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Nachwahl in GroßbritannienIn Manchester wird es grüner

Die Grüne Hannah Spencer gewinnt im Wahlkreis Gorton and Denton den Sitz im Unterhaus. Über 100 Jahre lang hatte Labour dort immer gewonnen.

Sehr zufrieden: Die neu gewählte Abgeordnete Hannah Spencer von der britischen Green Party für Gorton and Denton Foto: Phil Noble/reuters

„Ich bin nicht mit dem Plan, eine Karrierepolitikerin werden zu wollen, aufgewachsen. Ich bin Klempnerin und habe mich vor zwei Wochen außerdem auch noch zur Gipserin weiterqualifiziert.“ Mit diesen Worten begann die 32-jährige englische Grüne Hannah Spencer am Freitagmorgen ihre Rede.

Bei einer Nachwahl in dem Manchesterwahlkreis Gorton and Denton hatte sie am Donnerstag einen Sitz im Unterhaus errungen. Spencer ist damit die erste grüne Abgeordnete, die eine Nachwahl in England und Wales gewinnen konnte. Es ist außerdem der erste grüne Westminstersitz im Norden Englands und das erste Mal seit über 100 Jahren, dass Labour hier eine Wahl verloren hat.

Neben ihrer handwerklichen Tätigkeit war Spencer bisher Stadträtin im benachbarten Manchesterbezirk Trafford. 2024 hatte sie für das Amt des Bürgermeisters in Manchester kandidiert, wurde aber nur Fünfte. Am Donnerstag kam sie in dem stark umkämpften Wahlkreis mit 14.980 Stimmen auf 40,7 Prozent.

Es ist weniger als zwei Jahre her, dass Labour diesen Wahlkreis mit 50,8 Prozent dominiert hatte. Die Kandidatin von Labour, Angeliki Stogia, musste sich diesmal mit nur 25,4 Prozent und Platz drei hinter Reform UK (28,7 Prozent) zufriedengeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 47,6 Prozent – derselbe Wert wie bei den Unterhauswahlen 2024.

Prekäre Ausgangslage

Stogia war erst nominiert worden, nachdem der Parteivorstand die Kandidatur des Bürgermeisters von Manchester, Andy Burnham, abgelehnt hatte. Viele glauben, dass der relativ beliebte Bürgermeister – er wird als zukünftiger Labourchef gehandelt – die Nachwahl gewonnen hätte.

Doch die Ausgangslage für Labour war ohnehin prekär. Grund dafür waren mehrere Skandale. So war der bisherige Labour-Abgeordnete des Wahlkreises zurückgetreten, nachdem dessen Wäh­le­r:in­nen­be­lei­di­gun­gen öffentlich geworden waren. Die Verstrickungen des früheren britischen Labour-Ministers und Ex-EU-Handelskommissars Peter Mandelson in den Epstein-Skandal taten ein Übriges.

Auch die Sozialpolitik Labours hatte für viel Unmut gesorgt. „Labour muss jetzt stärker zeigen, welches die Werte der Partei sind, und dass die Labour-Regierung auf der Seite der Menschen steht“, sagte die stellvertretende Labour-Chefin Lucy Powell. Da dämmerte ihr bereits, dass die Nachwahl verloren gehen könnte.

Das Ergebnis vom Donnerstag hat gezeigt, dass sich die britische bisherige Zweiparteienlandschaft mit der Konfrontation zwischen Labour und den Konservativen zunehmend für die Ränder auf der linken und rechten Flanke öffnet. In England finden im kommenden Mai Kommunalwahlen statt, in Wales und Schottland werden die dortigen Nationalparlamente gewählt.

Linksgeprägter Stil

Der Wahlsieg Spencers ist vor allem dem stärker links geprägten Stil des neuen grünen Parteichefs Zak Polanski zuzuschreiben. Dieser ähnelt weniger der Ausrichtung der deutschen Grünen denn der deutschen Linken. Die Grünen hatten beim Wahlkampf nicht nur stark unter jüngeren Wäh­le­r:in­nen punkten können, sondern sich auch stark um die Stimme muslimischer Wäh­le­r:in­nen bemüht – unter anderem mit dem Thema Gaza.

Aufmerksamkeit erregte Wahlkampfmaterial auf Urdu – mit Fotos, die den stellvertretenden Premierminister David Lammy mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zeigten sowie Regierungschef Keir Starmer mit dem indischen Premierminister Narendra Modi. Der Linkspopulist George Galloway hatte 2024 im benachbarten Rochdale mit seiner Workers Party auf ähnliche Art und Weise eine Nachwahl gewonnen. In Denton and Gorton trat er von einer eigenen Kandidatur zurück.

Der Ex-Labourchef und parlamentarische Sprecher der von ihm gegründeten Partei Your Party, Jeremy Corbyn, hatte ebenfalls eine Wahlempfehlung für Spencer ausgesprochen. Jedoch kam es zu Kontroversen. Zuvor waren Parteianträge bekannt geworden, die forderten, Zionismus und Rassismus gleichzusetzen. Auch tauchten Posts von Spencer auf, in denen sie den Holocaust wiederholt relativiert hatte.

Die Partei Reform UK gab sich derweil mit dem zweiten Platz zufrieden, auch wenn ihr Kandidat, der GB-News Moderator und ehemalige Akademiker Matt Goodwin, die Rede Spencers sichtbar mit Kopfschütteln quittierte.

Abdriften nach rechts außen

Die Kampagne von Reform UK driftete teilweise ins extrem rechte Spektrum ab. Die Palette reichte von der Suspendierung eines Kampagnenleiters vor Ort wegen antisemitischer Aussagen bis zu Bemerkungen Goodwins, die Zugehörigkeit von Britinnen mit Migrationshintergrund zur britischen Nation sei zweifelhaft. Auch von Aussagen Rechtsextremer, die Goodwin unterstützten, distanzierte sich dieser nicht.

Noch in der Wahlnacht hatte die Wahlbeobachtungsorganisation Democracy Volonteers Vorwürfe erhoben. Demnach seien in einigen Wahllokalen mehrere Familienmitglieder gemeinsam an die Urnen gegangen. Die Wahlleiterin erklärte hingegen, derartige Vorfälle seien nicht registriert worden. Zudem habe Democracy Volonteers keine entsprechenden Verstöße gemeldet. Unabhängig davon wurden am selben Tag in Manchester zwei Personen festgenommen, nachdem ein Mann mit Waffen – darunter einer Axt – auf eine Moschee zugegangen war.

Spencer sprach dies in ihrer Siegesrede direkt an. Verantwortlich dafür seien Po­li­ti­ke­r:in­nen und Leute, die die Schuld bestimmten Communitys in die Schuhe schöben, sagte sie, ohne Namen zu nennen. Sie, so Spencer, vertrete die Interessen der Arbeiterklasse.

Sie weigere sich zu akzeptieren, dass man die Gegend verlassen müsse, um gute Schulen und Einkaufsstraßen zu haben und saubere Luft atmen zu können. „Wir kämpfen füreinander in diesem diversen Wahlkreis“, sagte Spencer. „Dort sind unsere Herausforderungen nicht immer dieselben, aber wir wissen, wie schwer das Leben sein kann und wir halten zusammen.“

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