Nachruf auf Thomas Zipp: Der neurowissenschaftliche Künstler ist tot
Wahnsinn und therapeutische Heilung waren für den Berliner Künstler kein Gegensatz: zum Tod des „Psychonauten“ Thomas Zipp.
Seine begehbaren Installationen gemahnten oft an rätselhafte Labore, in welchen tatsächliche oder selbst ernannte Forscher sich auf den Spuren der menschlichen Seele in gewagte Experimente stürzen und dabei wie Doktor Faustus ihr eigenes Leben riskieren. Verschattete Räume, von eigenartigen Neonlampen schwach beleuchtet und voll von nicht weniger eigenartigem Mobiliar, dienten als Kulissen für Parcours, denen die Zuschauer folgen sollten.
Der Künstler Thomas Zipp inszenierte seine Ausstellungen mit Bedacht in den Bereichen zwischen Ratio und Psyche, zwischen Bewusstsein und Verborgenem als Orte der Untersuchungen und Forschungen. Er tat dies niemals ohne eine gewisse Distanz zum eigenen Werk und mit einer subtilen Dosis von spezifischem Humor, der ihn in die Nähe des surrealistischen „humour noir“ führte.
Mit seinem in den letzten dreißig Jahren entstandenen, vielschichtigen Werk besetzte Zipp eine besondere Position, indem er sich auf verschiedene Phänomene des geistigen Lebens, auf die Erforschung des Unterbewusstseins, auf psychopathologische Themen wie beispielsweise Hysterie, medizinische Untersuchungen von Rauschzuständen oder auf die Experimente zur Erweiterung des Vorstellungshorizonts mithilfe von Drogen bezog. Mit Zipps eigenen Worten war sein Ziel die „im Grunde neurowissenschaftliche Forschung mit künstlerischen Mitteln“.
Rituale und mysteriöse Begegnungen
Einen wesentlichen Teil der Aktivitäten des 1966 in Heppenheim geborenen und seit 2008 in Berlin lebenden Malers, Musikers und Installationsspezialisten stellten Performances dar. Als Lehrer an der Universität der Künste in Berlin vermochte er unter den Studierenden einen hohen Grad an Aktivitäten anzuregen. Mit kollektiv veranstalteten Aktionen, Umzügen, Ritualen und mysteriösen Begegnungen anlässlich seiner Ausstellungen erweiterte er den Radius seiner künstlerischen Tätigkeit wesentlich und bezog somit auch die Akteure in seine Konzepte ein.
Immer ging es Thomas Zipp um die Besetzung neuer Felder seiner Forschung. Er animierte sein Publikum zum psychischen Mitmachen und ließ sich von ihm anregen.
Dies äußerte sich besonders bei Projekten und Installationen, in denen unmittelbar bestimmte psychophysische Untersuchungen vorgenommen wurden. So benutzte Zipp anlässlich der Biennale 2013 in Venedig die sogenannten Koren-Helme, Kopfhelme, mit denen sich Gehirnareale stimulieren und messen lassen. Mithilfe von elektromagnetischen Strahlen angeregt, kann es zwischen den Teilnehmern zur mentalen Kommunikation kommen. Zipp fragte sich dabei, was in unserem Gehirn passiert und wie sich diese Vorgänge auf unseren seelischen Zustand auswirken.
Dass es auf die dabei notwendigerweise entstehenden Störungen und Verschachtelungen des Bewusstseins, auf die Rätsel des menschlichen Gehirns ankommt, lässt Thomas Zipp zu. Er riskierte und folgte eigenen Eingebungen und den Resultaten seiner künstlerischen Forschungen. Bereits in der Ausstellung „The World’s Most Complete Congress of Strange People“ 2010 in der Berliner Galerie Baudach schlug er einen unmissverständlichen Weg ein mit dem Ziel, das Unbewusste zur Grundlage seiner Kunst zu machen.
Wie sieht das Bild der menschlichen Seele aus?
Es ging um das Bild der menschlichen Seele und nicht zuletzt um die Wechselwirkungen zwischen dem Innenleben und der Gesellschaft, ein Konflikt, der sich teilweise in pathologischen Formen äußern kann. Auf die Gesellschaft übertragen, führt die Untersuchung pathologischer Zustände zwangsläufig zur Beschäftigung mit dem Krieg.
Thomas Zipp hat in mehreren Ausstellungen dieses Thema prägnant angesprochen. Von der Entdeckung der Spaltung von Uran bis zur Anwendung der Atombombe ließ er in seinen Bildern und Installationen nicht nur den Weg dieser verhängnisvollen wissenschaftlichen Erfindung Revue passieren. Charakteristische Porträts von Otto Hahn, Lise Meitner oder Max Planck stellen bei Zipp eine Galerie der Forscher dar, die im Bereich der Kernspaltung und deren Konsequenzen einen entscheidenden Beitrag geleistet haben, jedoch später die unheilvolle Wirkung des Atomzeitalters erleben mussten.
Als bloßer Zeitkritiker wollte Thomas Zipp aber nicht verstanden werden, eher als Diagnostiker. Es ging ihm stets darum, auf die Grenzen zwischen der „heilen“ und der „kranken“ Welt hinzuweisen. Im Zusammenhang mit seinen Inszenierungen in den letzten zwanzig Jahren ging es ihm um die Untersuchung von Kontrollmechanismen, die von der Gesellschaft errichtet werden, und nicht zuletzt um die Fragen nach der Funktion von Norm und Abweichung.
Er glaubte an das Recht der Kunst
Er glaubte an das Recht der Kunst, Machtmechanismen und Kontrolle durch abweichende Haltungen auf den Prüfstand zu stellen. Wahnsinn und therapeutische Heilung waren für ihn keine gänzlich gegensätzlichen Positionen. Deshalb dürfen sie in seiner Kunst miteinander auftreten, sich begegnen und einen offenen Dialog mit klinischer und insofern auch gesellschaftlicher Relevanz führen. Der „Psychonaut“ Thomas Zipp verstarb am 3. April 2026, einem Karfreitag. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk, das zweifellos noch lange Zeit Bestand haben wird. Seine volle Entdeckung steht noch an. Adieu, Thomas!
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