Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD: „Wir haben spontan angeboten, die Gegenstände zu sichern“
Trauernde hatten Blumen und Kerzen, aber auch persönliche Dinge am Tatort und am Brandenburger Tor abgelegt. Die sind jetzt erst mal im Schwulen Museum.
Foto: Christian Ditsch/epd/imago
Im Tiergarten am Ahornsteig erinnert seit knapp einer Woche eine Regenbogenbank an den Anschlag beim Berliner CSD, außerdem hat der Bezirk Mitte dort einen neuen Baum gepflanzt. Ein Mann war am Abend der Pride Parade mit einem weißen Transporter in die Menge gerast, hatte mit dem Auto und danach wohl einer Machete 31 Menschen teils schwer verletzt und eine Frau getötet. Unzählige Menschen hatten in den folgenden Tagen dort und am Brandenburger Tor Blumen abgelegt, Kerzen angezündet und auch zahlreiche eher persönliche Gegenstände hinterlassen. Viele kamen dorthin, um zu trauern oder Anteilnahme zu zeigen.
taz: Frau Meyer, die Gegenstände, die Menschen als Zeichen der Trauer am Tatort im Tiergarten und vor dem Brandenburger Tor abgelegt hatten, sind dort inzwischen abgeräumt. Wie kam es dazu?
Birga Meyer ist Historikerin und Kulturwissenschaftlerin und leitet seit April 2023 gemeinsam mit Luan Pertl das Schwule Museum in Berlin.
Birga Meyer: Wir haben uns mit dem CSD-Verein, dem LSVD und mit den Verwaltungen aus Tempelhof-Schöneberg und Mitte zusammengesetzt und uns beraten, was aus den Gegenständen werden soll, die Menschen dort abgelegt haben. Die Sachen sind ja draußen bei Wind und Wetter nicht dauerhaft haltbar. Wir haben dann vom Schwulen Museum spontan angeboten, die Gegenstände erst mal hier zu sichern. Das war eine Entscheidung im Zusammenspiel zwischen Community und Verwaltung.
Birga Meyer, Geschäftsführerin des Schwulen Museums
taz: Was haben Sie von den Erinnerungsorten mitgenommen?
Meyer: Da waren ganz, ganz viele persönliche Gegenstände, Briefe, Poster, bemalte Steine und Kuscheltiere, das ist der größte Anteil. Wie eine Momentaufnahme aus Trauer, Schock, aber auch viel Kraft und Solidarität. Dann gab es auch viele Schleifen von offiziellen Gebinden und Kränzen, aber teils auch selbst gestaltete Bänder mit Botschaften. Und dann waren da noch Fahnen, Banner, T-Shirts und Fähnchen aus verschiedenen Stoffen. Etwas Besonderes war auch das Gedenkbuch. Unter den Gegenständen, die wir jetzt mitgenommen haben, waren einige angebrannt. Die haben wir beiseite gelegt, weil die Polizei aktuell noch ermittelt, ob die vielleicht absichtlich beschädigt worden sind. Dahinter steht vielleicht eine doppelte Geschichte. Wir waren vom Museum her jedenfalls alle im Einsatz beim Sortieren und auch beim Zuordnen, was an welchem Ort abgelegt worden war.
taz: Was passiert jetzt mit den Gegenständen?
Meyer: Wir haben sie erst mal mitgenommen, damit sie nicht irgendwann weggeworfen werden und auch, damit wir Zeit gewinnen, um zu entscheiden, wie wir die Anteilnahme, die die Menschen damit ausgedrückt haben, festhalten. Wir haben die Papiere, Pappen und Fahnen bei uns im Hof ausgebreitet und in der Sonne getrocknet. Jetzt können sie gesäubert, weiter gesichert und richtig sortiert werden. Als Archiv und Sammlung kennen wir uns damit aus, daher haben wir das jetzt erst einmal übernommen. Was mit den Gegenständen langfristig passiert, kann so in Ruhe entschieden werden, und wir alle haben Zeit zu trauern und das Ereignis zu verarbeiten.
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