Nachbarschaftliches Klima: Alle reden vom Wetter – oder eben auch nicht
Als Smalltalkthema ist das Wetter brisant, weiß unser Kolumnist. Aber gern hätte er doch mit dem Nachbarn darüber geplaudert. Und über den Rasensprenger.
E s ist lange her, dass man aus Verlegenheit aufs Wetter zu sprechen kam. Wenn einem heute nichts mehr einfällt, dann sagt man besser was zu Trump oder Nahost – oder man lässt es vorsichtshalber gleich ganz. Die Frage ist nur, woran das liegt. Die einen schreckt vermutlich das Klischee, weil sich rumgesprochen hat, dass Wetter eben so belanglos sei und man sich dermaßen peinlich dann nicht mal beim Smalltalk in der Bäckereischlange geben mag. Kann sein.
Für die anderen hingegen ist das Thema paradoxerweise zu brisant. Wer sich in den vergangenen Tagen ins Internet gewagt hat, dürfte diese Geschichte so oder so ähnlich mehrfach bezeugen können: Irgendwer postet ein Foto mit Kaltgetränk und nacktem Fuß auf dem Balkongeländer – und kriegt postwendend den Anschiss, von der Klimakatastrophe wohl nichts mitbekommen zu haben und überhaupt ein privilegiertes Arschloch zu sein.
Ich habe zuletzt auch nicht gerne übers Wetter gesprochen, obwohl es mich sehr umgetrieben hat. Gestern zum Beispiel habe ich meinen Tag minutiös entlang des Regenradars durchgetaktet: bin eine Stunde früher als nötig in die Stadt gefahren, um die erste Regenfront in der Bahn abzuwettern, habe schnell die Mungobohnenglasnudeln gekauft, die es hier auf dem Dorf nicht gibt, und zum Schluss dann richtig Gas gegeben bei der Abendkonferenz, um vor dem nächsten Gewitter wieder zu Hause am Acker zu sein.
Es gäbe noch mehr Beispiele über alltagsrelevante Wetterthemen. Dass morgen zum Beispiel die Tomaten nicht gegossen werden müssen, dafür beim Aufklaren unbedingt der weggespülte Kaffeesatzbannkreis um den Salat erneuert werden muss, damit das Projekt nicht dem Schneckenfraß anheimfällt. Aber das führt hier erstens zu weit und interessiert zweitens wahrscheinlich auch einfach überhaupt keine:n mehr.
Was hier draußen hingegen sehr viele interessiert, ist die Frage, wer wann den Rasen wässert. Während der Hitzewelle über Pfingsten gingen rundum in der Nachbarschaft pünktlich zur Abenddämmerung die Sprenger an. Ich habe mich allerdings gefragt, warum. Wollen sie Verdunstungsverluste vermeiden oder hoffen sie nur, dass niemand die Sauerei mitbekommt, wenn man sie im Schutz der Dunkelheit veranstaltet?
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Es herrscht ein halbseidener Ökokonsens
Den meisten hier würde ich beides zutrauen. Unter uns Speckgürtler:innen herrscht nämlich ein so restriktiver wie halbseidener Ökokonsens, der sich vor allem auf das Tun der anderen kapriziert. „Die Soundsos von gegenüber sind über Ostern schon wieder geflogen!“, wurde mir neulich am Zaun berichtet, und ich wusste wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte. Mein lustiger Spruch über den SUV des Denunzianten kam schon beim letzten Mal nicht gut an, und was anderes fiel mir jetzt auch nicht ein. Deshalb hab ich nur mit den Schultern gezuckt und „Tja …“ gesagt – oder so was in der Art.
Auch, um diesen Moment beschämender Rückgratlosigkeit auszubügeln, wollte ich nun wenigstens das Mysterium um den Rasensprenger auflösen und habe mich beim ersten Rattergeräusch in die Hecke geschlagen, um ein Wettergespräch zu wagen und einfach mal nachzufragen.
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Das war schwieriger als gedacht, weil erstens meine Hälfte der Wehrbepflanzung von Dornen durchwuchert ist – und weil dann zweitens gar niemand da war im Nachbargarten. Nicht mal ein Sprenger, denn das verdächtige „Schhhhh-klick-klick-klick“ kam in Wirklichkeit von einer völlig anderen Maschine: dem „hocheffizienten Maulwurf- und Wühlmausvertreiber mit Ultraschall“ nämlich, den es beim Baumarkt derzeit im Angebot gibt. Und dazu fällt mir dann wirklich so gar nichts mehr ein.
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