihre Videoaufnahmen mit Fahnen gestört hätten. Mindestens vier Personen wurden laut Polizei dabei festgenommen. Bei dem Pfeffersprayeinsatz wurden laut Veranstalter etwa dreißig Menschen verletzt. Die Veranstalter:innen sind von der Unverhältnismäßigkeit schockiert: „Hier sind Frauen und Kinder. Passt, auf wohin ihr sprüht.“
Kurz darauf versuchen Beamte auf dem Kottbusser Damm, Teilnehmer:innen ein Banner zu entreißen und schlagen heftig auf die Menge ein. Eine junge Frau wird mit einem stark geschwollenen Auge abgeführt. Einer anderen Person wird mit Festnahme gedroht, weil sie einen Polizisten geduzt hat. Auf dem Abschnitt am Kottbusser Damm werden außerdem mehrfach Journalist:innen von der Polizei angerempelt.
Nahe des Moritzplatzes hatten sich etwa 20 Gegendemonstrant:innen vom „Zionistischen Bündnis Berlin“ versammelt. Für Israel sei er hier, erklärt ein Teilnehmer: „Für Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit“. Die israelische Regierung reklamiert für sich, genau wie manche Aktivist:innen, im Namen aller Jüdinnen und Juden zu sprechen. Das will eine Teilnehmerin der Nakba-Demo nicht hinnehmen: Als Jüdin, die in Deutschland lebt, habe sie eine Verantwortung, auf die Straße zu gehen, sagt sie der taz: „Ohne die Schoah hätte es die Nakba nie gegeben. Deutschland ist also für mehrere Genozide verantwortlich.“
15 Personen wurden laut Polizei insgesamt festgenommen. Insgesamt aber blieb es also relativ ruhig. Das dürfte auch an der Vorsicht der Veranstalter:innen gelegen haben. Sie haben aus den Angriffen der Polizei auf palästinasolidarische Demonstrationen der letzten Jahre gelernt – vielfach bitten sie am Endpunkt Südstern die Teilnehmer:innen, die Demo zu verlassen. Beendet wird sie erst etwa eine Stunde später. „Solange die Demonstration nicht beendet ist, steht ihr unter Versammlungsschutz“, heißt es per Lautsprecher.
Die letzten Personen machen sich zwischen den Polizeireihen auf den Heimweg. Ein älterer Mann gibt einem Bekannten zum Abschied die Hand: „Die Deutschen sagen ‚Ende gut, alles gut‘“, sagt er sichtlich erleichtert, dass alles überwiegend friedlich geblieben ist.
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