Nach vierjähriger Dopingsperre: Beim HSV kehrt der verlorene Sohn zurück
Fußballer Mario Vušković hat beim Hamburger SV sein erstes Training absolviert, seit er wegen Dopings gesperrt wurde. Tausende Fans schauten zu.
Foto: Gregor Fischer/dpa
Es ist der letzte Sommertag in Hamburg. Im Volksparkstadion ist ein Gemurmel wie im Theater, bevor sich der Vorhang hebt. Ab und zu sticht eine helle Kinderstimme heraus. Jetzt ruft ein ganzer Kinderchor: „HSV, HSV“. Von den leeren, quietschblauen Plastikschalensitzen auf den Tribünen hallt es zurück.
Nur die Stehplatzränge auf der Nordtribüne sind an diesem frühen Dienstagnachmittag gut gefüllt. An die sechstausend mögen es sein, viele HSV-Trikots. Auffallend häufig steht auf dem Rücken der Name Vušković. Auch auf Bannern am Zaun sind Slogans wie „Free Vušković“ zu sehen.
Um 15.17 Uhr brandet Applaus auf. Die Fußballprofis des HSV kommen aus dem Spielertunnel, laufen auf die Fans zu. Abwehrspieler Jordan Torunarigha schubst den Mann nach vorn, um den es geht: Mario Vušković. „Vušković, Vušković!“, schallt es ihm entgegen. Ihm scheint der Rummel ein wenig unangenehm zu sein, verhalten klatscht er ein paarmal und dreht dann ab. Es ist doch nur ein ganz normales Fußballtraining.
Dass daran überhaupt nichts normal ist, zeigt schon, dass der Hamburger SV es ins Stadion verlegt hat. 46 Monate ist es her, dass dieser Mario Vušković zuletzt für den HSV gespielt hat. Ein gutes Jahr lang hatte der Kroate zuvor die chronische Problemzone der Hamburger, die Innenverteidigung, stabilisiert mit gerade mal 20 Jahren. Dann musste er zur Dopingprobe. Das Ergebnis: positiv, das Blutdoping-Mittel EPO, sonst vor allem im Radsport verbreitet. Von einem Tag auf den anderen war er gesperrt.
Unschuld beteuert
Vušković hat seither immer seine Unschuld beteuert, hat sich durchs Dickicht der internationalen Sportgerichtsbarkeit prozessiert, Gegengutachten beauftragt, sich sogar an einen Lügendetektor anschließen lassen. Am Ende war alles vergebens, auch wenn das Nachweisverfahren für EPO-Doping umstritten ist.
Er hätte mit zwei Jahren Sperre davonkommen können, wenn er die Strafe akzeptiert hätte. Aber das wollte er nicht. So verdoppelte der Internationale Sportgerichtshof CAS das Strafmaß auf vier Jahre.
Vier Jahre, in denen Vušković sich vom ganzen Fußballbetrieb weiträumig fernhalten musste. In denen er sich allein mit einem privat bezahlten Athletik-Trainer fit gehalten hat.
Der HSV hat in all den Jahren den Spagat hingelegt, einerseits die rechtlich erforderliche Distanz zu dem Verurteilten zu wahren und andererseits stets fest an seiner Seite zu stehen. Der Verein hat immer klargemacht, dass Vušković nach Ablauf seiner Sperre wieder willkommen wäre. Und nicht zuletzt die Fans haben ihn zu einer Art Märtyrer stilisiert.
Da war es schon fast zu kitschig, dass in der vergangenen Saison sein jüngerer Bruder Luka für die Hamburger spielte, auf derselben Position, und mit 19 ein Schlüsselspieler im Kampf gegen den sofortigen Wiederabstieg wurde. Ein ums andere Mal hat der jüngere Vušković betont, dass das für ihn eine Familienangelegenheit war und wie gern er noch mit seinem Bruder zusammen gespielt hätte, nach dessen Rückkehr.
Die kann nun ab dem 16. November steigen, wenn die Sperre abläuft. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg, auch wenn im ersten Training vieles schon verblüffend gut aussieht. Mario Vušković ist gleich mittendrin, seine Mitspieler herzen und knuffen ihn.
Auf den ersten Blick scheint er nichts verlernt zu haben. Bei einer gelungenen Körpertäuschung gibt es Szenenapplaus, bei einem strammen Schuss in den Torwinkel bricht Jubel aus, als wäre es ein Tor in einem Ligaspiel. Aber niemand kann derzeit sagen, ob der heute 24-Jährige nach vier Jahren wieder die Spritzigkeit, die Motorik, das Raumgefühl von einst zurückgewinnen kann.
„Wenn’s einer schafft, hat er den Namen Vušković“, sagt HSV-Vorstand Eric Huwer nach dem Training. Die größte Gefahr scheint derzeit, dass sie beim HSV den verlorenen Sohn zu schnell wieder spielen lassen, denn in der Innenverteidigung herrscht mal wieder Notstand: Aus den ersten drei Bundesligaspielen der Saison setzte es für 0:12 Tore – und den letzten Tabellenplatz.
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