Naher Osten: Nur eine Atempause?
Selbst wenn der Irankrieg endet – ein neuer Konflikt wartet schon. Das früher Unvorstellbare ist möglich: ein Krieg zwischen Israel und der Türkei.
W as machen wir, wenn Israel Istanbul bombardiert? Die Frage scheint völlig irrational und wäre vor dem Angriff Israels und der USA auf den Iran wohl auch nicht gestellt worden. Doch seit sich die rechtsradikale israelische Regierung von Benjamin Netanjahu offen als „neues Sparta“ bekennt und ihre politischen Ziele auch zukünftig mit militärischen Mitteln erreichen will, ist die Frage nicht mehr ganz so abwegig. Der Krieg im Nachbarland Iran macht vielen Menschen Angst. Sie fürchten, dass der Irankrieg sich ausweiten – oder aber, dass nach dem Ende Krieges die Türkei ins Fadenkreuz Israels geraten könnte. Wenn Iran als militärischer Akteur zumindest vorläufig ausgeschaltet sein sollte, kommen andere Staaten in den Fokus, die sich den großisraelischen Ambitionen der Netanjahu-Regierung in den Weg stellen könnten – oder aber von Israel als potenzielle Gegner ihrer Politik identifiziert werden. Eines dieser Länder ist die Türkei.
Seit Langem profiliert sich der türkische Präsident Erdoğan als Vorkämpfer für die Rechte der Palästinenser. Seit Erdoğan 2003 an die Macht kam, hat sich das Verhältnis der Türkei zu Israel kontinuierlich verschlechtert. Schauplatz der Auseinandersetzung ist Syrien und dort vor allem die kurdische Frage. Die Türkei will einen ihr wohlgesonnenen stabilen und starken Zentralstaat, Israel will genau das Gegenteil. Die Netanjahu-Regierung glaubt, ein in ethnisch und religiös zersplitterter Nachbar würde ihrer Sicherheit am besten dienen.
Seit dem Sturz Assads hat die Türkei Interimspräsident Ahmed al-Scharaa massiv unterstützt. Netanjahu macht das Gegenteil: Er ließ Syrien bombardieren, angeblich um das militärische Equipment der alten Regierung zu beseitigen, besetzte eine demilitarisierte Pufferzone an den Golan-Höhen und ermuntert die drusische Minderheit Syriens zur Abspaltung. Ähnlich agiert Netanjahu gegenüber den Kurden. Er unterstützt deren Autonomiebestrebungen, um Syrien zu destabilisieren und Erdoğans Bemühungen einer Beendigung des Krieges mit den Kurden zu unterlaufen. Direkt nach dem Sturz von Assad im 2024 hatte Netanjahu eine Strategiekommission eingesetzt, die bereits einen Monat später ihre Empfehlungen vorlegte: Der Bericht identifiziert die Türkei als die größte Bedrohung für Israel und empfiehlt, sich auf eine direkte militärische Konfrontation mit der Türkei vorzubereiten.
Aber ist das nicht völlig abwegig? Die Türkei ist ein Nato-Staat, und Donald Trump unterhält zu Erdoğan fast so gute Beziehungen wie zu Netanjahu. Und hat nicht Trump dafür gesorgt, dass Israels Destruktionspolitik in Syrien nicht zum Tragen kam? Auf Drängen der Saudis und der Türkei hat er al-Sharaa empfangen und die Sanktionen gegen Syrien aufheben lassen. Die US-Armee hat die Kurden fallen gelassen und es al-Sharaa so ermöglicht, die kurdischen Autonomiebestrebungen abzuwehren und ein Abkommen zu erzwingen, das die Integration der kurdischen Milizen in die Zentralarmee vorsieht.
Alles richtig, doch dann kam der gemeinsame Angriff mit Israel auf Iran. Der vermeintlich vernichtende Schlag gegen die Mullahs ist zu Trumps Albtraum geworden. Nicht nur die Weltwirtschaft, auch die Nato steht seitdem mehr denn je auf dem Spiel. Im Juli findet der jährliche Nato-Gipfel ausgerechnet in Ankara statt. Er könnte zum Abgesang der Nato, wie sie bisher war, werden. Trump will raus aus dem Irankrieg, er will raus aus dem Nahen Osten und er hat die Nase voll von der Nato. Bereits jetzt formen sich neue Allianzen, die den Konflikt zwischen Israel und der Türkei zukünftig befeuern werden. Israel schließt sich eng mit den türkischen Gegnern Griechenland und Zypern zusammen. Die Türkei setzt im Gegenzug auf Ägypten, das Israels Gazakrieg genauso massiv kritisiert wie die Türkei. Die Saudis und die Golfstaaten sind von den USA frustriert und suchen ebenfalls neue regionale Allianzen, beispielsweise mit Pakistan, das wiederum eng mit der Türkei verbunden ist.
Da die israelische Rechte eine Zweistaatenlösung mit den Palästinensern strikt ablehnt und stattdessen von Großisrael träumt, dürfte ein Ende des Irankriegs und der Rückzug der USA nur eine Atempause vor einem neuen Waffengang bringen. Und in dem könnten sich im schlimmsten Fall tatsächlich Israel und die Türkei gegenüberstehen. Sicher: Israelische Bomber über Istanbul sind nach wie vor eine kaum vorstellbare Schreckensvision. Vieles steht dem entgegen – Netanjahu könnte die Wahl im Herbst verlieren, Trump durch eine Niederlage bei den Kongresswahlen im November zu einer rationaleren Außenpolitik gezwungen werden und die Nato auch nach dem Gipfel in Ankara noch in der Lage sein, einen bewaffneten Konflikt im eigenen Lager zu verhindern, doch auch die Zündler stehen weiterhin in den Startlöchern. In Israel sowieso, aber auch Erdoğan käme ein eskalierender Konflikt mit Israel durchaus zupass. In der Türkei finden wahrscheinlich im kommenden Jahr Präsidentschaftswahlen statt: Um überhaupt noch einmal antreten zu können, muss er vorgezogene Wahlen durchsetzen, um seine aktuelle Amtszeit vorzeitig zu beenden. Nur dann erlaubt die Verfassung, dass er noch einmal antritt, weil das dann nicht als seine dritte Runde als Präsidentskandidat zählen wird.
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Auf den ersten Blick ist die Lage für Erdoğan hoffnungslos. Die türkische Wirtschaft kommt seit Jahren nicht aus der Krise, die Bevölkerung verarmt. Entsprechend schlecht sind seine Umfragewerte. Doch Erdoğan hat vorgesorgt. Er hat fast alle wichtigen Personen der Opposition verhaften lassen – und Israels brutale Kriege in Gaza und dem Libanon und dessen Vorgehen in Westjordanland spielen ihm in die Hände. Die Islamisten und damit seine AKP triumphieren über die Heuchelei des Westens, was die säkulare Opposition schwächt. Eine Verschärfung des Konflikts mit Israel würde ihm bei der Wahl zweifellos helfen. Und der eigene Machterhalt ist für Erdoğan genauso wichtig wie für Netanjahu.
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