Nach Blackouts in Berlin: Ein Mast im Knast
Nach den Anschlägen auf die Stromversorgung rüstet Berlin beim Schutz kritischer Infrastruktur nach. Am Tatort in Johannisthal ist der Umbau abgeschlossen.
Foto: Britta Pedersen/dpa
Es hat etwas von einem Hochsicherheitstrakt, was da am Königsheideweg in Berlin-Johannisthal in der Morgensonne glänzt: ein hoher Metallzaun, Nato-Stacheldraht, Pfähle mit schwenkbaren Überwachungskameras und Lautsprechern sowie Bewegungssensoren und Stahlpoller gegen heranrasende Fahrzeuge.
Hinter den Mauern dieser modernen Festungsanlage ragen zwei große Strommasten in den Himmel. Oder, um genau zu sein, sogenannte Kabelendmasten, an denen insgesamt zwölf armdicke Hochspannungskabel in den Boden geführt werden – nochmal extra gesichert durch ein Metallgehäuse und Abwehrdorne.
Genau an diesen beiden Masten hatten Unbekannte im September 2025 ein Feuer gelegt, das zwei der Kabel zerstörte und einen massiven Stromausfall auslöste. Rund 50.000 Haushalte und Geschäfte in Treptow-Köpenick waren bis zu drei Tage ohne Elektrizität. Es war der größte Blackout in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs – bis nicht einmal vier Monate später eine Kabelbrücke in Lichterfelde brannte und Berlins Südwesten noch länger im Kalten und im Dunklen saß.
Neue Schutzstandards an neuralgischen Punkten
Die beiden Brandanschläge auf die Stromversorgung legten große Lücken beim Schutz kritischer Infrastruktur offen. Deshalb ist Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey sichtlich stolz auf die neuen Sicherheitsvorkehrungen in Johannisthal. Die SPD-Politikerin, die im Senat auch für den Bereich Energie zuständig ist, präsentiert die just vollendete Anlage am Mittwochvormittag gemeinsam mit Erik Landeck, dem Geschäftsführer des Netzbetreibers Stromnetz Berlin.
„Wir haben uns nach den Anschlägen committet, unsere neuralgischen Punkte mit einem Schutzstandard zu versehen, den es nirgendwo sonst in Deutschland gibt“, verkündet Giffey. Und die Maßnahmen an den Kabelendmasten seien „exemplarisch“ für diese „Bemühungen und Anstrengungen“. Dafür habe man „sehr, sehr viel investiert“, ergänzt die Senatorin. 180.000 Euro waren es allein für diese Stelle.
Franziska Giffey (SPD), Wirtschaftssenatorin
„93 Meter Zaun sind hier verbaut“, erläutert Giffey noch und deutet auf den Käfig hinter sich. „Natürlich ist das nicht die Schönheit in Person, aber wer hier rüberklettern will, wird das nicht ohne Verletzungen schaffen.“ Berlinweit seien seit Januar sogar 20 Kilometer Zaun errichtet worden. „Das sind 20.000 Meter, also ein bisschen mehr als hier“, rechnet sie vor. Hinzu kämen insgesamt 200 Kameras, Wachschutz, Zutrittssensorik, künstliche Intelligenz zur Auswertung des Bildmaterials. „Modernster Standard“, freut sich die Senatorin.
Die Hochrüstung hier am Rand der Königsheide ist Teil der Umsetzung des sogenannten TOP-Konzepts, das der schwarz-rote Senat im Mai beschlossen hat. Das Konzept sieht technische, organisatorische und physische Maßnahmen für einen erhöhten Schutz kritischer Infrastruktur vor.
Zum technischen Teil gehören demnach unter anderem die Schaffung sogenannter Georedundanzen – doppelt vorhandene Systeme, die räumlich voneinander entfernt sind, um nicht Ziel eines einzigen Angriffs werden zu können – und die Entflechtung von Knotenpunkten. Beides sind offensichtliche Lehren aus den beiden Brandanschlägen, bei denen die Versorgungskabel und die gleich daneben verlaufenden Redundanzen zerstört wurden.
Organisatorische Maßnahmen umfassen die Bewachung, aber auch die Frage, wer Zutritt hat sowie Übungen für den Ernstfall. Und mit physischen Maßnahmen sind ebenjene gemeint, die hier in Johannisthal so sichtbar sind.
3,7 Milliarden Euro für Netzausbau
Laut Stromnetz-Geschäftsführer Erik Landeck wurde dieses Konzept an allen rund 70 Umspannwerken in Berlin umgesetzt. „Auch wenn Sie es an manchen Orten vielleicht nicht so deutlich sehen wie hier, können Sie davon ausgehen, dass es schon da ist.“ Man müsse das Netz sicher machen für neue Bedrohungslagen, betont er. Insgesamt 3,7 Milliarden Euro will die Betreibergesellschaft zwischen 2026 und 2030 in den Ausbau und die Sicherung des Stromnetzes investieren. Etwa soll die Netzkapazität auf mehr als 4 Gigawatt verdoppelt werden.
Zum Abschied überreicht Landeck Giffey noch ein kleines Dankeschön: Es ist ein Stück des Kabels, das an dieser Stelle vor einem Jahr durchgeschmort war, eingefasst in Plexiglas. „Köpenick 2025“ lautet die Gravur. Dann öffnen die beiden noch kurz das Metalltor, damit die versammelten Reporter*innen einen Blick in den gesicherten Bereich werfen können. Verschlossen ist es bloß mit einem einfachen Vorhängeschloss mit Zahlencode. Das werde natürlich nicht so bleiben, beteuert Landeck. Und bis die Schließanlage fertiggestellt sei, würden Sicherheitsleute in einem Bauwagen gegenüber Tag und Nacht Wache schieben.
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