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Nachruf auf einen VierbeinerTschüss, Jack!

Der Hund unseres Autors musste eingeschläfert werden. Dass es irgendwann so weit kommen würde, war allen klar. Doch nun fehlt die Familienseele.

Jack jung Foto: privat

Eigentlich sollte es Jack gar nicht geben. Geplant war eine Katze. Sie hieß Manni und wohnte sogar kurz bei uns. Doch dann kam alles anders. Im November 2010 zog ein drei Monate alter Golden Retriever ein.

Am Anfang kuschelte sich „der Köter“, wie wir ihn gerne nannten, in jede Achselhöhle, rollte sich durch jede Pfütze, und seine Augen schienen immer zu lachen. Um ihm beizubringen, draußen zu machen, feierten wir jeden Haufen, der nicht im Haus landete. Und wie. Wir quietschten, lachten und wälzten uns mit ihm vor Glück auf dem Boden, als hätte er etwas Außerordentliches geleistet. Dafür bekam er dann Leckerlis. Eigentlich bekam er für alles Leckerlis.

Es war schnell klar, dass Jack kein besonders anspruchsvoller Charakter war. Er wollte im Grunde nur Nähe und Essen. Am besten gleichzeitig. Menschen, die Angst vor Hunden hatten, verloren sie in seiner Gegenwart. Jack war freundlich, sanft, ein bisschen unterwürfig und auf unaufdringliche Weise selbstbewusst. Manchmal fragte ich mich, ob er über das Leben mehr verstanden hatte als ich.

Mit ihm war alles so lebendig. Das Tapsen seiner Schritte, sein Geruch nach dem Regen oder die Fellbüschel, die er überall hinterließ. Das unaufgeregte Glück des Gewöhnlichen. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich über Jack schreibe, sagte sie: „Oh Gott, die Familienseele.“

Auch schön: seine Art, Nähe zu organisieren. Er wollte immer mittendrin sein, besonders wenn es nicht passte. Wenn es sich ergab, dass jemand neben mir im Bett lag, dauerte es selten lange, bis Jack an der Tür stand. Dann sprang er dazu und presste sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen uns, die keine Diskussion zuließ. Es war schwer, ihm das übelzunehmen, denn seine Eifersucht hatte nichts Aggressives, sie war so rührend.

Nähe war für ihn kein exklusives Gut. Er verteilte sie großzügig und forderte sie dann auch ein. Ich erinnere mich gerne an das Bild, wie meine Nichte Lovis ihn als Kissen beim Fernsehen benutzt hat. Ihr Kopf auf seinem Bauch und er liegt da wie ein Möbelstück mit Herzschlag.

Es waren diese kleinen Routinen und Abläufe. Immer war jemand da, immer lag jemand im Weg. Man wurde langsamer an bestimmten Stellen im Haus, weil man diese weiße Stolperfalle erwartete. Und beim drüber Hinweggehen streichelte man sie kurz mit dem Fuß oder beugte sich zum Kraulen runter.

Es begann unauffällig, 2020 oder so, und anfangs konnte man es noch gut ignorieren. Jack brauchte einen Moment länger, um aufzustehen oder er überlegte kurz, bevor er loslief. Dinge, die früher selbstverständlich waren, bekamen plötzlich eine Vorlaufzeit. Irgendwann kam er nicht mehr allein auf die Couch.

Dann sah er einen wartend an. Dann musste man ihn hochheben. Niemand wollte es wahrhaben, aber er wurde langsam alt. Es ist zynische Haustiermathematik: Jeder der sich einen Hund anschafft, muss früher oder später auch den Zeitpunkt bestimmen, an dem er ihn verliert.

Jack alt Foto: privat

Wir mussten ihn vor genau einem Jahr einschläfern lassen. Jack war fast 15. Die Diagnose war erstaunlich unspektakulär für das, was sie bedeutete. Der Kehlkopf funktionierte nicht mehr richtig. Man könne das operieren, sagte der Arzt, zumindest bei jungen, gesunden Hunden. Aber bei Jack nicht mehr.

Die ganze Familie kam zusammen. Til und Jörg aus Aachen, Larissa aus Düsseldorf, Uli, Lovis, Anne, Teresa, Elaine. Innerhalb weniger Tage saßen wir alle im Elternhaus. Jack lag im Wohnzimmer oder auf der Terrasse. Wir trugen ihn raus, damit er pinkeln konnte. Er war leicht geworden, als fehlte schon etwas von ihm. Manchmal fraß er ein bisschen. Er röchelte, hörte auf, begann wieder.

Nachts schlief ich auf der Couch neben ihm und hoffte, dass er friedlich einschläft und nicht mehr aufwacht. Den Gefallen tat er uns nicht. Es war so, wie es mir ein Freund prophezeit hatte: „Ihr werdet die Entscheidung treffen und dann wird irgendwas passieren. Jack wird fressen, aufstehen, hüpfen, laufen oder sonst was und ihr werdet denken, dass ihr einen Fehler macht.“ „Das wird schlimm sein“, sagte er noch, „aber ihr macht keinen Fehler.“

Den Satz verstand ich erst im Nachhinein. Es passierte genau das. Jack fraß plötzlich ein paar Happen, stand auf, lief durch den Garten und kurz schien er wieder der junge Hund von damals zu sein, der so gerne den Schmetterlingen hinterherhüpfte. Mein Vater fragte dann: „Müssen wir das jetzt wirklich tun?“

In der Mitte dieser Tage war Lovis da. Sie lief durch den Garten, lachte, wie Kinder eben lachen, und legte sich halb auf Jack, als wäre nichts anders als sonst. Sie begann seine Pfoten bunt anzumalen und davon Abdrücke auf Papier zu machen.

wochentaz

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Irgendwann schaute sie dabei auf und sagte einen schönen Satz: „Weißt du, es gibt eine Welt, die ist so bunt wie der Himmel.“ Gott, ist dieser Satz schön. „Gott, gibt es dich eigentlich? Und hast du im Himmel einen Platz für Jack?“ Man wird sentimental, wenn Kinder einem das Paradies erklären.

Jack lag da und grunzte leise vor sich hin. Dieses Geräusch, das er immer gemacht hatte, wenn es ihm gut ging.

Am nächsten Tag kam die Tierärztin. Jack lag auf der Terrasse und sie kniete sich zu ihm. Sie untersuchte ihn kurz. „Es ist Zeit“, sagte sie.

Wir waren alle da. Mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister, Teresa, Elaine. Lovis küsste ihn.

Die Tierärztin bereitete die Spritzen vor. Zuerst das Beruhigungsmittel. Jack wurde ruhiger, schwerer, sein Atem wurde gleichmäßiger. Dann setzte sie die zweite Injektion direkt ins Herz.

Es ging schnell.

Wir saßen noch eine Weile bei ihm. Anne holte ein altes Betttuch und packte ihn gut ein. Er sah ein bisschen aus, wie eine Oma mit Kopftuch. Seine graue Nase schaute noch heraus. Wir beerdigten ihn mit seinem Napf, ein paar Leckerlis und Blumen.

In den Tagen danach passierten kleine, unspektakuläre Dinge. Man wurde automatisch langsamer, da wo der Hund immer lag und beim Vorbeigehen ließ man Platz, wo keiner mehr war. Es dauerte eine Weile, bis der Körper verstand, was der Kopf schon wusste. Kein Getrappel mehr, mit jedem Mal Staubsaugen, verschwanden die Spuren, die er im Haus hinterlassen hatte, ein kleines bisschen mehr. Sein Geruch verflog und aus jeder Ecke des Hauses gähnte die Leere in den Raum.

Wusste er, dass er sterblich ist? Ich glaube, er brauchte davon nichts zu wissen. Er wusste, dass wir ihn überall hin mitnehmen, raus in die Wälder, zum Rumhängen im Café, an den Atlantik, in unser Leben. Und er wusste, dass wir zueinander gehören.

Er wusste, er war sicher bei uns. Er kannte seinen Namen.

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