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NS-Geschichte in CannesDer Urgroßvater, ein Nazi-Kollaborateur

Ein Mann mit Ambitionen dient sich dem Vichy-Regime an. Der Schauspieler Swann Arnaud trägt den Film „Notre Salut“ mit verkniffenem Blick.

Ein Mann seiner Zeit: Henri Marre (Swann Arnaud) in „Notre Salut“ Foto: Festival de Cannes

So ein Briefwechsel ist ein ziemlich schweres Gepäck. Die Urgroßeltern des Regisseurs Emmauel Marre, Henri und Pauline Marre, schrieben sich diese Briefe in den vierziger Jahren, als sie getrennt lebten, weil Henri allein nach Vichy aufgebrochen war. Er wollte sich dem gleichnamigen Regime dort andienen. Emmanuel Marre ließ sich für seinen Film „Notre Salut“, den er im Wettbewerb von Cannes vorstellte, von diesen Briefen inspirieren.

Der Schauspieler Swann Arnaud gibt Henri Marre als stets schnittig gekleideten, drahtigen Mann, der sein graues Haar bombenfest zurückkämmt und wenig lächelt. Er ist nationalistisch überzeugt, in ökonomischen Fragen beschlagen und geistig „flexibel“ genug, um sich in den Dienst von Marschall Pétain zu stellen, der von Vichy aus als Nazi-Kollaborateur den „État français“ regiert. Henri Marre sieht seine Chance gekommen, einige seiner Ideen aus seinem programmatischen Buch „Notre Salut“, zu Deutsch „Unser Heil“, unter Pétain zu verwirklichen.

Zu Beginn des Films ist Marre ein halb verzweifelter Bittsteller, den seine Gesprächspartner bremsen müssen, sich nicht zu euphorisch über Pétain zu äußern. Das könnte sonst opportunistisch wirken. Marre trifft sich abends beim Wein mit mutmaßlich Gleichgesinnten, wird aber nicht sofort mit offenen Armen empfangen. Er aber drängt sich auf, verteilt bei jeder Gelegenheit sein Buch, lässt nicht locker.

Ein erster Auftrag, der ihn dem Regime näher bringen soll, führt ihn nachts in die von den Deutschen besetzte Nordzone Frankreichs, wo er ein Paket entgegennimmt. Zu Marres Überraschung findet er darin eine Katze, die er seinem Besitzer wiederbringen soll. Die Szene ist mit hartem Licht ausgeleuchtet, das Henri Marre als isolierte Gestalt umringt von Schwärze zeigt. Spotlights dieser Art verwendet Emmanuel Marre noch an anderer Stelle, schafft so eine Distanz zum Geschehen und einen Kontrast zu den ansonsten leicht matt patinierten Bildern.

Kraftstoff und Lkws organisieren, um Juden zu „entfernen“

Den distanzierten Blick behält der Urenkel Marre auch bei der weiteren Karriere seines Urgroßvaters. Henri Marre darf schließlich seine Effizienz in Arbeitsfragen unter Beweis stellen. Nach und nach ändern sich seine Aufgaben wie auch die seiner Kollegen. Als er für die Nazis irgendwann Benzin und Lkws organisieren soll, um Juden zu „entfernen“, interessieren ihn lediglich die Mengen an verlangtem Benzin und angefragten Fahrzeugen. Dass er sich über den Zweck der Fahrten ernste Gedanken machen würde, lässt der Film nicht vermuten.

„Notre Salut“ bildet im Wettbewerb das Gegenstück László Nemes’ Film „Moulin“ über den Tod des Résistance-Kämpfers Jean Moulin. Nemes legt seinen Film eher konventionell an, zudem erweist sich Lars Eidinger in der Rolle des Gestapo-Chefs Klaus Barbie durch seine theatralisch-kindliche Darbietung als schwierige Besetzung für den „Schlächter von Lyon“.

Marre hingegen verfremdet seinen Historienfilm punktuell, unterlegt Archivbilder von Franzosen, die unter Hakenkreuzfahnen den rechten Arm hochreißen, mit dem martialischen Gestampfe des Erfolgshits „Live Is Life“ der österreichischen Band Opus, eines Songs, dessen faschistischer Subtext schon in den achtziger Jahren von der Band Laibach offengelegt wurde. Und die Nazis sind bei ihm gegenüber den Franzosen auf hinterhältige Weise jovial.

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