Nachruf Christina Thürmer-Rohr: Eine großartige Suchende
Am 10. September starb die Sozialwissenschaftlerin, feministische Theoretikerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr. Sie prägte die Frauenbewegung.
Denken. Reden. Schreiben. Musik machen – die 1936 geborene Christina Thürmer-Rohr hatte das Glück, dies alles tun zu können auf ihre eigene und eigensinnige Weise. Und sie wusste darum, dass das ein Glück war.
„Eigentlich müsste ich dankbar sein“, sagte Thürmer-Rohr einst. Wie nur wenigen Frauen in Deutschland seien ihr immer alle Türen offengestanden. Dass sie Orgel spielen, dass sie studieren und promovieren konnte, dass ihr die Stellen an den Universitäten angetragen wurden, dass sie sich aussuchen konnte, was sie tun will. Dass sie ihre Meinung sagen konnte, öffentlich. Alles Glück. Auch dass sie gehört worden sei, selbst mit unangenehmen Ideen.
Schon während ihres Philosophie- und Psychologiestudiums in Freiburg und in Heidelberg nämlich registrierte sie, dass die Rolle der Frau in der Gesellschaft nicht gleichwertig war. Als die Frauenbewegung in den 70er Jahren wuchs, war sie eine derjenigen, die sich dafür einsetzten, dass dieser gesellschaftliche Aufbruch Momentum entwickelte.
Ab 1976 hatte Thürmer-Rohr an der Pädagogischen Hochschule in Berlin unterrichtet und den Studienschwerpunkt „Frauenforschung“ gegründet; sie engagierte sich im Verein zum Schutz misshandelter Frauen und wechselte 1980 an die Technische Hochschule in Berlin, wo sie den Fachbereich Erziehungswissenschaften aufbaute und Studien in Feministischer Theorie, Menschenrechte und Erinnerungskultur forcierte. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war sie Pädagogikprofessorin an der Technischen Universität, dabei klar parteiisch für Frauen. Es ist die Zeit, in der sie mit ihren Ideen stark in die Frauenbewegung hineinwirkte.
Stadtplanerin und Rockmusikerin
Aber Thürmer-Rohr war auch 68erin, war zudem Stadtplanerin, war von 1977 bis 1983 neben ihrer Arbeit an der Universität Rockmusikerin in der Frauenband Außerhalb, und als Studentin Existenzialistin. Denn früh hatte sie etwas verstanden: „Es ging um Wahrnehmung, es ging um die Regie über mein Leben.“
Thürmer–Rohr ist anerkannt, auch weil sie unberechenbar war. In einem feministischen Status quo hat sie sich nie eingerichtet. Ihre Triebfeder sei Veränderung, betonte sie immer wieder. Als das Patriarchat durch die Frauenbewegung auf den Prüfstand kam und Männer in einem Akt der Vereinfachung als Täter, Frauen als Opfer dastanden, war es Thürmer-Rohr, die die Gegenthese dazu auf die deutsche Befindlichkeit herunterbrach: Frauen sind auch Täterinnen. Und Mittäterinnen. Dies zwinge unter anderem zu einer ganz anderen Lesart und Ursachenforschung des Nationalsozialismus. Die Mittäterinnenthese polarisiert bis heute.
Dennoch: Veränderung war das Leitmotiv, auf das Thürmer-Rohr bestanden hat. Der Gedanke, „dass Nichts so bleiben muss, wie es ist“, habe sie geprägt. Sie hat es ja doch selbst erlebt. Ihre Kindheit war vom Lärm des Nationalsozialismus und Krieg übertönt, ihr Vater war Pfarrer und überzeugter Nazi. Er starb 1941 im Frankreichfeldzug. Nach dem Krieg wuchs sie mit Mutter und älterer Schwester in Bethel auf, wo ihr Großvater, ein Nazigegner, nicht nur Diakon, sondern auch Bürgermeister war.
Auf der Suche nach dem Dialog zwischen beiden Extremen
Thürmer-Rohr hat sich in ihren Schriften immer wieder mit der Ausgrenzung des weiblichen Denkens beschäftigt. Weil sie jedoch gegen Stillstand war, hat sie sich auch mit Marxismus und politischer Ethik, mit Globalisierung und Demokratie, mit Nationalsozialismus und Freiheit auseinandergesetzt. Und seit der Wiedervereinigung, die doch etwas zusammenführen sollte, beschäftigte sie sich mit dem, was Menschen auseinandertreibt: der Wiedervereinigung also. Den Dialog zwischen beiden Extremen suchte sie.
Dialog suchte sie auch in der Musik. Mit ihrer Lebensgefährtin, der Musikerin Laura Gallati zusammen entdeckte sie, dass Bachs Kunst der Fuge und Arendts „Übungen im politischen Denken“ im Grunde dasselbe wollen wie sie: am Thema bleiben, nach Wesentlichem suchen, auf Wesentlichem bestehen, in Verständigung treten. Sie war eine großartige Suchende.
Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens entwickelte sie so denkend, redend, schreibend und musizierend eine Synthese zwischen unserer Gegenwart und deren Vergangenheit, zwischen Philosophie und Musik. Und zwischen dem, wie ein Leben sein kann und dem, wie es ist.
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