Nach US-Schlag gegen Venezuela: Warum Trump Mexiko (noch) nicht angegriffen hat
Mit seinen Drohungen will US-Präsident Trump Lateinamerika zum Hinterhof degradieren. Würde er seine Antidrogenpolitik ernst meinen, müsste er anders vorgehen.
N ehmen wir mal an, Donald Trump hätte Interesse daran, die Zahl der Drogentoten in den USA zu verringern. Klar, hat er nicht, sonst würde sich der US-Präsident an seinem Vorgänger orientieren, statt kriminell in andere Länder einzureiten. Im letzten Jahr von Joe Bidens Amtszeit ist ein Viertel weniger Menschen an dem Opioid Fentanyl gestorben als zuvor. Diese Tendenz hat angehalten – auch ohne militärische Aggression.
Im Übrigen mag der venezolanische Ex-Staatschef Nicolás Maduro ein schlimmer Finger sein, aber mit dem Drogenproblem der US-Amerikaner*innen hat sein Land wenig zu tun. Venezuela dient vor allem als Transitland für kolumbianisches Kokain, das nach Europa geht.
Nehmen wir trotzdem mal an, Trump wolle dafür sorgen, dass in den USA weniger Menschen an Rauschgift sterben. Seiner Logik folgend hätte er dann längst Mexiko anstatt Venezuela angreifen müssen. Schließlich stammt das Fentanyl meist vom südlichen Nachbarn, mit Zutaten aus China. Vorbereitungen für Angriffe hat Trump bereits getroffen. So setzte er mexikanische Kartelle auf die Terrorliste, und regelmäßig droht er, militärische Schläge auf Stützpunkte der Mafia durchzuführen.
Wobei „drohen“ in Trumps Interpretation der Weltordnung keine zutreffende Bezeichnung sein dürfte. „Wenn Sie wünschen, helfen wir mit unseren Kräften in Mexiko“, zitiert die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum, was ihr der Amtskollege während eines gemeinsamen Gesprächs nach der Attacke in Venezuela gesagt habe.
Die Mexikanerin hat, wie immer freundlich, auf das Angebot verzichtet und auf Mexikos territoriale Integrität hingewiesen. Es mag ihrer Gelassenheit sowie vor allem den engen wirtschaftlichen Verstrickungen der beiden Staaten geschuldet sein, dass Trump noch keine Drohnen oder Helikopter über den Rio Bravo geschickt hat. Recherchen der Washington Post zufolge war es allein die kapitalistische Vernunft eines Beraters, die ihn von den Angriffen abgehalten hat.
Kollateralschäden unvermeidbar
Aber wie würden solche Attacken eigentlich aussehen? Wen oder was würde Trump bombardieren? Fentanyl wird nicht mehr nur in den Dörfern der Sierra Madre gemischt, sondern ebenso in Drogenlaboren in und um die Landeshauptstadt Culiacán. In Wohnblocks, zwischen Kinderläden, Restaurants und Einkaufszentren. „Kollateralschäden“ wären wohl unvermeidbar.
Wer tatsächlich gegen die organisierte Kriminalität vorgehen will, müsste das Netzwerk angreifen, das den Drogenschmuggel erst möglich macht: korrupte Politiker*innen, Beamte und Jurist*innen sowie Banken, Immobilienfirmen und andere Unternehmen. Das will Trump natürlich nicht, zumal dann auch Mitarbeiter*innen der US-Antidrogenbehörde DEA und andere ihm verbundene Landsleute auffliegen würden.
Zwei Wahlversprechen des US-Präsidenten hängen von Mexiko ab: die Eindämmung der Migration und der Kampf gegen die Drogenmafia. Was die Einwanderung betrifft, hat er Erfolg. Sheinbaum mobilisierte massiv Sicherheitskräfte, um zu verhindern, dass Menschen die US-Grenze erreichen. Die Zahl einreisender Migrant*innen ist seither deutlich zurückgegangen.
Dutzende Kartellchefs ausgeliefert
Mit Blick auf die Mafia stimmt immerhin die Show: Die mexikanische Regierung hat mehrere Dutzend Kartellchefs an Washington ausgeliefert und kooperiert eng mit der DEA. Auch Sheinbaums verstärktes Vorgehen gegen kriminelle Organisationen schreibt sich Trump – zu Unrecht – auf seine Fahnen.
Aber die Interventionsdrohungen laufen auf einer anderen Spur. Sie sollen Trumps Entschlossenheit gegenüber seinen Anhänger*innen bekräftigen und seiner „Nationalen Sicherheitsstrategie“, laut der er Lateinamerika wieder zum willfährigen Hinterhof degradieren will, Nachdruck verleihen. Spätestens seit seinen Venezuela-Eskapaden werden diese Drohungen in Mexiko ernst genommen.
Mit einem Unterschied: Während die meisten Venezolaner*innen nach dem jahrelangen Elend des Regimes über Maduros Verschwinden glücklich sind, steht die überwiegende Mehrheit der Mexikaner*innen hinter ihrer Regierung. Militärische Angriffe würde sie nicht hinnehmen.
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