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Mutterschaft und Care-ArbeitWo ist nur dieses Dorf?

Nach der Geburt ihre Kindes bemerkt unsere Autorin, dass sie Unterstützung braucht. Es gibt Hilfsangebote, aber trotzdem bleibt sie allein. Warum?

Wickeln, stillen, in den Schlaf begleiten, repeat: Ein Baby braucht viel Zuwendung. Manchmal mehr, als eine Person ihm geben kann Foto: getty images

Meine Arme sind schwer, als hingen Gewichte an ihnen. Mit steifen Fingern hebe ich Ole* aus dem Beistellbett – 115 Tage alt, 6 Kilo schwer. Ich gehe zwei Schritte, stolpere, fange mich gerade so. Beinahe wäre Ole mir entglitten. Zittrig stehe ich am Wickeltisch. Ole zappelt und ich habe Angst. Was, wenn das nochmal passiert und mein träger Körper nicht schnell genug reagiert? Ich verzweifle, ich weine. Mein Partner kommt, umarmt mich und löst mich ab. Eine halbe Stunde später ist er weg, die Lohnarbeit ruft.

Ich setze mich mit Ole aufs Sofa, stille und starre. Ich bin keine Sekunde allein aber fühle mich so einsam wie nie zuvor. Es wird ein zäher Tag, wie gestern und wie morgen: wickeln, stillen, in den Schlaf begleiten, repeat. Neben mir steht eine volle Müslischale, aber ich spüre keinen Hunger. Oles Bedürfnisse haben meine verschluckt. Ich verliere Gewicht, als würde ich mich in Zeitlupe auflösen. Die Verantwortung für ein Leben, das nicht meines ist, lastet auf mir wie eine schwere Decke. Eine Frau, die abwechselnd funktioniert und zusammenbricht.

Wie bin ich hier gelandet, in den Trümmern meiner neuen Identität, die doch so viel Glück versprach? Ist da nicht ein Fehler im System, oder scheitere ich an mir selbst? Mir fällt diese Binsenweisheit ein: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Ja, wo ist es denn, das Dorf?

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Gegen Ende meiner Schwangerschaft bin ich voller Zuversicht. Mein Freund und ich lesen „Papa kann auch stillen“. Es geht um gleichberechtigte Elternschaft. Easy, denken wir, wir geben dann auch mal die Flasche. In Woche sechs dann die Generalprobe mit abgepumpter Milch. Und „Papa kann stillen“, ja wirklich! Ein paar Tage später gehe ich abends in die Philharmonie, vier Stunden bin ich weg, es geht alles gut. Euphorisch teilen wir uns die Woche auf und ich mache Pläne: Klarinettenunterricht, Essen gehen, Kino, endlich wieder Kino.

Neun Wochen nach der Geburt sitze ich mit einer Freundin beim Italiener. Dann vibriert mein Handy. „Bitte kommen, Ole trinkt nicht.“ Ich zahle und renne los. Es ist vorerst das Ende unserer gleichberechtigten Elternschaft. Das Ende eines leichtfertig geträumten Traums.

Im Krisenmodus

Ole geht in einen Stillstreik. Er verweigert die Flasche – und lässt sich nicht mehr anlegen. Er schreit und wütet, jedes Mal, bis er irgendwann trinkt, hastig, unter Stress. Oft muss ich ihn dabei stehend in den Armen wiegen und wippen.

Meine Gedanken kreisen: Was, wenn wir Ole doch an die Flasche mit Premilch gewöhnen, den Stillstreik brechen und abstillen? Doch schon nach der Geburt hatte man mir im Krankenhaus klar gemacht, dass „eine gute Mutter ihr Kind stillt“. Also klammere ich mich an unsere Stillbeziehung.

Nach ein paar Wochen ist der Spuk vorbei. Trotzdem bleibt die Erleichterung aus. Mein Partner geht nun wieder voll arbeiten und ich frage mich: Wann nur fühlen sich die Tage wieder leichter an? Einmal die Woche geht mein Freund nach der Arbeit zum Sport. Ich liege im Bett, Ole an der Brust. Er schlägt und strampelt – ah, jetzt schießt die Milch, jetzt ist Ruhe.

Nur ich bin nicht ruhig, ich bin wütend. Auf unsere Gesellschaft, der ihre Dörfer abhanden gekommen sind. Den Feminismus, der mir etwas versprochen hatte, das sich nicht einlösen will. Und auf meinen Freund, der gerade beim Sport seinen Kopf freimacht, während ich wie jeden Abend reglos unser Kind in den Schlaf stille, weil Ole so nun mal am besten einschläft. Zugleich soll wenigstens er einen Ausgleich haben. Wir sind uns einig: Niemandem ist geholfen, wenn beide ausbrennen. Trotzdem bin ich wütend. Fühlen andere Mütter auch so?

Ich habe nur wenig Kontakt zu anderen Müttern mit Kindern im gleichen Alter. Dabei sehe ich jeden Tag, wie sie allein durch die Straßen schlurfen, ein Baby vorm Bauch, tragend, schiebend. Ich sehe sie beim Rückbildungskurs, beim Babyschwimmen, im Elterncafé. Aber Anschluss finde ich nicht. Ich bin zu müde, beim Smalltalk nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die über das Muttersein hinausgehen.

Im Herbst 2025 ergab eine Umfrage unter 1.000 Frauen in Deutschland, die seit 2020 Kinder bekommen haben, dass sich 67 Prozent von ihnen einsam fühlen. Mehr als die Hälfte beschrieb die Einsamkeit als „tiefgreifend“. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH ergab im selben Jahr zudem: Fast 70 Prozent der befragten Eltern fühlten sich ausgebrannt.

Zwischen Utopien und verpassten Gelegenheiten

Natürlich gibt es sie, die anderen Entwürfe von Elternschaft. Wir müssten nicht mal aufs Dorf ziehen, um solche kollektiven, solidarischen Modelle zu leben. So manche queere Familie macht es längst vor und erzieht ein Kind zu dritt, als gleichberechtigte Co-Parents. Co-Housing wiederum ist ein Konzept, bei dem Familien in einer Lebensgemeinschaft die Sorgearbeit auf viele Schultern verteilen.

Schon in den 1990er Jahren entwickelte die feministische Philosophin Nancy Fraser das Universal Caregiver Model: Alle Menschen übernehmen Sorgearbeit und gehen lohnarbeiten. Das ginge, wenn die Arbeitszeit stark verkürzt und Sorgearbeit aufgewertet, also Wirtschaft, Sozialstaat und Geschlechterverhältnisse so richtig umgekrempelt würden. Vier Stunden Erwerbsarbeit, vier Stunden Sorgearbeit, vier Stunden Freizeit, wäre so eine Idee zur Aufteilung. Dafür müssten wir die Komfortzone unserer heimeligen Kernfamilien nicht einmal verlassen. Wenn wir dann noch SoMiWis gründen würden, Solidarische Milchwirtschaften, würden auch stillende Personen entlastet …

Schöne heile Welt. Ich brauche sie aber jetzt, die Hilfe im Alltag. Während Ole schläft, scrolle ich mich durch Babysitting-Portale. Aber da ist ein Störgefühl. In der Uni scanne ich das schwarze Brett nach einer netten Studentin, die auf Ole aufpassen möchte, für einen bezahlbaren Stundenlohn. Leider nichts.

An einem Gleis sehe ich eine Plakatwerbung: Ein „Wellcome Engel“ lacht mich an. Eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und Baby auf dem Arm. „Spende Zeit, schenke Entlastung, gewinne Freude“ steht da. Das Projekt vermittelt Ehrenamtliche – meist pensionierte Frauen – an Familien mit Babys, die sich Hilfe mit der Sorgearbeit wünschen. Auf der Webseite ist sogar von dem berühmten „Dorf“ die Rede. Wie maßgeschneidert für meine Not! Ich sollte bald dort anrufen.

Das Leistungsprinzip ist mir bis an den Wickeltisch gefolgt und ich werde es einfach nicht mehr los.

Ein paar Tage später brechen Ole und ich auf zu einer Krippe. Auf Kleinanzeigen war ich auf die Annonce der beiden Tagesmütter gestoßen. Auf dem Weg meldet sich mein Handy: „Wellcome Engel anrufen.“ Ich schiebe die Erinnerung auf die nächste Woche.

Eine der beiden Tagesmütter empfängt mich im 1. OG eines Altbaus. Ich bin nervös. Ole schaut sich neugierig nach den Kleinkindern um, die durch die Wohnung wackeln. Es ist sauber und friedlich, die beiden Frauen herzlich und kompetent. Ich frage, ob ich Ole auch nur gelegentlich und stundenweise vorbeibringen könnte. Leider nein, aus finanziellen Gründen.

Draußen wundere ich mich: Anstatt enttäuscht zu sein, dass es nicht klappt, bin ich erleichtert. Wieso bloß? Ich suche doch Unterstützung! Die Woche drauf nervt mein Handy wieder: „Wellcome Engel anrufen.“ Ich deaktiviere die Erinnerung. Warum fühlt sich keines dieser Angebote richtig an? Warum dieser Selbstboykott?

Scham, Schuld und Kapitalismus

Die Medizinische Hochschule Hannover hat im November Ergebnisse einer Studie präsentiert: Mütter, die sich in ihrer Elternrolle weniger sicher fühlen, leiden unter größerem psychischen Stress. Unsicher seien sie wegen verinnerlichter Normen und Ideale, die sich nicht erfüllten.

Ja, ich fühle mich unsicher. Das passt nicht zu dem Bild, das ich von mir als Mutter hatte. Ich dachte, ich würde das alles wuppen, ohne zu klagen, selbstbewusst und leichtfüßig. Da ist dieser Ehrgeiz, den ich nicht mag: Wenn alle anderen das schaffen – allein –, dann muss ich da mithalten können. Hilfe anzunehmen, würde bedeuten, abhängig zu sein, Kontrolle zu verlieren und Schwäche einzugestehen. Das Leistungsprinzip ist mir bis an den Wickeltisch gefolgt und ich werde es einfach nicht mehr los.

Sophie Fichtner und Stefan Hunglinger blicken in die Kamera, daneben steht: Reingehen – Die Geschichten der Woche
Foto: taz
Freundschaft mit dem eigenen Körper?

Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Lilly Schröder über Magersucht und Solidarität mit dem eigenen Körper.

Hier geht es zum Podcast.

In dieser Zeit denke ich oft an meine verstorbene Mutter. Sie fehlt nochmal anders, seit es Ole gibt. Sie war die Alleinerziehende eines Kuckuckskindes. Weil sie beruflich viel unterwegs war, gab sie mich oft in die Obhut der Familien meiner Freund:innen, in den Ferien, an Wochenenden, unter der Woche. Solidarisch nahmen sie mich auf.

Meine Mutter hat mir früh beigebracht, selbständig zu sein, aber wie man um Hilfe bittet oder sie annimmt, habe ich nicht gelernt. Wann immer mir meine Freunde eine Hand reichen wollen, lehne ich dankend ab. Warum würde ich die Hilfe meiner Mutter annehmen, aber die meiner Freun­d:in­nen nicht? Auch meine Freun­d:in­nen mit Kindern haben meine Betreuungsangebote selten bis gar nicht angenommen, trotz großer Erschöpfung. Wir sehen uns als Wahlverwandte, sind uns näher als mit den eigenen Cousins. Aber Hilfe annehmen? Da würde man ja zur Last fallen, das fühlt sich an, wie zu viel verlangt.

Dabei gab es diesen einen flüchtigen Moment. Kurz nach dem Vorfall am Wickeltisch, als meine kraftlosen Arme drohten, Ole fallen zu lassen. Wir verbringen ein Wochenende mit Freunden im Ferienhaus. Einer schaut mich besorgt an: „Du siehst müde aus.“ Er nimmt mir Ole aus den Armen und läuft mit ihm im Fliegergriff durch den Garten. Auch andere tragen mein Kind eine Runde herum, ganz selbstverständlich.

Auf einer Bank vor dem Haus sacke ich zusammen. Wie gut es tut, die Verantwortung loszulassen. Dann denke ich an nächste Woche: stillen, wickeln, in den Schlaf begleiten, repeat. Immerhin spüre ich wieder ein bisschen Kraft in meinen Armen. Eine Freundin gibt mir Ole zurück, schon wieder vorbei die Pause. Aber da ist es ja, das Dorf. Zumindest für einen Augenblick.

*Die Namen der Autorin und des Kindes sind Pseudonyme.

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