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Anonymität in der GroßstadtNachbarschaft zum Selbermachen

Das Projekt Gemeinsam Kiez zeigt Berliner*innen, wie sie Nachbarschaftsgruppen aufbauen können. Die können bei Einsamkeit helfen – und extremer Hitze.

Das große Hitze-Wochenende steckt einigen offensichtlich auch Wochen später noch in den Knochen. „Ich frage mich, wie wir einander besser unterstützen können. Ob es Menschen in meiner Nachbarschaft gibt, auf die wir bei solchen Extremtemperaturen achtgeben müssen“, sagt eine junge Frau. Sie ist vor einem Jahr nach Berlin gezogen und kennt bisher eigentlich niemanden aus ihrem Haus, wie sie erzählt. „Ich wünsche mir mehr Kontakte in meinem direkten Umfeld“, sagt sie. Auch, weil ihre Freun­d*in­nen über die Stadt verteilt wohnten, und oft fehle ihr die Kraft, am Abend noch eine Dreiviertelstunde zu fahren, um sich zu verabreden. Deshalb sitzt sie nun an einem Samstagnachmittag in einem Workshop, um genau das zu lernen: Eine lebendige Nachbarschaft selbst aufzubauen.

Wie so etwas gehen kann, das erklärt Lou Rosenkranz, Leiterin des Projekts Gemeinsam Kiez. Sie will den etwa 10 Teilnehmer*innen, vor allem Frauen, mit dem Workshop konkrete Methoden an die Hand geben, mit denen diese die Nachbarschaft aktivieren können. Etwa Haustürgespräche, die sie als ersten Schritt vorschlägt. „Am besten legt ihr einen Termin in zwei bis drei Wochen fest, klingelt an den Türen im Haus oder auch in den Nachbarhäusern und sagt, dass ihr euch gern vernetzen möchtet und ladet zu einem ersten Treffen ein“, sagt sie. Sie empfiehlt, Infos zu Ort, Zeit und Datum auf einer Postkarte mitzubringen. „Es hilft, verbindliche Zusagen einzuholen.“

Wer an etwa 35 Haustüren klingele, bekäme erfahrungsgemäß auch fünf bis sieben Zusagen, erzählt Rosenkranz und könne damit schon loslegen. Das Projekt orientiert sich an Gruppen in den USA, die etwa in dem Programm „Cool Block“ Methoden des Community Building schon länger ausprobieren. Neben den Haustürgesprächen nennt Rosenkranz auch Wohnzimmertreffen. „Wenn ihr zu euch einladet, gebt ihr einen großen Vertrauensvorschuss. Und das wirkt, das ist nicht zu unterschätzen“, sagt sie. Aber natürlich sei es auch denkbar, an einen neutraleren Ort einzuladen.

taz-Serie: Unter Anderen

Unsere Gesellschaft driftet auseinander, heißt es immer öfter. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Berlin ist voller Orte, an denen Menschen ins Gespräch kommen – beiläufig, ungeplant, oft überraschend. Räume des urbanen Zusammenlebens, offen, widersprüchlich und sozial durchlässig. In der taz-Berlin-Sommerserie erkunden wir diese alltäglichen Kontaktzonen, in denen Menschen Verbindung und Verschiedenheit suchen, aushalten und verhandeln.

Alle Texte zur Serie sind hier auf taz.de versammelt.

Unter den Teil­neh­me­r*in­nen sind viele, die sich mehr Gemeinschaft wünschen, mehr bekannte Gesichter und alltäglichen Austausch in der anonymen Großstadt. Eine etwas ältere Teilnehmerin würde gern das Hoffest in ihrem Häuserblock neu aufleben lassen. „Das letzte hatten wir vor sieben Jahren und einige erzählen immer noch begeistert davon. Trotzdem kam es seitdem nicht mehr zustande“, erzählt sie. „Ich fände es schön, wenn wir einfach mehr miteinander reden und nicht einfach stumm aneinander vorbeilaufen“, sagt eine andere. Eine Dritte berichtet, wie berührt sie war, als letztens jemand aus dem Haus bei ihr geklopft und ein paar Crêpes vorbeigebracht habe. Doch im Workshop äußern einige Teil­neh­me­r*in­nen auch die Sorge, dass Nach­ba­r*in­nen zu anhänglich werden könnten, wenn sie so offensiv auf sie zugehen.

Klare Grenzen setzen

Die Workshopleiterin empfiehlt, in solchen Fällen klare Grenzen zu setzen und deutlich zu sagen, wozu so ein Treffen dienen soll. Gleichzeitig sei es gut, eine Gruppe thematisch sehr offen zu gestalten und zuzulassen, dass sie zu einer gemeinsamen Sache wird und nicht einem eigenen Projekt. „Leute aus anderen Bubbles fühlen sich vielleicht von anderen Dingen abgeholt als ihr“, sagt Rosenkranz. „Manche haben anfangs gedacht, dass sie gemeinsam Gärtnern könnten. Aber die Gruppe hat sich dann zum Beispiel mehr für Müllsammeln interessiert“, erzählt sie. Sie hätten nun schon mehrfach in der Straße gemeinsam aufgeräumt und Dreck entfernt. Und die Erfahrung zeige auch: „Wenn Nach­ba­r*in­nen euch draußen dabei sehen, fragen sie oft, ob sie auch mitmachen können.“

Solche Gruppen hätten viele positive Effekte. „Starke, lebendige Nachbarschaften machen Städte und auch Gesellschaften widerstandsfähiger“, sagt Rosenkranz. Denn die Nach­ba­r*in­nen seien vor allem in Krisen immens wichtig. „Im Zweifel kann es entscheidender sein, die Telefonnummer von einem Nachbarn zu haben als einen Vorrat an Dosensuppen“, sagt sie. Eine aktive Nachbarschaftsgruppe helfe auch gegen Gefühle von Einsamkeit und gegen Pessimismus, und damit präventiv auch gegen den Rechtsruck.

„Studien zeigen: Wer selbst handelt, blickt auch optimistischer in die Welt“, sagt sie, nach dem Motto „machen statt meckern“. Zudem sei die Nachbarschaft ein Ort, an dem man mit Menschen in Kontakt komme, die vielleicht ganz andere politische Meinungen hätten als man selbst.

Monatliche Stammtischtreffen

Gemeinsam Kiez gehört zum Verein Plan B 2030. Der hatte sich 2023 als Netzwerk gegründet. Nachdem der Klimaentscheid in Berlin gescheitert war, ist es ihr Ziel, die Ideen des Klimaentscheids an anderer Stelle weiterzutragen. Auch mit Gemeinsam Kiez wollen sie Berlin „krisensicher, sozial und klimaneutral“ machen. Der Bezirk Neukölln fördert sie aktuell für ein Projekt im Körnerkiez. Inzwischen seien bereits 21 Nachbarschaftsgruppen entstanden, der Verein macht regelmäßig Workshops, um „Türöffner*innen“ zu schulen. Alle, die an den Workshops teilgenommen haben, lädt Rosenkranz zu monatlichen Stammtischtreffen ein. Bei den Treffen geht es auch darum, die Teil­neh­me­r*in­nen dazu zu motivieren, dranzubleiben.

Im Workshop üben die Teil­neh­me­r*in­nen in Zweierteams selbst schon mal ein Haustürgespräch. Rosenkranz verteilt außerdem noch Karten mit Ideen für gemeinsame Tätigkeiten oder Anliegen, wenn es dann zum Treffen kommt. Die Nach­ba­r*in­nen könnten etwa Tipps austauschen, um Wasser zu sparen, und Regenwasser auffangen, zusammen Bäume gießen, sich treffen, um gemeinsam wichtige eigene Dokumente zu digitalisieren oder ein Picknick auf der Straße zu organisieren.

Eine Teilnehmerin nimmt sich fest vor, die Haustürgespräche auch tatsächlich auszuprobieren. „Wir sind mehrere Generationen im Haus und ich habe das Gefühl, dass viele sich nach mehr Kontakten sehnen. Aber irgendwie läuft man immer aneinander vorbei“, sagt sie. Sie will den Workshop auch ihrer Mutter weiterempfehlen, „das wäre genau das richtige für sie“, meint die 26-Jährige. Eine andere Teilnehmerin ist vor kurzem mit ihrem Freund zusammengezogen und lebt daher nach langer Zeit in Neukölln nun in Charlottenburg. „Es ist cool, aber ich bin eher nicht diejenige, die so etwas initiiert“, sagt sie zu den Nachbarschaftsgruppen. „Aber wenn eine Nachbarin mich dazu einladen würde, wäre ich direkt dabei.“

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