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NSU-Prozess in DresdenIrgendwie blöd gelaufen

Im Dresdner NSU-Prozess berichtet ein Ermittler, wie er die Terroristin Zschäpe vernahm. Er nennt einen Grund, warum es lange dauerte, bis es zu einem Verfahren kam.

Löst sich die Anklage in Luft auf? Susann Eminger vor Gericht in Dresden Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Aus Dresden

Joachim F. Tornau

Beate Zschäpe ist eine Meisterin darin, mit vielen Worten wenig zu sagen. Schon 2023 traf sich die die Rechtsterroristin, die wegen der rassistischen Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) eine lebenslange Gefängnisstrafe absitzt, 5 Tage lang mit Be­am­t*in­nen des Bundeskriminalamts. Sie gab sich auskunftsbereit und reumütig. Doch verraten hat die heute 51-Jährige kaum etwas, das nicht schon vorher bekannt gewesen wäre.

„Es gibt offenbar noch Wissen von ihrer Seite“, sagte ein leitender Ermittler, der sie damals vernommen hatte, am Mittwoch im Dresdner Oberlandesgericht. Zschäpe ist hier als Zeugin in einem Verfahren gegen Susann Eminger geladen, die zu der Zeit, als das NSU-Trio in Zwickau im Untergrund lebte, ihre beste Freundin war. In dem Prozess geht es darum, doch noch eine Person aus dem weiten Helfernetzwerk des NSU dingfest zu machen.

Konkrete Fragen zu den Morden an neun migrantischen Männern und einer Polizistin, die der NSU zwischen 2000 und 2007 beging, habe Zschäpe nicht beantwortet, sagte der Ermittler nun. „Über ihren Anwalt hat sie mitgeteilt, dass sie diese Tür nicht aufmachen könne. Dass es da mehr Wissen gebe, aber dass sie das erst psychologisch in der JVA aufarbeiten müsse.“ Der BKA-Beamte nannte das „unbefriedigend“.

Zschäpe ist 2018 im Münchner NSU-Prozess zusammen mit vier Unterstützern der neonazistischen Mordbande verurteilt worden. Nun muss sich Susann Eminger dafür verantworten, dass sie Zschäpe und ihren NSU-Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geholfen haben soll, jahrelang ein Leben unter falschen Identitäten in Zwickau zu führen. So nutzte Zschäpe die Krankenkassenkarte der Freundin und besaß Bahncards auf deren Namen, aber mit dem eigenen Foto.

Wie viel wusste Susann Eminger über die Morde?

Und: Die Angeklagte soll Zschäpe und Böhnhardt zur Abholung jenes Wohnmobils gefahren haben, das Mundlos und Böhnhardt für den Sparkassenüberfall am 4. November 2011 in Eisenach nutzten – und in dem sie sich schließlich selbst töteten, weil ihnen die Polizei auf den Leib rückte. Neben den Morden hatte der NSU 15 Raubüberfälle sowie drei rassistisch motivierte Sprengstoffanschläge begangen, am verheerendsten 2004 mit 22 Verletzten in der Kölner Keupstraße.

Die Bundesanwaltschaft wirft Susann Eminger die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Strittig ist dabei weniger, ob die heute 44-Jährige dem NSU-Kerntrio geholfen hat: Dass die Zwickauerin und ihr bereits im Münchner Prozess verurteilter Mann André Eminger die engsten Vertrauten der drei untergetauchten Neonazis waren, konnte bereits kurz nach der Selbstenttarnung der Terrortruppe als erwiesen gelten. Die Kernfrage, die der Dresdner Staatsschutzsenat beantworten muss, lautet vielmehr: Wie viel wusste die Angeklagte von den mörderischen Taten des NSU?

Dass Susann Eminger mit so vielen Jahren Verspätung doch noch angeklagt wurde, ließ vermuten: Zschäpe, die ihre Freundin sowohl im Münchner Prozess als auch 2023 bei ihrer Aussage vor dem bayrischen NSU-Untersuchungsausschuss immer in Schutz genommen hatte, müsse in der BKA-Vernehmung irgendetwas Belastendes gesagt haben. Spätestens nach dem Auftritt des Vernehmungsbeamten im Dresdner Prozess steht jedoch fest: Das hat sie keineswegs.

Wie der BKA-Beamte berichtete, will Zschäpe der Angeklagten zwar irgendwann einmal gebeichtet haben, dass das Trio sein Leben im Untergrund mit Banküberfällen finanzierte. Auch die vielen Waffen, die die NSU-Terrorist*innen in ihrer Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße lagerten, habe Susann Eminger wohl gesehen. Aber von den Morden habe sie nichts gewusst. Ziemlich genau das hatte Zschäpe auch erzählt, als sie im Dezember und Januar an drei Tagen als Zeugin im Dresdner Hochsicherheitssaal aussagte.

Es ist nicht so gewesen, dass das Verfahren im Schrank geschlummert hat

BKA-Beamter

Aber was war dann der Auslöser, dass die Bundesanwaltschaft im Februar 2024 überraschend entschied, Susann Eminger anzuklagen? Und sie damit aus dem Heer der vielen nie belangten NSU-Unterstützer*innen hervorzuheben? Glaubt man dem Ermittler: nichts. Es habe nur alles etwas länger gedauert. Anders ausgedrückt: blöd gelaufen.

Erst hätten die bereits 2012 eingeleiteten Ermittlungen gegen die Zschäpe-Vertraute „nicht erste Priorität“ gehabt, weil die Verfahren gegen die inhaftierten und später angeklagten Hauptverdächtigen Vorrang gehabt hätten. Dann habe man den Ausgang des Münchner Prozesses abwarten wollen, von dem „niemand geahnt“ habe, dass er fünf Jahre dauern würde.

Als das Urteil 2021 rechtskräftig war, klopfte das BKA erstmals bei Zschäpe an, doch die Rechtsterroristin lehnte eine Vernehmung ab – es sei für sie „zu emotional“, sich ihren Taten noch einmal zu stellen. Erst zwei Jahre später dachte sie um, wohl mit Blick auf die 2026 anstehende Entscheidung des Münchner Oberlandesgerichts, wie lange sie mindestens noch in Haft bleiben muss.

„Es ist nicht so gewesen, dass das Verfahren im Schrank geschlummert hat“, beteuerte der BKA-Beamte. Wie der Prozess für Susann Eminger ausgehen wird, lässt sich nicht absehen. Nur eines scheint sicher: Sollte sie verurteilt werden, dürfte sie allein schon wegen der überlangen Verfahrensdauer mit einem satten Strafrabatt rechnen können.

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